Architektur

Deutsches Dorf in Tel Aviv

Sarona bei Nacht Foto: Flash90

Mitten in Tel Aviv scheint es, als sei die Zeit stehengeblieben. Ausflügler sitzen im Viertel Sarona auf einer grünen Wiese und picknicken. Auf Bestellung servieren Kellner Weinflasche, Gläser, Pizza und Salat im Korb dorthin, wo der Gast seine Decke ausbreitet. Das Viertel geht auf Christen aus Württemberg zurück: Sie gründeten vor rund 150 Jahren die »Tempelgesellschaft« und begannen, im Heiligen Land christliche Lebensgemeinschaften aufzubauen.

Die Stadtverwaltung von Tel Aviv hat in den vergangenen Jahren 37 dieser alten Templerhäuser restaurieren lassen – und damit auch ein Stück Geschichte. Im alten Biergarten fließt heute wieder Saft aus deutschem Hopfen durch den Hahn. Renoviert wurden auch die alte Kegelbahn und die »Deutsche Weinbaugenossenschaft«, wie noch deutlich an einem der Häuser zu lesen ist. Fünf Häuser wurden komplett um rund 20 Meter zu verschoben, um den Bürgersteig zu erweitern.

Kulturerbe Die treibende Kraft hinter dem Projekt: Shay Farkash von der Gesellschaft zur Erhaltung von israelischem Kulturerbe, Sohn eines aus Rumänien eingewanderten Bürstenmachers. Er ist dafür zuständig, die Wandbemalungen in den Templerhäusern wiederherzustellen. Aber er engagiert sich weit darüber hinaus. »70 Prozent von dem, was ich hier mache, ist Arbeit«, sagt er. Der Rest sei eigenes Vergnügen und persönliches Anliegen.

Seit Anfang 2000, lange bevor die konkrete Planung für die Sarona-Restauration begann, suchte er nach den Leuten, die am besten wissen mussten, wie es damals wirklich hier aussah: nach den Nachkommen der Menschen aus den Templersiedlungen. Während und nach dem Zweiten Weltkrieg waren sie von den britischen Mandatsherren aus Palästina nach Deutschland und Australien vertrieben worden. Viele waren NS-Anhänger.

Bei Helmut Glenk stieß Farkash auf offene Ohren. Glenks älterer Bruder war noch in Sarona zur Welt gekommen, er selbst in einem australischen Flüchtlingscamp. »Sarona ist mir zur Leidenschaft geworden«, berichtet Glenk, der in Australien geblieben ist.

Einst lebten seine Eltern und Großeltern in Sarona. Die Verwandlung des Viertels in den vergangenen zehn Jahren fasziniere ihn. Besonders berührt sei er gewesen, erzählt Glenk, als er vor zehn Jahren aus Australien anreiste und zum ersten Mal den Fuß in das Haus seiner Großeltern setzte. Das Haus der Glenks steht ganz im Süden von Sarona, gegenüber erhebt sich heute ein Hochhaus mit einem modernen Einkaufszentrum im Ergeschoss.

Gärten Am 18. Oktober 1871 legten die Templer den Grundstein für ihre landwirtschaftliche Siedlung Sarona. Evangelische Freikirchler ließen sich außerdem in Jerusalem, Haifa und Jaffa nieder. Sie bauten Häuser, pflanzten Bäume und legten Gärten an.

Die architektonischen Ähnlichkeiten zu Neve Zedek, dem ersten jüdischen Tel Aviver Viertel, sind unübersehbar: Die beiden Wohnviertel sind die einzigen in der Stadt, in denen die Häuser rote Giebeldächer haben.

In den alten Templerhäusern sind heute Galerien, Boutiquen und eine Eisdiele untergebracht. Shay Farkash kennt jedes einzelne Gebäude: das frühere Gemeindehaus, in dem nun Sportschuhe verkauft werden, daneben das Haus des Schmiedes – gut zu erkennen an den eisernen Fensterläden.

Die Unternehmen bezahlen die Renovierungsarbeiten in Sarona und halten die Rechte auf die Häuser für die kommenden 95 Jahre. Die alte Schule, ein paar Schritte vom Haus des Schmieds entfernt, gehörte zu den ersten Gebäuden von Sarona.

Die Schuluhr über dem Eingang ist eine Attrape. Das Original wird hinter Glaswänden in dem kleinen Museum von Sarona aufbewahrt. Das alte Uhrwerk lag auf einem Dachboden, Farkash ließ es für umgerechnet 300 Euro wieder herrichten. Er deutet auf eine Lücke über der Uhr: »Dort war früher die Glocke«, sagt er, »die hat Mosche Dayan mitgenommen«. Der legendäre israelische Verteidigungsminister mit der Augenklappe war bekannt für seine Sammelfreudigkeit.

ebay Dass an das alte Schulhaus außerdem noch ein Postkasten gehört, weiß Farkash von Fotos, die ihm Templer-Nachfahren schickten. »Die deutsche Post hat uns einen original alten Postkasten geschenkt«, sagt er, nun müsse er das 60 Kilogramm schwere Utensil nur noch abholen. Im Organisieren von Details, die das Puzzle vervollkommnen, ist Farkash Meister. Bei eBay fand er etwa für 67 Euro einen alten Waschbottich aus der Zeit der Jahrhundertwende.

Über Jahrzehnte sprachen die Templer untereinander Deutsch und schickten ihre Kinder zur Ausbildung nach Deutschland. Mit der Machtergreifung Hitlers, dann dem Krieg und schließlich den ersten Nachrichten von der Judenverfolgung waren die Deutschen in Israel nicht mehr wohlgelitten, bis schließlich die britischen Mandatsherren die Siedlung räumen ließen. Für ein paar Jahre nutzte die britische Armee die leerstehenden Häuser.

Die Sorge vor jüdischen Racheaktionen gegen die Deutschen im Land war nicht unberechtigt. Im März 1946 starb Gotthilf Wagner, der letzte Bürgermeister Saronas, mit einer Kugel im Kopf. »Meines Wissen sind seine Mörder nie zur Verantwortung gezogen worden«, berichtet Glenk. Der Sohn von Templern war von der Geschichte seiner Familie so eingenommen, dass er anfing zu recherchieren und sogar Bücher schrieb über Sarona.

Nach der Gründung des Staates Israel 1948 wurde Sarona Teil des Geländes der »Kiria«, Sitz des Verteidigungsministeriums und miltiärischen Generalstabs. Doch der Umzug der Miltärs ist geplant. Farkash hofft, dass dann die 13 Templerhäuser, die heute noch hinter dem Zaun stehen, auch noch restauriert werden können.

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