Tel Aviv

Auf das Leben!

Munter mixen mit Mund-Maske: Barkeeper am Rothschild-Boulevard Foto: Sabine Brandes

Die Lampen in der Polly Bar in Tel Aviv sind wieder an. An der Wand leuchtet die Neon-Schrift »My body – My business«, darunter unterhalten sich zwei junge Frauen bei einem Drink. Hinter der Theke kippt der Barkeeper Blue Curaçao in den Cocktailshaker.

»Jetzt geht das Leben wieder los«, raunt er hinter der schwarzen Maske und schüttelt, dass die Ketten um seinen Hals nur so klirren. Seit einer Woche sind Bars, Cafés und Restaurants in Israel wieder geöffnet.

FEIER-HOCHBURG Besonders die Feier-Hochburg Tel Aviv hatte unter den Schließungen gelitten. Hier waren die mehr als 2500 Lokale über zwei Monate lang verriegelt und verrammelt, mehr als 70.000 Angestellte ohne Job.

Tausende Gastronomiebetriebe schaffen es wohl nicht durch die Krise.

Der neue Hotspot, der Dizengoff-Platz im Zentrum der Stadt, ist umgeben von Bars und Restaurants in den weißen Bauhaus-Gebäuden. Im »Beer Garden« sind auf dem Bürgersteig alle Plätze besetzt.

Von sozialem Abstand allerdings ist dabei nicht viel zu spüren. Auch Gesichtsmasken sieht man nur vereinzelt. Die Bedienung aber trägt eine. »Muss ja sein«, ruft sie im Vorbeigehen, als sie die vollen Biergläser auf einem Tablett vor sich her balanciert.

REGELN Alma Benzion ist mit Freundinnen hier. Es wundert sie nicht, dass der Laden rappelvoll ist. »Wir haben lange darauf gewartet, uns wieder zu treffen. Ausgehen gehört einfach zur Tel Aviver Lebensart dazu. Ohne fühlen wir uns wie lebendig begraben.« Keine Angst vor Ansteckung? »Ich halte mich an die Regeln, wasche die Hände und trage in geschlossenen Räumen eine Maske, vor allem wegen älterer Menschen. Um mich persönlich habe ich aber keine Sorge.«

Auf dem Rasen rund um den Feuer-Wasser-Brunnen haben Dutzende Grüppchen ihre Picknickdecken ausgebreitet und lassen sich Bier oder Wein aus Plastikbechern schmecken. »Ich sitze lieber hier mit meinen engen Freunden, statt gequetscht in einer stickigen Bar, wo ich nicht weiß, wer neben mir hustet«, meint Noam Ariel. »Mir gefällt dieser Trend, dass man sich einfach draußen in der Stadt zusammensetzt und etwas trinkt.« Sagt es und prostet seinen Freunden zu: »Auf das Leben! L’Chaim!«

Tatsächlich sieht man seit dem Ende des Lockdowns überall Grüppchen auf öffentlichen Grünflächen, Parkbänken oder den von der Verwaltung aufgestellten orangefarbenen Plastikstühlen. Auch für Lokale hat die Stadt derzeit die Beschränkungen für die Draußen-Bewirtung aufgehoben. Manche, etwa das Restaurant Tzafon Abraxas von Chef Eyal Shani, integrieren sogar die öffentlichen Bänke, auf denen Gäste im Kerzenschein dinieren können, in das Restaurant.

Auf dem Flohmarkt von Jaffa, mit seinen kunterbunten Gassen eine der beliebtesten Ausgehmeilen, ist am Freitagabend noch nicht wieder das normale Leben eingekehrt. Etwa 60 Prozent der Lokale sind geschlossen, darunter die beliebte Akbar und das Margoza. Nur eine Gasse ist gut besucht.

