Kampagne

Botschaft gegen die Kriegsangst

»Wir reden immer nur über Krieg«, sagt Ronny Edry. »In den Medien sehen wir die Bilder vom Krieg.« Gegen diese hat Ronny vor einigen Monaten mit einem Foto auf Facebook seine Botschaft gesetzt: Es zeigt ihn mit seiner kleinen Tochter auf dem Arm. Darunter steht: »Iraner, wir werden Euer Land niemals bombardieren, wir lieben Euch.«

An einer Tel Aviver Hochschule unterrichtet der 41-Jährige Grafikdesign. Krieg entsteht für ihn aus Bildern. Die positiven, friedlichen Bilder, die er diesen entgegensetzen will, hätten dagegen eine Chance, glaubt er, wenn sie stärker seien als die des Krieges: »Nimm jemanden, der dein Feind sein soll – also für mich als Israeli einen Iraner oder einen Iraker –, lass dich mit ihm fotografieren und zeige mit diesem Bild der Welt, dass ihr beide miteinander reden könnt«, beschreibt er sein Anliegen. Krieg resultiert für Ronny aus Angst, und die Angst entstehe aus Bildern des angeblich bedrohlichen Unbekannten: »Ich fürchte mich vor dem Iran, weil ich keine Iraner kenne.«

Krieg, sagt Ronny, »ist wie ein Virus, den man nur mit einem noch stärkeren Virus, dem des Friedens, besiegen kann«. Das Internet sei dafür das richtige Medium. »Es gibt uns die Möglichkeit, uns miteinander zu vernetzen und laut zu sagen, dass wir weiteres Blutvergießen im Nahen Osten verhindern wollen.« Tausende verbreiteten Ronnys Foto im Netz, kommentierten und teilten es. So entstand die Seite »Israel Loves Iran«. Mittlerweile hat die Seite auf Facebook schon fast 80.000 »Likes«. Die Unsicherheit darüber, ob Israel wirklich das iranische Atomprogramm durch einen Militärschlag zerstören wird, wie von Ministerpräsident Netanjahu angekündigt, wird dabei sicher eine Rolle spielen.

Libanon Als Fallschirmjäger der israelischen Armee hat Ronny in jungen Jahren im Libanon gekämpft: »Da siehst du, wie Menschen getötet werden und ihre Familien verlieren – für nichts.« Nach diesen Erfahrungen will Ronny nicht, dass auch seine beiden Kinder in den Krieg gehen: »Da bin ich lieber der Naivling, der aufsteht und sagt: ›Stopp, wir lieben euch!‹«

Nach der Schule ging Ronny Edry – ohne groß darüber nachzudenken – wie alle jungen Israelis als Wehrpflichtiger zur Armee. »Nicht umsonst ziehen sie die Leute mit 18 Jahren ein«, sagt er heute. »Da machst du das, was alle machen.« Junge Männer seien »voll mit Testosteron und leicht zu beeinflussen«. Nachdenklich wurde Ronny, nachdem er Vater geworden war: »Da habe ich mich gefragt, ob wir nicht einmal etwas anderes ausprobieren sollen, als immer wieder in den Krieg zu ziehen.«

Dabei stellt der hagere Mann mit dem militärischen Kurzhaarschnitt nicht infrage, dass Israel sich verteidigen muss. »Natürlich sind wir kampfbereit«, sagt er. »Wenn uns jemand angreift, werde ich nicht die andere Wange hinhalten.« Ronny ist nicht der naive Peacenik, für den ihn in Israel manche halten mögen.

Von der Politik erwartet er allerdings nicht viel. Israels Friedensbewegung sei ebenso zerstritten wie die Gruppen, die vergangenen und diesen Sommer die Proteste gegen soziale Missstände im Lande organisiert haben. Den meisten gehe es dabei nur um ihre eigenen Interessen, vermutet er.

Gefahr Israelische Friedensaktivisten werden bisweilen ausgelacht, beschimpft und mitunter auch bedroht. Ronny ist zum Glück noch nichts passiert. Wirklich gefährlich ist das Engagement für Versöhnung allerdings auf der palästinensischen Seite. Joujou nennt sich die 30-jährige Deutsch-Palästinenserin, die inspiriert durch »Israel Loves Iran« die Seite »Palestine Loves Israel« (Palästina liebt Israel) eingerichtet hat. Ihren richtigen Namen will sie lieber nicht verraten. Joujou versteht sich vor allem als Moderatorin. Sie wünscht sich, dass die Leute sich auf ihrer Internetseite begegnen und miteinander ins Gespräch kommen. Schließlich stagniere der Friedensprozess, »weil man nur noch in Phrasen redet und einander nicht versteht«, sagt Joujou.

Ein Palästinenser schrieb einem Israeli auf der »Palestine Loves Israel«-Seite: »Warum besetzt ihr unser Land, wenn ihr Frieden wollt?« Daraus sei ein sehr offener Dialog entstanden, berichtet Joujou, aus dem der Israeli folgenden Schluss zog: »Vielleicht müssen wir aufhören, voreinander Angst zu haben.« Und dann hätten sich die beiden gegenseitig versprochen: »Ich rede mit meinen Freunden und sage ihnen, dass wir keine Angst vor Israelis haben müssen, und du sprichst mit deinen Freunden und sagst ihnen, dass sie keine Angst vor uns Palästinensern haben müssen.« Joujou war von diesem scheinbar simplen und naiven Dialog im Netz »tief berührt«.

Lernprozess Joujous Familie lebt nach wie vor im Libanon, manche ihrer Angehörigen wohnen im Lager Sabra, wo 1982 christliche Milizionäre unter Duldung der israelischen Armee Hunderte Palästinenser ermordeten. Ihre Großeltern waren nach der Gründung Israels 1948 aus Haifa geflohen.

Aus dem Online-Kontakt mit Israelis hat die junge Frau »eine Menge gelernt«: Ein Nichtjude könne zum Beispiel das Trauma des Holocaust gar nicht nachvollziehen, glaubt sie. Andererseits tragen auch viele Palästinenser wie Joujous Familie schwer am Trauma von Flucht, Vertreibung und dem Verlust naher Angehöriger. Im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern fühlten sich beide Seiten »nur als Opfer«. Gewalt entsteht für Joujou aus dem Gefühl, ein machtloses Opfer zu sein.

Erst wenn die Menschen im Nahen Osten aufeinander zugehen – online und offline –, könnte Edrys Traum wahr werden: »Ein Naher Osten ohne Grenzen, in dem ich ungehindert nach Damaskus oder Teheran fahren kann.« Die meisten Menschen, sagt er, wollten doch nur miteinander auskommen und ein gutes Leben genießen.

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