Rosch Haschana

Vertrauen in die Zukunft

Den Optimismus nicht verlieren: Honig und Apfel als Symbol für unsere Hoffnung auf ein süßes neues Jahr Foto: Marina Maisel

So wie wir zum Neujahrsfest in uns selbst blicken und uns auf das neue Jahr einstimmen, so blicken wir auch nach außen und ziehen Bilanz über die besonderen Momente des zurückliegenden Jahres. Einen einzigartigen Höhepunkt markierten dabei ohne Zweifel die verschiedenen Feiern anlässlich des 70. Geburtstags des Staates Israel, von denen wir eine unter Beteiligung zahlreicher prominenter Gäste aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in unserer Gemeinde begehen durften.

Dass Israel seinen 70. Geburtstag feiern konnte – und sich anschickt, noch viele weitere Jubeltage zu begehen –, ist auch der ungebrochenen Unterstützung des jü­dischen Staates durch seine Freunde in aller Welt zu verdanken. Diese Unterstützung ist heute, da die öffentliche Meinung in Deutschland Jerusalem leider noch immer mehrheitlich kritisch bis ablehnend gegenübersteht, wichtiger denn je.

israel Eine zentrale Rolle in diesem Einsatz für ein realistischeres und somit positiveres Israelbild spielt dabei auch weiterhin der Kampf gegen die antisemitische Boykottbewegung BDS, die Israel in Wort und Tat in die Nähe bekannter Unrechtsregimes rückt und dabei auch vor absurden Apartheid-Vergleichen nicht zurückschreckt.

Im vergangenen Dezem­ber hat sich der Münchner Stadtrat mehrheitlich dafür ausgesprochen, keine Veranstaltungen mit BDS-Bezug mehr in städtischen Räumlichkeiten zu gestatten. Das ist im Kampf gegen Antisemitismus ein bedeutender Erfolg. Hier werden die Haarrisse verschlossen, die einen Dammbruch einleiten können: Wo Israel als jüdischer Staat dämonisiert und delegitimiert wird, da schwingt jenes antijüdische Sentiment mit, dessen Bekämpfung unser Land zu Recht als seine Staatsräson begreift.

Es ist erfreulich zu sehen, dass die Politik dies inzwischen verstanden hat, wie unter anderem die klaren Worte von Oberbürgermeister Dieter Reiter auf der von ihm angeregten Kundgebung auf dem Jakobsplatz Anfang Juni gezeigt haben.
Darüber hinaus wurden im vergangenen Jahr sowohl auf Bundesebene als auch in Bayern mit Felix Klein und Ludwig Spaenle eigene Beauftragte zur Bekämpfung des Antisemitismus eingesetzt. Diese Entwicklung ist trotz der traurigen Umstände, auf die sie zurückgeht, zu begrüßen. Es ist nun in Zukunft erfreulicherweise nicht mehr allein die Aufgabe der Gemeinden, auf die leider alltäglich gewordenen antisemitischen Vorfälle vom Mobbing an Schulen über Beschimpfungen auf Makkabi-Sportplätzen bis hin zu Vernichtungsfantasien gegen Israel hinzuweisen.

politik Gerade im Bereich des muslimischen Antisemitismus, der bereits unter Jugendlichen und selbst Kindern verbreitet ist, besteht unverändert dringender Handlungsbedarf. Aber auch die jüngsten rechtsextremen Aufmärsche, deren Bilder uns noch vor Augen stehen, zeigen, dass das Problem eher größer und nicht kleiner wird. Der gesamtgesellschaftlichen Gefahr, die dieser Judenhass mit sich bringt, muss die Politik in unserem Land heute und in Zukunft energisch begegnen.

Leider sind bestimmte Teile des politischen Spektrums dabei aber eher ein Teil des Problems als der Lösung. So ist nach dem Einzug der sogenannten »Alternative für Deutschland« in den Bundestag im vergangenen Herbst das gesellschaftliche Klima in unserem Land bereits heute durch offen revanchistische und oft genug rassistische und antisemitische Äußerungen vergiftet.

Diese Partei, die sich selbst die »Schutzmacht jüdischen Lebens in Deutschland« wähnt – »wähnen« kommt dabei wohlgemerkt von »Wahn« –, leistet sich einen Vorsitzenden, der »Stolz« auf die Leistung der Wehrmacht fordert und nichts daran findet, die Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft als »Vogelschiss« der deutschen Geschichte abzuqualifizieren.

Der AfD-Landesverband Bayern verzichtet derweil selbst auf solch vielsagendes Geraune und fordert im Landtagswahlprogramm ganz unverblümt ein Verbot des Schächtens und der Beschneidung – und damit faktisch das Ende des jüdischen Lebens im Freistaat. Dies möge jeder bedenken, der davon fabuliert, die AfD würde Juden in Deutschland durch ihre rassistischen Forderungen »schützen«. Wer solche Beschützer hat, der ist verloren!

wahl Wir in Bayern haben es im Oktober in der Hand, an den Wahlurnen die richtige Antwort zu geben. Die bayerischen Wähler haben eine wegweisende Entscheidung zu treffen für oder gegen Intoleranz, Hass und, ja, auch Antisemitismus. Es ist ein treffender Zufall, dass die diesjährige Wahl fast genau mit dem 100. Jahrestag der Ausrufung des Freistaates Bayern zusammenfällt – ein Datum, das uns bis heute an die Bedeutung von Freiheit und Demokratie gemahnt.

In diesem Sinne sollten wir auch die positiven Entwicklungen nicht aus den Augen verlieren, die wir für 5779 erwarten können. Hier in München wären etwa zahlreiche Projekte unserer Gemeinde zu nennen, doch ich möchte diesen Punkt auch allgemeiner verstanden wissen: Bayern, Deutschland und Europa sind und bleiben für uns als jüdische Gemeinschaft eine Heimat, in der wir in Freiheit und Wohlstand leben.

Die zahlreichen Herausforderungen und die politischen und gesellschaftlichen Gefahren, auf die – auch von mir – immer wieder hingewiesen wird, sind ernst. Doch tun wir gut daran, unseren Optimismus und unser Vertrauen in die Zukunft nicht zu verlieren. Jede Gefahr ist nur so groß, wie wir sie gemeinsam werden lassen.

In diesem Sinne wünsche ich mir, dass auch im kommenden Jahr die freudigen Momente alles Schlechte überwiegen mögen. Ich wünsche allen Gesundheit, Sicherheit und Erfolg, und insbesondere dem Staat Israel Frieden. Möge G’ttes Segen uns alle stets begleiten!

Schana towa – gmar chatima towa!

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