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Benzin aus der Steckdose

Noch stehen die Prototypen auf dem Firmengelände. Aber die Kunden warten schon auf vorbestellte Fahrzeuge. Foto: Gil Yaron

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Benzin aus der Steckdose

Ende dieses Jahres will »Better Place« die ersten Elektroautos auf Israels Straßen bringen

von Gil Yaron  27.04.2010 11:54 Uhr

Das Hauptquartier einer Hightech-Firma stellt man sich anders vor. Es ist nicht lange her, da lagerten in den Treibstofftanks von Pi Glilot im Norden Tel Avivs Millionen Liter Öl und Gas. Im ehemaligen Nervenzentrum der traditionellen Energiebranche soll nun die Zukunft der alternativen Autoindustrie geboren werden. In einem leeren Löschwassertank hat die Firma »Better Place« Quartier bezogen. Ab Ende 2010 wird sie Zehntausende Elektrofahrzeuge vermieten.

Von außen wirkt das Firmenhauptquartier unspektakulär, von innen ähnelt es eher einem Raumschiff. Neonröhren tünchen die Räume in blaues Licht, auf Berührungsbildschirmen an den Wänden flimmern animierte Bildpräsentationen. Dabei wirkt das revolutionäre Produkt unspektakulär. Die Testflotte auf der firmeneigenen Piste sieht aus wie sechs normale französische Familienwagen, Typ Renault Laguna. Dennoch hat man hier große Ansprüche: »Willkommen in der Zukunft«, sagt Omer, die knapp 30-jährige, enthusiastische blonde Mitarbeiterin, die das Konzept ihrer Firma »Better Place« jeden Tag Hunderten Besuchern vorstellt.

Innovation Die Idee von Better Place ist ebenso einfach wie revolutionär. Die Firma will nicht nur die Welt des privaten Autoverkehrs, sondern die gesamte Energiebranche verändern. Jeden Tag verbrauchen 750 Millionen Fahrzeuge weltweit 85 Millionen Fass Öl, PKWs sind für die Hälfte des Ölverbrauchs und den Ausstoß von Treibhausgasen verantwortlich. Der Preis, den die Welt für ihre Mobilität zahle, sei untragbar hoch, meint Firmengründer Shai Agassi: »900.000 Menschen sterben jedes Jahr weltweit an den Folgen der Luftverschmutzung.« All das, verspricht Agassi, soll nun ein Ende haben. Wenn es nach ihm geht, steigt die Welt auf Elektroautos um. Israel ist nur der Anfang.

»Israel ist für unser Pilotprojekt ideal«, sagt Tal Agassi, Shais Bruder und Vizepräsident von Better Place. Das Land ist knapp so groß wie Hessen, 70 Prozent der israelischen Fahrer legen jeden Tag weniger als 70 Kilometer zurück: »Die Reichweite der Fahrzeuge beträgt 150 Kilometer, in Israel mehr als genug.« Die meiste Zeit stehe das Auto ohnehin auf einem Parkplatz: »Das gibt uns genug Zeit, um aufzuladen.«

Tankstellen Bei jedem Kunden will Better Place kostenfrei zwei Elektrozapfsäulen installieren, eine daheim und eine am Arbeitsplatz. Für weite Strecken hat Better Place Batteriewechselstationen entwickelt. Bis Ende nächstes Jahres werden an mehr als 100 Tankstellen kleine Roboter installiert sein, die die Batterie vollautomatisch in weniger als fünf Minuten auswechseln. Der erste Prototyp versteckt sich in einem unscheinbaren weißen Zelt neben dem Hauptquartier. »Wir verkaufen Mobilität«, erklärt Agassi das Geschäftskonzept. Kunden zahlen nicht für das Auto, sondern pro Kilometer in einem Rundumpaket. »Der Fahrer muss sich um nichts kümmern: Wir entsorgen die Batterien; wenn etwas nicht funktioniert, erhält er sofort ein neues Teil.« Better Place setzt nicht auf Idealismus: »Bei uns wird jeder gefahrene Kilometer billiger sein als in herkömmlichen Verbrennungsmotoren«, verspricht Agassi.

Kooperation Einkaufszentren, Stadtverwaltungen und Konzerne ringen um das Privileg, sich als bahnbrechende Akteure im Energiesektor darzustellen: »Die Kooperation mit der Regierung ist hervorragend«, sagt Agassi. Sie hat den Elektrofahrzeugen bereits deutliche Steuervorteile eingeräumt: Der Zoll wird nur 10 Prozent statt wie üblich mehr als 80 Prozent betragen. Hohe Benzinsteuern tragen dazu bei, das Elektroauto konkurrenzfähig zu machen. Israel wähnt im neuen Energiesektor zukunftsträchtige Arbeitsplätze. Elektrofahrzeuge böten zahlreiche Vorteile, betont Better Place. »Straßenlärm und Smog gehören dann der Vergangenheit an«, sagt Agassi. Zudem könnten Staaten, in denen es mehr Elektroautos gebe, besser mit ihrer Energie haushalten. »In jedem Land gibt es Überkapazitäten«, sagt Agassi. »Nachts produziert die westliche Welt aber zu viel Strom, den man nur schwer speichern kann.« Das will Better Place nutzen. Die Autos sollen ihre Batterien nachts regenerieren. »Selbst wenn in Israel zwei Million Elektroautos fahren, wird hier für unsere intelligente Flotte kein neues Kraftwerk gebaut werden müssen«, so die Sprecherin von Better Place Shiri Krispin. Im Gegenteil: »Unsere Autos können theoretisch als ›Nationalbatterie‹ fungieren«, sagt Agassi. Nachts werden sie aufgeladen. Tagsüber, wenn die Autos zumeist nur auf dem Parkplatz herumstehen, können sie zu Spitzenzeiten das Netz speisen.»

Nachfrage Vor dem Hauptquartier warten sechs Renault Laguna auf Fahrer: «Viele reagieren skeptisch auf die Idee, auf einen E-Wagen umzusteigen», sagt Omer. Diese Skepsis lege sich nach einer kurzen Probefahrt. Das Einzige, was im eingeschalteten Wagen hörbar ist, ist die im heißen Israel unabdingbare Klimaanlage. Fast unhörbar surren die Wagen auf der eigens gebauten Strecke entlang. Sie sind so leise, dass Better Place darüber nachdenkt, einen Lärm «nachzurüsten», damit unachtsame Fußgänger nicht auf der Straße überrollt werden. Tausende Israelis hätten sich bereits eingeschrieben, um im kommenden Jahr als Erste einen Elektrowagen zu erhalten. An die 100 israelische Konzerne wollen ebenfalls ihre Fahrzeugflotten auf die Wagen von Better Place umrüsten. Trotz der Begeisterung für hehre umweltfreundliche Ideen, seien es vor allem harte Fakten, die zum Siegeszug des Elektroautos beitragen werden, sagt Agassi: «Wir werden nicht nur billiger sein. Am meisten überzeugt unsere Kunden die gute Beschleunigung.»

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