Wissenschaft

Das Orakel vom Technion

In einem Alter, in dem andere Kinder ihr erstes Wort buchstabieren lernen, tippte Kira Radinsky ihre erste Zeile Programmiercode. Sechs Jahre alt war sie, als sie über einem Computerspiel brütete und den Code manipulierte, um zum nächsten Level zu gelangen – ein erster Schritt auf dem Pfad, den ihr Leben einschlagen sollte. Seit ihren ersten informatischen Gehversuchen hat die heute 30-jährige Kira Radinsky eine atemberaubende Karriere hingelegt, die selbst im erfolgsverwöhnten Hightechland Israel für Schlagzeilen sorgt.

Noch während des Studiums entwickelte sie eine Software, die mit bis dahin unerreichter Wahrscheinlichkeit Großereignisse wie Seuchen und Aufstände voraussagen kann. Sie gründete SalesPredict, ein Start-up, das Prognosen für Geschäftsabschlüsse und Umsatzerwartungen liefert. Und Mitte Juli kaufte der Internetgigant Ebay das Start-up für rund 40 Millionen US-Dollar und kürte Radinsky zur leitenden Wissenschaftlerin seines israelischen Standortes. »Israels Sechs-Millionen-Dollar-Frau« titelte die israelische Wirtschaftszeitung Globes in Anspielung auf das geschätzte Vermögen Radinskys nach dem Verkauf.

Traum Ihren eigenen Werdegang hätte ihre Software wohl kaum voraussagen können. Im Alter von vier Jahren zog Radinsky mit ihrer Familie quasi mittellos aus der Ukraine nach Israel. »Meine Eltern hatten nichts«, sagte sie im Interview mit einem israelischen Fernsehsender. »Meine Mutter musste in drei Jobs gleichzeitig arbeiten.«

Sie selbst träumte schon als Kind von einer Karriere als Wissenschaftlerin: »Mich hat immer interessiert, wie die Dinge funktionieren.« Durch die Schule preschte sie in Höchstgeschwindigkeit, übersprang mehrere Klassen und begann im Alter von 15 Jahren ein Informatikstudium am Technion, Israels prestigeträchtiger technischer Universität in Haifa. Mit gerade einmal 26 Jahren schloss sie ihre Doktorarbeit über Datenauswertung ab.

Während ihres Studiums entwickelte sie ihr innovatives System zur Vorhersage von Großereignissen, das ihr etliche Artikel im In- und Ausland sowie eine Nennung auf der »Forbes 30 Under 30«-Liste des gleichnamigen US-Magazins einbringen sollte. Es begann damit, dass Radinskys Blick Ende 2012 an einer Nachricht hängen blieb: In Arkansas waren Tausende Fische tot an Land gespült worden, »natürliche Ursachen«, hieß es.

statistiken Diese Begründung frustrierte Radinskys Wissenschaftsgeist. Sie begann zu recherchieren, klickte sich durch die Google-Statistiken und stellte fest: Ein halbes Jahr vor dem Fischsterben hatten Internetnutzer in Arkansas auffallend oft nach »Ölverschmutzung« gesucht. Wie sie herausfand, entzieht Öl dem Wasser Sauerstoff – ein Prozess, der rund ein halbes Jahr dauert. Dank der Suchmaschinen-Statistik war Radinsky der Ursache für das Fischsterben auf den Grund gekommen. Und sie begriff, wie viel Macht in den Datenmassen des World Wide Web verborgen liegt.

In den Monaten darauf entwickelte sie eine Software, die Nachrichtenartikel, Facebook-Posts, Tweets und Suchbegriffe nach Korrelationen scannen und so dazu beitragen kann, Seuchen, Aufstände und Bürgerkriege vorherzusehen. Den Ausbruch einer Cholera-Epidemie in Kuba 2013 etwa kündigte die Software Monate im Voraus an. Denn dort traten zwei Faktoren auf, die in Kombination die Wahrscheinlichkeit des Seuchenausbruchs gravierend erhöhen: eine Dürreperiode, die Trinkwassermangel verursacht, gefolgt von einem Sturm.

»Dürren und Stürme können wir nicht verhindern«, sagte Kira Radinsky auf einer Innovations-Konferenz bei Tel Aviv 2013, »aber wir können verhindern, dass Menschen sterben, indem wir ihnen sauberes Wasser schicken. Die Sterberate bei Cholera sinkt von 50 Prozent auf weniger als ein Prozent, wenn man die Menschen nur rechtzeitig mit Trinkwasser versorgt.«

leidenschaft Das Video des Vortrags, in dem Radinsky die Errungenschaften ihrer Software schildert, wurde auf YouTube fast 30.000-mal angeklickt. Zu sehen ist ein junges Mädchen, schmal und dunkelhaarig, in weißer Knitterbluse. Ein wenig schüchtern wirkt ihre Gestik noch, und manchmal schnalzt sie mit der Zunge, wie es viele Israelis tun, wenn sie auf der Suche nach dem passenden Wort ein paar Sekunden überbrücken wollen.

Doch ihr Blick ist entschlossen, ihre Botschaft selbstbewusst. »Täglich treffen Menschen in Führungspositionen Entscheidungen, die das Leben von uns allen betreffen«, sagt sie. »Und das ist meine Leidenschaft: uns mit den wissenschaftlichen Fähigkeiten auszurüsten, um basierend auf den Lehren der Vergangenheit zukünftige Ereignisse vorauszusagen und zu beeinflussen.«

Abseits der Forschung hat Radinsky eine zweite, etwas handfestere Leidenschaft: Karate. Sie begann den Sport als Kind, trainierte bis zum Schwarzen Gürtel. Heute lebt sie in Zikhron Ya’akov mit ihrem Mann, einem Start-up-Unternehmer. Sie ist nicht religiös, doch fühlt sie sich dem jüdischen Staat eng verbunden: »Israel war der erste Ort, der meine Familie aufnahm, nachdem sie viele Jahre in Angst und Ungleichheit in der Sowjetunion gelebt hatte«, schreibt sie in einer E-Mail an die Jüdische Allgemeine. »Es wird immer einen warmen Ort in meinem Herzen haben.«

trends In ihrer neuen Position bei Ebay arbeitet sie nun daran, wirtschaftliche Trends und Kaufverhalten vorherzusagen. Nebenbei forscht sie als Gastwissenschaftlerin am Technion zu Methoden, Krankheiten bei einzelnen Patienten sowie den Ausbruch von Seuchen im globalen Maßstab vorauszusagen. Die auf der Hand liegende Frage, ob sich ihre Software auch zum Aufspüren potenzieller Terroristen eignet, möchte sie nicht beantworten. Fest steht nur: Sie ist überzeugt, dass ihre Innovation die Welt zum Besseren ändern kann – in diesen Momenten sprechen aus ihr der Missionsgeist und die Technikgläubigkeit, die in der israelischen wie globalen Hightech-Szene so verbreitet sind.

Kira Radinsky, daran kann niemand zweifeln, der sie sprechen hört, hat noch viel vor. Ihre Erfindung, sagte sie auf der Innovationskonferenz bei Tel Aviv, »kann die globale Wirtschaft verändern – und sogar Leben retten«.

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