Skandal

Die Deals des Patriarchen

In der Kritik: der orthodoxe Patriarch Theophilos III. Foto: Flash 90

Skandal

Die Deals des Patriarchen

Die griechisch-orthodoxe Kirche verkauft massenhaft Land an dubiose Firmen

von Sabine Brandes  23.10.2017 20:00 Uhr

Es ist der Albtraum eines jeden Hauseigentümers. Doch für zahlreiche Israelis könnte er sich bald bewahrheiten: der Verlust der eigenen vier Wände. Denn das Stück Land, auf dem ihr Heim gebaut ist, gehört der griechisch-orthodoxen Kirche im Heiligen Land. Besser gesagt: Es gehörte. Denn seit einigen Jahren verhökert die Leitung unter Patriarch Theophilos III. aus Jerusalem Ländereien in Israel im großen Stil. Und niemand weiß genau, an wen.

Die griechisch-orthodoxe Kirche ist nach der staatlichen Behörde für Grund und Boden der zweitgrößte Landeigentümer. Insgesamt gehörte ihr eine Fläche von 450 Hektar (4,5 Quadratkilometer). Diese Situation entstand im 19. Jahrhundert, als die Kirchenführung Boden für landwirtschaftliche Zwecke ankaufte. Mittlerweile gehören einige dieser Grundstücke zu den besten Gegenden im ganzen Land, darunter in Jerusalem, Jaffa, Tiberias, Caesarea, Ramle, Nazareth und anderen Orten. Seit Israels Unabhängigkeit 1948 verpachtete die Kirche Grundstücke an verschiedene staatliche Organisationen wie den Jewish National Fund (JNF) und die Natur- und Parkbehörde. Die Verträge laufen in der Regel 99 Jahre lang, mit der Option einer Verlängerung.

Steueroasen Seit dem Jahr 2011 allerdings wird ein Grundstück nach dem anderen heimlich, still und leise für einen Bruchteil des Marktwertes an private Investoren in Steueroasen verkauft, ohne dass jemand den Grund dafür kennt oder informiert wird. Das kam jetzt durch investigative Zeitungsberichte ans Licht. Auch gibt es keinerlei Informationen, wer hinter den Briefkastenfirmen tatsächlich steckt. Es ist ein Mysterium und hat den Anschein von krummen Geschäften. Nicht einmal die Hauseigentümer wissen vorab von den Deals. Von der griechisch-orthodoxen Kirche gibt es dazu keinerlei Erklärung. Angeblich ist bereits der Großteil des gesamten Grundbesitzes auf diese Weise über den zwielichtigen Ladentisch gegangen.

Ein Aktivist der orthodoxen Kirchengemeinde in Jaffa, Peter Habasch, erklärte in einem Interview: »Das sind keine Verkäufe, das ist Diebstahl. Wenn man Eigentum für einen Bruchteil des Wertes verkauft, ergibt es einfach keinen Sinn.« Nach dem Bekanntwerden der Verkäufe gehen zunehmend Mitglieder der christlichen Gemeinden in Israel, den palästinensischen Gebieten und in Jordanien auf die Straße, um gegen die Verkäufe zu protestieren. Sie meinen, dass das Land das Rückgrat der Kirche darstellt und niemals veräußert werden darf. Die Protestierenden bezeichneten Patriarch Theophilos III. als korrupt, skandierten, dass er sich seine eigenen Taschen füllen wolle, und forderten seinen Rücktritt.

Pachtland Doch auch die Regierung in Jerusalem tut sich schwer, Antworten zu finden. Es gehe sie nichts an, lautet der einzige Kommentar bislang. Zwar wurde jüngst ein Gesetzesvorschlag von der Parlamentarierin Rachel Azaria (Kulanu) eingebracht, der den Boden aus derartigen Landverkäufen verstaatlichen soll, um die Hauseigentümer zu schützen, doch es gilt als unwahrscheinlich, dass er in der jetzigen Formulierung angenommen wird. Dem existierenden Gesetz zufolge gilt, dass verpachtetes Land nach einem Verkauf an den Erwerber übergeht und die Wohnungseigentümer ihre Häuser verlieren. Nach dieser Nachricht fielen die Immobilienpreise in den entsprechenden Gegenden bereits in den Keller. Es ist derzeit unmöglich, dort ein Haus oder eine Wohnung zu verkaufen.

Wie die Tageszeitung »Haaretz« in einem investigativen Bericht beschrieb, verkaufte die griechisch-orthodoxe Kirche im Jahr 2012 ein komplettes Wohnviertel in Jerusalem für lächerliche 3,3 Millionen Dollar. Dazu gehören 240 Apartments, ein Geschäftszentrum und offene Flächen im Herzen der Stadt. All das wurde an die ausländische Investmentfirma Kronti Limited mit Sitz auf den Jungfraueninseln veräußert und später von dieser an eine andere Firma auf den Cayman-Inseln weiter verschachert.

Vertrag Noch ist dieses Land vom JNF gepachtet. Doch in rund 50 Jahren läuft der Vertrag aus. Über das, was dann mit den Menschen geschieht, die hier Eigentum gebaut oder gekauft haben, kann derzeit nur spekuliert werden. Klar ist aber, dass sie den unbekannten Käufern ausgeliefert sind. Es besteht sogar die Gefahr, dass sie denen das Land für horrende Preise abkaufen oder es von ihnen pachten müssen, um in ihren eigenen Häusern wohnen bleiben zu können.

Haaretz berichtete weiter, dass die griechisch-orthodoxe Kirche erst vor zwei Jahren 43 Hektar Land in Caesarea verkauft hat – und zwar komplett mit Teilen der archäologischen Ausgrabungen des Nationalparks und des antiken Amphitheaters. Dieser Boden ging für die unglaublich niedrige Summe von einer Million Dollar an Senet Ventures, die in St. Vincent und den Grenadinen registriert ist. Der Pachtvertrag mit der Nationalen Parkbehörde läuft nur noch bis zum nächsten Jahr.

jaffa Große Sorgen bereitet auch der Verkauf der Gegend rund um den berühmten Uhrenturm in Jaffa. Der Turm, erbaut 1903, ist eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten im Zentrum des Landes. Rundherum liegen verschiedene Geschäfte, Restaurants und Wohnhäuser. 6000 Quadrat- meter wurden für nur eineinhalb Millionen Dollar verhökert, inklusive Dutzender Läden in bester Geschäftslage.

Im Sommer fanden mehr als 1500 Hauseigentümer in den besten Vierteln von Jerusalem, darunter Rehavia und Talbieh, plötzlich heraus, dass der Boden, auf dem ihre Häuser stehen, nicht mehr der griechisch-orthodoxen Kirche gehört. Er war hinter ihrem Rücken verkauft worden. Neuer Eigentümer ist eine private Immobilienfirma mit Sitz auf irgendeiner Insel in der Ferne. Der Leasingvertrag mit der Kirche läuft in 30 Jahren aus. Was dann geschieht, weiß niemand. Die Anwohner jedoch ahnen nichts Gutes.

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