Israel/Jemen

Anerkennung des Skandals um verschwundene Kinder

Jüdische Immigranten aus dem Jemen (2009) Foto: Flash90

Das Kapitel um die verschwundenen Kinder jemenitischer Einwanderer aus den ersten Jahren nach Israels Staatsgründung ist eines der tragischsten in der Geschichte des Landes. Am Montag war es Thema einer Knessetsitzung. Dabei wurde beschlossen, dass der Staat den Skandal offiziell anerkannt – sieben Jahrzehnte später. Die Regierung drückt ihr Bedauern über das Geschehene aus und wird Entschädigung an die betroffenen Familien zahlen.

LEID Premierminister Benjamin Netanjahu betonte, dass dies »eins der schmerzlichsten Ereignisse des Staates Israel ist. Die Zeit ist gekommen, dass die Familien, deren Babys weggenommen wurden, anerkannt werden«. Die finanzielle Abfindung werde das schreckliche Leid nicht wiedergutmachen, das diese Familien durchlitten haben und noch durchleiden. Netanjahu wies den Bildungsminister an, die Affäre in die Schulbücher aufzunehmen.

Vor allem in den Jahren 1948 bis 1954 waren in Israel einige Tausend Säuglinge und Kleinkinder verschwunden, deren Eltern gerade aus dem Jemen und einigen Ländern des Nahen Ostens sowie des Balkan im jungen Staat angekommen waren.

»Hunderte Kinder wurden bewusst ihren Eltern geraubt.«

Minister Tzachi Hanegbi

Schätzungen zufolge sollen es bis zu 5000 Kinder gewesen sein, die vor allem aus den Übergangslagern, in denen die Familien anfangs lebten, geholt wurden und von ihren Angehörigen nie wieder gesehen wurden. Mit Abstand die meisten Betroffenen waren die Neuankömmlinge aus dem Jemen, viele bettelarm und oft mit mehreren Kindern. Mehr als 1050 Familien haben bis heute bei israelischen Behörden deswegen Beschwerde eingelegt.

Mehrere Kommissionen beschäftigen sich in den Jahren nach dem Verschwinden der Kinder mit den Geschehnissen, doch die Zeugenaussagen und Erkenntnisse wurden lange unter Verschluss gehalten. Erst Ende 2016 ist ein Großteil der Unterlagen freigegeben worden. Die Untersuchungen kamen zu dem Schluss, dass die meisten der Babys und Kinder an Krankheiten starben und beerdigt wurden, ohne dass die Eltern darüber informiert wurden oder eine Sterbeurkunde erhielten.  

KINDERRAUB Viele jemenitische Juden warfen den israelischen Behörden vor, sie gezielt an kinderlose Juden aus Europa weitergegeben zu haben. Viele Schicksale konnten nie eindeutig geklärt werden. Die Vorwürfe des staatlich organisierten Kinderraubs blieben bestehen. »Hunderte Kinder wurden bewusst ihren Eltern geraubt«, sagte der damals verantwortliche Minister Tzachi Hanegbi nach der Öffnung der Dokumente.

Man müsse mit dem Heilen beginnen, meint Finanzminister Yisrael Katz am Montag, »und die glorreiche Geschichte der jemenitischen Juden anerkennen, die für immer mit der Israels verbunden ist«. 162 Millionen Schekel (umgerechnet rund 40 Millionen Euro) ist für die finanzielle Entschädigung der betroffenen Familien insgesamt angelegt. Einzelpersonen sollen bis zu 50.000 Euro erhalten.

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