Jerusalem

Bericht: Netanjahu setzte kurz vor Massakern auf Deeskalation mit Hamas

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu Foto: POOL

Kurz vor dem Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023 soll Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu intern eine Politik der Zurückhaltung gegenüber der palästinensischen Terrororganisation befürwortet haben. Das geht aus einem Bericht von Kanal 12 in Israel hervor, der sich auf Protokollauszüge einer Sitzung vom 1. Oktober 2023 stützt. Demnach plädierte Netanjahu wenige Tage vor dem Massaker dafür, die bestehende Strategie beizubehalten, die Hamas durch wirtschaftliche Zugeständnisse zur Ruhe zu bewegen.

In der internen Runde mit Spitzenvertretern von Militär, Geheimdiensten und Regierung soll Netanjahu betont haben, man müsse »mit Maß agieren, um die Fronten zu beruhigen und eine Eskalation zu vermeiden«. Sicherheitsvertreter hätten hingegen empfohlen, gezielt gegen Hamas-Führungspersonal vorzugehen. Der Premier habe solche Maßnahmen jedoch an den Ausbruch eines offenen Konflikts geknüpft und den Fokus im Ernstfall eher auf Akteure im Westjordanland legen wollen.

Nach Angaben des Berichts definierte Netanjahu die Annäherung an Saudi-Arabien sowie die Vermeidung einer regionalen Eskalation als zentrale außen- und sicherheitspolitische Ziele. Die Sitzung fand im Büro des Regierungschefs statt. Anwesend waren neben Netanjahu unter anderem führende Vertreter des Mossad, der Armee und des Inlandsgeheimdienstes.

Lesen Sie auch

Auffällig ist, dass Netanjahu diese Sitzung in seiner jüngst veröffentlichten Stellungnahme nicht erwähnt hatte. In dem Dokument hatte der Premier mit ausgewählten Zitaten aus früheren Kabinettssitzungen versucht, den Eindruck zu vermitteln, er habe eine härtere Linie gegenüber der Hamas verfolgt, während andere Akteure zurückhaltender gewesen seien. Armeenahe Quellen warfen ihm daraufhin vor, Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen zu haben und das Verhältnis zwischen politischer Führung und Sicherheitsapparat beschädigt zu haben.

Scharfe Kritik kam auch vom früheren Ministerpräsidenten Naftali Bennett, der als möglicher Herausforderer Netanjahus gilt. In einer Videobotschaft verspottete er den amtierenden Regierungschef als »israelischen Forrest Gump« und bezeichnete ihn als »schwachen, bemitleidenswerten Verlierer«, der von Ereignissen getrieben werde, statt sie zu steuern. Netanjahu sei »kein Anführer, sondern jemand, der geführt wird«, sagte Bennett.

Der Ex-Regierungschef warf Netanjahu zusätzlich vor, sich der Verantwortung entziehen zu wollen, obwohl er über Jahre hinweg die zentrale Rolle in der israelischen Sicherheitspolitik gespielt habe. Aus dem veröffentlichten Dokument ergebe sich, so Bennett, dass Netanjahu weder geführt noch regiert habe und damit selbst ein vernichtendes Urteil über seine Amtszeit geliefert habe. Besonders kritisierte er, der Premier habe zugelassen, dass sowohl die Hamas im Süden als auch die Hisbollah im Norden zu ernsthaften Bedrohungen hätten heranwachsen können. im

Medien

Springer-Chef Döpfner nimmt »Politico«-Redaktion in die Pflicht

Niemand sollte für Axel Springer arbeiten, wenn er Israels Existenzrecht anzweifelt, stellt Mathias Döpfner nach Kritik aus der »Politico«-Redaktion klar

 29.04.2026 Aktualisiert

Jerusalem

Oppositionspoker: Lapid will Eisenkot ins Team holen, Gantz kritisiert Bündnis

Das Bündnis »Gemeinsam« will mehr Parteien ins Boot holen, um die Chancen für einen Sieg gegen Benjamin Netanjahus Likud zu erhöhen

 29.04.2026

Aschkelon

Charedi-Extremisten stürmen Haus des Chefs der Militärpolizei

Gegner der Wehrpflicht auch für Ultraorthodoxe haben die Familie des IDF-Offiziers bedroht. Eine gefährliche »rote Linie« sei überschritten, sagt die Armee

 29.04.2026

Jerusalem

Haben die Raketenlieferungen nach Deutschland Israel gefährdet?

In Israel ist eine Diskussion über die Frage entbrannt, ob es richtig war, inmitten iranischer Raketenangriffe Arrow-Abfangraketen zu exportieren

 29.04.2026

Israel

Herzog setzt sich für Deal in Netanjahu-Prozess ein

US-Präsident Trump drängt darauf, dass der in einem Korruptionsverfahren angeklagte israelische Regierungschef Netanjahu begnadigt wird. Israels Präsident Herzog strebt eine Einigung an.

 28.04.2026

Nahost

Verdrehte Moral

Es ist geradezu atemraubend, mit welcher Inbrunst das Opfer-Täter-Verhältnis hierzulande verkehrt wird, wenn es um Israels Reaktion auf islamistische Terrororganisationen geht

von Jacques Schuster  28.04.2026 Aktualisiert

Israel

Gefängnis fürs Grillen

Mehr Strafen für Verstöße gegen »religiöse Disziplin«

von Sabine Brandes  28.04.2026

Nahost

Sa’ar: Israel hat »keine territorialen Ambitionen im Libanon«

Israels rechtsextremer Finanzminister Smotrich hat kürzlich gefordert, Israels neue Grenze im Norden müsse ein Fluss im Libanon sein. Israels Außenminister widerspricht.

 28.04.2026

Kommentar

Antisemitismus und Israelfeindlichkeit werden die SPD nicht retten

Die Sozialdemokraten sollten sich nicht an Zohran Mamdani oder Pedro Sánchez orientieren, sondern an einer alten Wahrheit von Bill Clinton

von Stefan Laurin  28.04.2026