München

Geschichte und Zukunft

Soll als Lern- und Erinnerungsort internationaler und politischer werden: das NS-Dokumentationszentrum Foto: Marina Maisel

Auf neuen Wegen will das NS-Dokumentationszentrum wandeln und neben der Geschichte des Nationalsozialismus auch die Gegenwart stärker in den Fokus rücken. Internationaler und politischer sieht das Programm für das Jahr 2019 aus, das unter der Regie von Mirjam Zadoff entstand und ihre Handschrift trägt. Seit Mai vergangenen Jahres ist sie die Direktorin des Zentrums und Nachfolgerin des Gründungsdirektors Winfried Nerdinger.

Die Themen Rassismus, Genozid und Holocaust sind Schwerpunkte und sollen in unterschiedlichen Formaten aus geschichtlicher und gegenwärtiger Perspektive beleuchtet werden, wie Mirjam Zadoff bei der Vorstellung des Jahresprogramms am Donnerstag vergangener Woche erläuterte. Auch Kunstprojekte gehören zum neuen Stil des Hauses.

»Unser Haus ist involviert in die Gestaltung von Zukunft«: Direktorin Mirjam ZadoffFoto: Marina Maisel

ausstellung Ende des Jahres, ab dem 28. November, sollen internationale Künstler ihre Werke zeigen, die eigens für die Ausstellung geschaffen werden und sich gegenwartsbezogen mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts auseinandersetzen. »Tell me about (yesterday) tomorrow« wurde die Aktion betitelt, die Regie dabei führt Kurator Nicolaus Schafhausen, mit dem das NS-Dokumentationszentrum ab April eng zusammenarbeiten will. Bis dahin leitet er noch die Wiener Kunsthalle. Seinen Vertrag wollte er aus Protest gegen die rechtskonservative österreichische Regierung nicht verlängern.

Internationaler und politischer
sieht das Programm
für das Jahr 2019 aus.

Die Notwendigkeit, die gegenwärtige Erinnerungskultur mit Blick in die nahe Zukunft zu analysieren und gegebenenfalls zu ändern, thematisiert IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch immer wieder – und das schon seit Jahren. »Bald gibt es keine Zeitzeugen mehr. Das ist ein elementarer Einschnitt – und eine gesellschaftliche Herausforderung, der wir uns stellen müssen«, gibt sie zu bedenken. Auch das NS-Dokumentationszentrum reagiert darauf und beschäftigt sich in Ausstellungen und Veranstaltungen mit der Zukunft der Erinnerungskultur und der politischen Dimension von Museen und Erinnerungsorten.

themenfelder Die deutliche Ausweitung der Themenfelder ist den Worten von Mirjam Zadoff zufolge zum einen der wachsenden Diversität der Münchner Stadtgesellschaft geschuldet, zum anderen aber auch dem internationalen Publikum, das angesichts politischer Veränderungen immer öfter in der Vergangenheit nach Antworten suche.

Antworten auf Fragen wie: Warum entstehen Diktaturen? Warum werden Gleichberechtigung und Offenheit von Ausgrenzung, Homogenität und Enge abgelöst?» Für unser Programm«, erklärt die Direktorin, »bedeutet dies, dass wir neben klassischen NS-Themen auch aktuelle Bezüge herstellen und andere Formate ausprobieren.« Steigende Besucherzahlen, so eines ihrer Argumente, würden belegen, dass sie mit dieser Strategie auf dem richtigen Weg ist.

Mit der Strategie
ist das Zentrum
auf dem richtigen Weg.

Geschichtliches Wissen zu vermitteln und zu einer Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen und politischen Fragen der Gegenwart beizutragen, ist nach Zadoffs Überzeugung eine der zentralen Aufgaben des NS-Dokumentationszentrums. »Unser Haus«, sagt sie, »liegt an der Schnittstelle von Vergangenheit und Gegenwart. Und es ist involviert in die Gestaltung von Zukunft.«

migration In diesem Jahr, so Zadoff, wolle man deshalb zum Beispiel auch der Frage nachgehen, wie sich NS-Geschichte für von Migration geprägte Besucher erschließen lasse. Diese Frage werde man besonders in den Blick nehmen – sowie die Entwicklung einer digitalen Strategie, kündigte die Direktorin des NS-Dokumentationszentrums an.

Eine Spring School (1. bis 4. April), die sich an Multiplikatoren, Lehrkräfte und Studierende richtet, wird im Rahmen historisch-politischer Bildungsarbeit angeboten und ist neu im Programm. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie die gegenwärtige Gesellschaft mit der Erinnerung an die Akteure der NS-Zeit umgeht und welche vielfältigen Nachwirkungen die nationalsozialistische Täterschaft bis heute hat.

Eine Spring School
richtet sich an
Studierende und Lehrkräfte.

Die Spanne zur Neuzeit schafft auch die internationale Expertengruppe, die im Juni das Thema Gewalt in der unmittelbaren Nachkriegszeit (1945–1949) behandelt. Neueste Ansätze aus der Gewaltforschung betrachten damalige Akteure, Räume, Situationen und Praktiken als ganzheitliches Szenario.

neuzeit Ebenfalls in der Neuzeit angesiedelt ist eine Veranstaltungsreihe, die sich mit Rassismus und Antisemitismus in der Popkultur beschäftigt. Gangsta-Rap ist das Thema beim Start am 14. März, mit Debatten über Comics, Computerspiele, Kunst und Sport geht die Reihe in den folgenden Wochen weiter.

Fernab von Publikumsströmen wollen Direktorin Zadoff und ihre Mitarbeiter in diesem Kalenderjahr auch das Projekt »Erinnerungsort Zwangsarbeiterlager Neuaubing« weiter vorantreiben. Das ehemalige Zwangsarbeiterlager, das von der Deutschen Reichsbahn betrieben wurde, ist weitgehend erhalten geblieben und steht heute unter Denkmalschutz. Grundsätzliche Fragen scheinen gelöst zu sein. Es gehe jetzt, so Zadoff, um inhaltliche und konzeptionelle Details.

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