Die israelische Armee hat den Leichnam von Ran Gvili, der letzten Geisel im Gazastreifen, auf einem Friedhof im Osten von Gaza-Stadt gefunden. Die sterblichen Überreste wurden identifiziert und werden zurzeit nach Israel überführt. Die Familie des 24-jährigen Polizisten wurde von Militärvertretern informiert.
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bezeichnete die Rückkehr Gvilis als »außerordentliche Leistung für Israel«. »Wir und ich haben versprochen, jeden zurückzubringen und wir haben alle zurückgebracht. Bis zur letzten Person«, sagte Netanjahu vor Reportern in der Knesset, dem israelischen Parlament. Der Premier bezeichnete Gvili als einen »Helden Israels«. »Er ging als erster rein und er kam als letzter raus«, so Netanjahu.
Ran Gvili stammte aus der kleinen Stadt Meitar in Südisrael. Obwohl er sich zum Zeitpunkt des Überraschungsangriffs der Hamas von einem Schulterbruch erholte, zog Gvili seine Uniform an und eilte in die Gefahr. Terroristen überfielen am 7. Oktober 2023 südliche Gemeinden in Israel, ermordeten mehr als 1200 Menschen und nahmen 251 Geiseln.
Während der schweren Kämpfe nahe des Kibbuz Alumim habe Gvili mit Mut gegen Terroristen aus Gaza gekämpft, berichteten Augenzeugen später. Bewohner, die den Angriff überlebten, schreiben ihm, zusammen mit anderen, zu, dass er an diesem Tag Dutzende Leben rettete. Schließlich sei er im Kampf gefallen, seine sterblichen Überreste wurden nach Gaza verschleppt.
USA drängen auf zweite Phase
Mit der Rückkehr Gvilis sind die Voraussetzungen zum Eintritt in die zweite Phase des von den USA vorangetriebenen Gaza-Friedensplans offiziell erfüllt.
Die US-Regierung hatte die zweite Phase, die zu einem endgültigen Ende des Gaza-Kriegs führen soll, bereits ausgerufen. Die israelische Regierung sagte dagegen, erst dann in die nächste Phase des Friedensplans einzutreten, wenn der Leichnam der letzten Geisel nach Israel zurückgebracht worden sei. Auslöser des Gaza-Kriegs war das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 in Israel.
Diese Punkte des Friedensplans wurden bislang umgesetzt
In einem ersten Schritt trat im Rahmen des US-Friedensplans am 10. Oktober 2025 bereits eine Waffenruhe zwischen Israel und der Terrororganisation Hamas in Kraft. Zudem ließen islamistische Terror-Gruppen im Gazastreifen die letzten 20 noch lebenden, aus Israel entführten Geiseln frei, darunter auch Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft. Im Gegenzug dafür entließ Israel knapp 2.000 palästinensische Häftlinge aus Gefängnissen.
Die Hamas übergab zudem die letzten 28 Geisel-Leichen - allerdings anders als vereinbart nur sehr schleppend. Unter den Toten waren auch mehrere aus Israel entführte Ausländer. Israel übergab für jede tote israelische Geisel die sterblichen Überreste 15 verstorbener Bewohner Gazas, insgesamt bislang 360. Die genauen Todesumstände der Palästinenser sind nicht bekannt.
Im Rahmen der mühsam errungenen Einigung kommt auch mehr Hilfe in den Gazastreifen. Israelische Soldaten zogen sich in dem Küstenstreifen zudem hinter die sogenannte »gelbe Linie« zurück. Israels Armee kontrolliert damit noch immer etwas mehr als die Hälfte des Palästinensergebiets. Hamas soll nun entwaffnet werden
Die von den USA bereits ausgerufene zweite Phase des Abkommens sieht nun die Entwaffnung der Hamas vor, was die Islamistenorganisation aber bislang ablehnt. Laut Beobachtern ist ein Kompromiss denkbar, so dass die Islamisten etwa auf Raketen verzichten könnten. Hamas-Mitglieder, die sich zu einer friedlichen Koexistenz mit Israel zur Niederlegung ihrer Waffen verpflichten, sollen Amnestie erhalten. Sollte es in dieser schwierigen Frage keine Einigung geben, könnte der Krieg wieder ausbrechen.Übergangsregierung und weitere Gaza-Gremien gebildet
Vor kurzem wurden als Teil der zweiten Phase bereits die 14 Mitglieder einer palästinensischen Übergangsregierung bekanntgegeben, die den in zwei Kriegsjahren weitgehend zerstörten Gazastreifen verwalten soll.
Zur Unterstützung dieser Regierung von Fachleuten, die keine Verbindung zur islamistischen Hamas haben sollen, wurde ein Gremium namens »Gaza Executive Board« ins Leben gerufen. Diesem gehören unter anderem der US-Sondergesandte Steve Witkoff, der britische Ex-Premier Tony Blair, der türkische Außenminister Hakan Fidan und der ranghohe katarische Diplomat Ali Thawadi an. Die Aufnahme der prominenten Vertreter aus Katar und der Türkei ärgert Israel. Beide Länder gelten als Unterstützer der Hamas. Berichten zufolge haben sie die Hamas aber dazu gebracht, dem Gaza-Abkommen zuzustimmen.
Ein weiteres neues Gremium, das Exekutivkomitee, soll darüber hinaus die neue palästinensische Übergangsregierung beaufsichtigen und außerdem den Wiederaufbau im zerstörten Gazastreifen steuern. Dem sogenannten »Founding Executive Board« gehören unter anderem US-Außenminister Marco Rubio, Weltbank-Präsident Ajay Banga, Trumps Schwiegersohn Jared Kushner sowie Witkoff und Blair an.
»Friedensrat« soll Friedensprozesses in <mark>Gaza</mark> überwachen
All diese Gremien sind dem sogenannten »Friedensrat« unterstellt, der sich aus führenden Politikern aus aller Welt zusammensetzen und von US-Präsident Donald Trump geleitet werden wird. Dieser »Friedensrat« soll den Friedensprozess im Gazastreifen überwachen. Er wird sich - anders als zunächst erwartet - aber auch um andere internationale Konflikte kümmern. Beobachter sehen ihn als Konkurrenz zu den Vereinten Nationen. Viele europäische Staaten, darunter Deutschland, lehnen einen Beitritt ab. Mit dabei sind unter anderem Ungarn, Israel, Belarus, Katar, Saudi-Arabien und die Türkei.
Internationale Truppe soll Israels Armee in <mark>Gaza</mark> ablösen
Der »Friedensrat« soll auch eine internationale Stabilisierungstruppe (ISF) aufbauen, die im Gazastreifen für Ordnung sorgen soll. Ihre genaue Zusammensetzung ist allerdings noch offen. Mehrere mehrheitlich muslimische Länder hatten aber bereits Bereitschaft signalisiert, Soldaten zu stellen, so etwa Indonesien und Pakistan. Deutschland beabsichtigt nicht, sich militärisch an der ISF zu beteiligen.
Israels Armee soll sich aus dem Gazastreifen zurückziehen und bislang gehaltene Gebiete schrittweise an die ISF übergeben. Einen konkreten Zeitplan für all diese Punkte gibt es noch nicht.
Ob der Übergang zur zweiten Phase tatsächlich gelingt, ist ungewiss. Die Differenzen zwischen den Kriegsparteien sind riesig. Die Waffenruhe im Gaza-Krieg hatte zudem bereits in der ersten Phase mehrfach gewackelt.