Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu soll bereits Jahre vor dem Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 über konkrete Invasionspläne informiert worden sein. Das geht aus einem Bericht von »Ynet« hervor, der sich auf Geheimdienstdokumente und Aussagen hochrangiger Sicherheitskreise stützt. Demnach wurde Netanjahu schon im April 2018 mit Einschätzungen konfrontiert, die auf Vorbereitungen für einen großangelegten Angriff auf Südisrael hindeuteten.
Zwischen 2018 und 2022 entwickelte die Hamas laut den Berichten ein detailliertes Operationskonzept für koordinierte Angriffe auf Militärbasen und zivile Gemeinden nahe der Gaza-Grenze. Der Plan, der später bekannt wurde, sah vor, an zahlreichen Punkten die Grenzanlagen zu durchbrechen und Tausende Kämpfer einzusetzen. Teile dieses Szenarios wurden beim Angriff am 7. Oktober 2023 umgesetzt, bei dem rund 1.200 Menschen getötet und 251 Geiseln entführt wurden.
Den Dokumenten zufolge gelangte die erste Fassung des Plans 2018 an zentrale Entscheidungsträger, darunter die militärischen Sekretäre des Premierministers und des Verteidigungsministers, den Nationalen Sicherheitsrat sowie die Führung von Mossad, Schin Bet und der Armee. In dem Bericht wurde die Frage gestellt, ob die Hamas ihre Kräfte für einen groß angelegten Vorstoß tief in israelisches Gebiet aufbaue.
Koordinierter Angriff
Die Einschätzung warnte vor einem koordinierten Angriff mit mehreren Bataillonen, die Militärstützpunkte überrennen und gleichzeitig zivile Ziele angreifen sollten. Der Umfang und die Komplexität des Plans seien außergewöhnlich, hieß es. Zwar zweifelten einige Analysten an der damaligen Umsetzbarkeit, doch der Bericht beschrieb das Szenario als neue und deutlich breitere Bedrohungslage.
Netanjahu hat wiederholt bestritten, vor dem Angriff Kenntnis von einem solchen Plan gehabt zu haben. Sein Büro erklärte, der Premierminister sei nie über das Dokument informiert worden. In einem jüngst veröffentlichten Schriftstück räumte Netanjahu jedoch ein, den Bericht von 2018 erhalten zu haben, verwies aber nur auf die vorsichtigste Einschätzung darin, wonach eine Umsetzung damals als unwahrscheinlich galt. Hinweise auf die langfristigen Ambitionen der Hamas ließ er demnach unerwähnt.
Ein ehemaliger hochrangiger Geheimdienstvertreter kritisierte, Netanjahu hätte angesichts solcher Warnungen aktiv nachfragen und Gegenmaßnahmen einfordern müssen. »Jeder ernsthafte Regierungschef würde sagen: Selbst wenn die Hamas noch nicht bereit ist, muss dieses Szenario berücksichtigt werden«, sagte die Quelle.
Interne Lagebewertungen
Weitere Geheimdiensterkenntnisse aus den folgenden Jahren bestätigten die Entwicklung des Plans. Interne Hamas-Dokumente und Analysen von Schin Bet und Militärgeheimdienst beschrieben Angriffe auf Militärbasen, Grenzgemeinden und Städte im Süden Israels sowie das Ziel, Geiseln zu nehmen. Eine aktualisierte Version des Plans wurde 2021 erlangt und 2022 in interne Lagebewertungen aufgenommen, dort jedoch laut »Ynet« als unrealistisch eingestuft.
Im Jahr 2023 erhielten Geheimdiensteinheiten Hinweise auf konkrete Trainingsvorbereitungen der Hamas für eine Invasion, die einige Analysten als Zeichen eines unmittelbar bevorstehenden Angriffs interpretierten. Diese Informationen gelangten jedoch nicht bis in die politische Führung. Ein hochrangiger Geheimdienstvertreter sagte dennoch, der Premierminister habe die Pflicht gehabt, sich ein vollständiges Bild von den Absichten der Hamas zu verschaffen: »Netanjahu tat nichts.«
Der Bericht widerspricht Netanjahus Darstellung, wonach die relevanten Warnungen nur in einer Phase erfolgt seien, in der er nicht im Amt war. Sicherheitskreise verweisen zudem auf interne Dokumentationssysteme im Büro des Premierministers, die den Empfang klassifizierter Unterlagen erfassen. Diese könnten im Rahmen einer staatlichen Untersuchung zu den Versäumnissen vor dem Angriff eine zentrale Rolle spielen – eine Untersuchung, die die Regierung bislang ablehnt. im