Ramat Gan

Die heimlichen Heldinnen und Helden

Ein Schutzraum im Pinchas-Rosen-Elternheim in Ramat Gan Foto: Oliver Vrankovic

Die erste Nacht ohne Raketenalarm zeigte bereits, wie sehr der Ausnahmezustand noch Kontrolle über uns hat. Obwohl alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter todmüde und völlig ausgelaugt waren, lag jeder von uns bis in die Morgenstunden hellwach in seinem Zimmer. Dabei wäre es nach einer gefühlten Ewigkeit ohne Schlaf und Erholung dringend nötig gewesen, für ein paar Momente die Augen zu schließen. Aber es ging einfach nicht.

Denn wieder und wieder kreisten die gleichen Bilder und Gedanken im Kopf. Plötzlich aufstehen zu müssen, um zwei ganze Etagen im Seniorenheim zu evakuieren, darauf achten, dass wirklich alle in Sicherheit sind. Man zog sich also erst gar nicht aus, die Schuhe standen parat und der Fernseher lief. Und obwohl in dieser Nacht nichts passiert ist, war es unmöglich zu schlafen. Dabei arbeite ich bereits seit über 16 Jahren im Pinchas-Rosen-Elternheim in Ramat Gan, das einst für deutschsprachige Juden gegründet wurde, dann aber auch viele Schoa-Überlebende aus dem östlichen Europa beherbergte. Seit 2021 sitze ich an der Rezeption. Aber in den Nächten, in denen Israel unter Beschuss gerät, bin ich der Raketenbereitschaft zugeteilt. Meine Aufgabe ist es, im Falle eines Alarms die Bewohner des zweiten und dritten Stocks zu wecken und dafür zu sorgen, dass sie alle rechtzeitig in die Schutzräume im Keller des Gebäudes kommen.

Völlig neue Situation

Obwohl wir seit mehr als zehn Jahren mit solchen Situationen leben müssen, standen wir seit Freitag, dem 13. Juni, vor einer völlig neuen Herausforderung. Haben wir bisher alte Menschen, die mitunter auf die hundert zugehen, dann in speziell gesicherte Gänge oder Treppenhäuser gebracht, mussten wir sie nun in unterirdische Schutzräume geleiten. Bereits im Krieg von 2014 und immer wieder danach, wenn ich Raketenbereitschaft hatte, war es für mich eine emotionale Herausforderung, alte und gebrechliche Menschen zu sehen, die in ihrem Leben wirklich alles durchlitten haben, wie sie nun hochbetagt und mitten in der Nacht im Schlafanzug Schutz suchen mussten. 

Eine der ersten Raketen aus dem Iran, die Israel trafen, schlug nur wenige hundert Meter Luftlinie vom Heim entfernt ein und richtete verheerenden Schaden an.  Die Druckwelle hat sogar das wirklich massive Gebäude des Elternheims erschüttert, weshalb alle verstanden, dass wir es nun mit einer bis dato nicht gekannten Bedrohung für unser Leben zu tun haben. Das geschah nur wenige Stunden nach Beginn des Schabbats. Und diesem Alarm folgten noch zwei weitere in derselben Nacht. So ging es die nächsten Tage und Nächte weiter. Immer wieder gab es Alarm, oft hörten wir die Einschläge, die Tod und Zerstörung brachten.

Mit jedem Tag wurde die Müdigkeit unerträglicher und die Bewohner schliefen mitten am Tag in ihren Stühlen ein. Und auch uns vom Personal waren Schlafmangel und Erschöpfung bald anzusehen. Aber es gab auch die heimlichen Heldinnen, und zwar die Betreuerinnen von den Philippinen und aus Indien. Obwohl sie die politische Situation vielleicht schwer einordnen konnten, kümmerten sie sich nicht nur weiterhin liebevoll um die alten Menschen. Und sie griffen sofort der gesamten Belegschaft des Pinchas-Rosen-Elternheims mit unter die Arme, halfen unaufgefordert, wo sie nur konnten. Es handelt sich um dieselben Frauen, die nach dem 7. Oktober, als überall Chaos und Unsicherheit herrschten, geblieben sind und weiter gearbeitet haben.

Der Aufzug als Flaschenhals

Aber auch für sie bedeuteten die gerade hinter uns liegenden Tage etwas völlig Neues. Denn im Fall eines drohenden Raketenangriffs hatten wir zwar dank eines neuen Systems eine Vorwarnzeit von ungefähr 15 Minuten, wenn man aber wirklich etwas auf uns abfeuerte, gab es nur eineinhalb Minuten bis zum eigentlichen Alarm, begleitet durch einen schrillen Ton auf dem Smartphone. Immerhin hatten so auch die Bewohner, die auf Rollstühle angewiesen sind, eine Chance, rechtzeitig im Schutzraum zu sein. Doch es gab ein Problem. Die Aufzüge erwiesen sich als Flaschenhals in diesen Momenten, weil ihre Kapazitäten nicht ausreichen, alle rechtzeitig in die Keller zu bringen. Deshalb wurde das neue System schnell wieder obsolet.

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Wir dagegen mussten so effizient sein, dass möglichst alle Bewohner in Sicherheit waren, bevor die Einschläge drohten. Jeder von uns bekam Stockwerke und Einzelwohnungen zugeteilt und unsere Aufgabe war es, die Bewohner rechtzeitig zu warnen und sie mitunter aus den Betten zu holen. Deshalb weiß ich jetzt sehr gut, wer im zweiten und dritten Stock des Elternheims noch halbwegs hören kann und wo ich persönlich hingehen muss, um die alten Herrschaften zu warnen, wenn Gefahr im Verzug ist.

Alten Menschen muss man nicht erklären, was eine existenzielle Bedrohung ist

Die Ereignisse von Beer Sheva, wo ein Krankenhaus getroffen wurde, und die Tatsache, dass auch ein Elternheim im Norden von Tel Aviv beinahe einen Treffer erhielt, führten uns allen den Ernst der Lage vor Augen. Hinzu kamen die Sorgen der alten Menschen um ihre Angehörigen. Trotzdem war ich von der enormen Resilienz der Bewohner überrascht.  Vielleicht liegt es auch daran, dass man Menschen in diesem Alter, die so viel erleben mussten, nicht großartig erklären musste, was eine existenzielle Bedrohung ist, wie sie der Iran darstellt.  Auch die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten uns bald zur Hilfe kamen, verbesserte die Stimmung im Heim spürbar. Der Waffenstillstand wurde ebenfalls positiv aufgenommen. Vielleicht gelingt es uns ja deshalb, schon bald ganz normal am Abend wieder einzuschlafen zu können.

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