BETRIEB Hier sitzt Roei Bar mit Freunden. »Vor Corona bin ich jedes Wochen­ende ausgegangen, dazu noch bis zu dreimal während der Woche. Als ich nur zu Hause war, bin ich richtig einsam gewesen.«

Mit seinen Freunden hält er sich nicht an das Social Distancing. »Aber mit Fremden schon.« Auch geht der 20-Jährige nicht in Klubs, sondern sucht Bars, in denen man draußen sitzen kann. »Ich glaube, dass es noch lange dauern wird, bis sich die Leute wieder unbeschwert ins Innere trauen.«

Ein Vertreter der israelischen Restaurant- und Barvereinigung erklärte in einem Interview auf Kanal 13, dass viele Lokale in extremen Schwierigkeiten seien, weil sie weder Hilfe von der Regierung noch Darlehen von Banken erhalten. Jeder Monat des Lockdowns habe die Branche knapp 130 Millionen Euro gekostet. Daher würden mehr als 4500 Betriebe vorerst geschlossen bleiben.

BELEGUNG Ob sie jemals wieder öffnen werden, weiß derzeit niemand. Der bekannte Koch Yuval Ben Neria, der in Tel Aviv mehrere Lokale betreibt, erlebt zurzeit, wie schwierig das Geschäft ist. Die Richtlinien des Ministeriums, vor allem der Abstand zwischen den Tischen von anderthalb Metern, würde viele Restaurants auf 50 Prozent Belegung reduzieren. »Und damit ist der Betrieb nicht mehr profitabel.«

Reut Gershoni, Betreiberin von zwei Sushi-Restaurants in der Stadt, dem Okinawa an der Levontin-Straße und dem an der Shabazi-Straße, ist froh, dass die harte Zeit vorbei ist. Das kleinere der beiden Restaurants musste sie während des Lockdowns schließen, das andere blieb die ganze Zeit über für Lieferungen geöffnet. »Nur so haben wir uns über Wasser halten können.«

Jeder Monat des Lockdowns hat die Branche knapp 130 Millionen Euro gekostet.

Jetzt darf zwar wieder bewirtet werden, »aber in den ersten Tagen nach der Wiedereröffnung war es nicht so toll, wie ich erwartet hatte«. Sie hat das Gefühl, dass die Menschen noch nicht völlig bereit sind, auszugehen und die Stadt zu genießen. »Wenn man seine Temperatur messen lassen muss und sich alles um Hygiene dreht, trägt das nicht gerade zu einer relaxten Atmosphäre bei.«

HILFE Trotzdem hält sie sich strikt an die Anweisungen des Gesundheitsministeriums und hält ihre Angestellten ständig dazu an, es ebenso zu tun. Die Speisekarte wird per Code über das Telefon abgerufen, alle Bedienungen tragen Masken und Handschuhe, Desinfektionsmittel gibt es als Einmal-Tücher. »In erster Linie geht es um Gesundheit und gleich danach darum, dass sich unsere Gäste sicher fühlen. Wir sind ein Sushi-Restaurant, das sind feinste Küche und Sauberkeit. Das müssen wir in jeder Hinsicht ausstrahlen.«

Gershoni erhielt für ihr zweites Restaurant »substanzielle finanzielle Hilfe« von der Regierung. Trotzdem sei die Situation schwer gewesen, vor allem wegen der Mitarbeiter. »Wir haben Angestellte aus dem Ausland. Die hatten plötzlich keinerlei Einkommen. Nach Hause konnten sie auch nicht, weil schon alle Flüge gestrichen waren. Wir haben ihnen geholfen, so gut es ging, aber es war eine schlimme Zeit.«

Dennoch kann sie der Krise Positives abgewinnen: »Wir haben durch Corona neue Ideen entwickelt, um einen Plan B zu haben. Daran hätten wir früher nicht einmal im Traum gedacht.« So liefert das Okinawa jetzt auch über die Stadtgrenzen hinaus frisches Sushi und bietet wöchentlich spezielle Deals. »Wir nehmen heute jeden Tag, wie er kommt«, sagt die Gastronomin und zwinkert, »aber ich bin optimistisch. Sonst könnte ich in dieser Branche und in dieser Stadt nicht existieren. Es ist klar, dass es ein wunderbarer Sommer wird.«

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