München

Überleben, damit eine Erinnerung bleibt

Rafael Seligmann (l.) und Shlomo Birnbaum Foto: Marina Maisel

»Kawod« (Ehre) ist ein Begriff, der viel zählt in der Familie Birnbaum. Ihr Oberhaupt Shlomo Birnbaum, der am 15. Oktober seinen 89. Geburtstag feiert, setzte das Gedenken an seinen Vater Arie, seine Mutter Chenka und seine ermordeten Geschwister Ester, die Zwillinge Jakob und Hirsch sowie Nesthäkchen Abraham an den Anfang seiner Memoiren Ein Stein auf meinem Herzen. Er vergaß auch nicht, an den Bruder seines Vaters, Aron, und dessen Frau Frimet zu erinnern, die ihren Sohn Sruli verloren.

In ebenjener Biografie beschreibt Birnbaum seine glückliche Kindheit, die kurz vor seinem zwölften Geburtstag zu Ende ging: »Am 1. September 1939 gerät unsere Welt aus den Fugen.« Sein Überleben – so betont er es in dem Buch immer wieder – verdanke er seinem Vater Arie, zu dem ihm Begriffe wie Stärke, Mut, Tatkraft, Klugheit und »vor allem Besonnenheit« in den Sinn kommen. Diese Vater-Sohn-Beziehung war etwas ganz Besonderes: »Er hat mir über Jahrzehnte alles ersetzt, was ich verloren hatte.«

trauer Auf Einladung der Familie Birnbaum und des Herder-Verlags stellten der Zeitzeuge und sein Biograf Rafael Seligmann Ein Stein auf meinem Herzen kürzlich im voll besetzten Jüdischen Gemeindezentrum vor. Mit dabei waren alle vier Kinder von Shlomo Birnbaum. Der Älteste, Jakob Hirsch, genannt Zwi, der in Kanada lebt, erinnerte sich an die verhaltene Traurigkeit des Vaters, der immer an seine verlorenen Geschwister dachte. Seine Tochter Ester aus London wies darauf hin, dass sie alle deren Namen tragen.

Die beiden Söhne Abi und Ilan bemühten sich, das Streiten unter Geschwistern zu lassen, weil es dem Vater wehgetan hätte. Seligmann berührte das Bild vom »Stein auf dem Herzen« ganz besonders: Er erlebte Birnbaum nicht als Profi, der über seine Schoa-Erfahrung sprach. Dieser habe einfach authentisch davon berichtet, was ihm widerfuhr: der Verlust seines Glaubens, seiner Mutter, seiner Geschwister. Er sprach über die Kollaboration der Polen, über die Unmenschlichkeit der SS, über die Leiden der Eltern, die ihre Kinder nicht schützen konnten.

»Solidarität, Zusammenhalt in der Familie« sind für Birnbaum ein hohes Gut – und »Anstand«, wie er in der IKG ausführte. Den habe Marlene Dietrich bewiesen, als sie den Verlockungen von Propagandaminister Joseph Goebbels widerstand. Dies hatte ihn auch sein Vater Arie gelehrt: »Das Leben ist gut und ehrlich, wenn man eine anständige Haltung hat«, heißt es am Ende seines Lebensberichts, der von Tschenstochau in Polen, wo seine Familie seit Generationen zu Hause war, durch Ghetto und Zwangsarbeit schließlich ausgerechnet bis nach München führte. »Überleben war, von einem Tag zum anderen am Leben zu bleiben«, resümiert Shlomo Birnbaum sein Schicksal. Er sollte überleben, »damit eine Erinnerung bleibt«.

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