Saarbrücken

Gegen alle Widerstände

40 abgeschnittene Birkenstämme aus Bronze erinnern nun an die in der Schoa 2500 ermordeten Juden aus dem Saargebiet. Foto: Lisa Huth

Warum müssen 75 Jahre vergehen, bis Menschen der Vergessenheit entrissen werden? Auf dem Vorplatz der Synagoge in Saarbrücken entsteht ein Mahnmal der Künstler David Mannstein und Maria Vill mit 1919 Namen saarländischer Juden, die den Holocaust nicht überlebt haben. Das sind nicht alle Namen. Aber das Wiederauffinden – und noch mehr das Sichtbarmachen – gestaltete sich ausgesprochen schwierig.

Impuls Treibende Kraft war der Vorsitzende der Synagogengemeinde Saar, Richard Bermann. Das sagen sowohl die frühere Baudezernentin Rena Wandel-Höfer als auch der Juryvorsitzende Wolfgang Lorch. Der Impuls sei von Bermann ausgegangen, also von der Jüdischen Gemeinde, sagt Lorch – und nicht von der Mehrheitsgesellschaft. Die Politik ihrerseits habe das Thema spät aufgegriffen.

Für Bermann hingegen war es früh ein Anliegen. »Im Judentum«, erklärt er, »ist der Mensch erst tot, wenn sein Name vergessen ist.« Als er vor zwölf Jahren ins Amt kam, brachte Bermann seinen Wunsch bei Stadt und Land vor. Die Jüdische Gemeinde im Saarland umfasst sowohl die Landeshauptstadt als auch das Bundesland. Insgesamt leben heute 870 Juden im Saarland. Vor 1935 waren es 5000. 1935 war auch das Jahr, in dem die Bewohner des Saargebiets abstimmen durften, ob sie »heim ins Reich« wollten. Sie wollten.

Kurz zuvor war Rabbiner Friedrich Schlomo Rülf nach Palästina emigriert. Nach ihm wurde 2013 der Platz benannt, der zur neu gebauten Freitreppe herunter zur Saar führte.

WALD Auf diesem Rabbiner-Rülf-Platz entstand »Der unterbrochene Wald«: 40 abgeschnittene Birken, in Bronze gegossen – Erinnerungsort für die rund 2500 ermordeten Juden aus dem Saargebiet. Der Darmstädter Bildhauer Ariel Auslender hatte den Künstlerwettbewerb gewonnen. Damals sollten Täfelchen aus Messing mit den Namen der ermordeten jüdischen Saarländer an der Mauer befestigt werden, die entlang der Treppe hinunter zur Saar führt. Das war umstritten.

Pläne einer Namenswand stören die »Partylaune der Saarbrücker«, hieß es damals im Stadtrat.

Auch heute wird immer wieder der Satz zitiert, der quasi alles zu Fall brachte: Das störe die Partylaune der Saarbrücker. Der Satz fiel nicht auf der Straße, sondern im Stadtrat. Er war ein Zeichen dafür, wie schwer es vielen Saarländern immer noch fiel, sich der Vergangenheit zu stellen und sie sichtbar zu machen.

Bis 2013 gab es am Saarbrücker Schloss den »Platz des Unsichtbaren Mahnmals«, Stolpersteine und nun den »unterbrochenen Wald«. Aber keine Namen, keine vollständige Namensliste. Es sei der jahrzehntelangen Ausdauer von Richard Bermann zu verdanken, dass die Liste erstellt werden konnte, sagt Wandel-Höfer.

Bermann forschte in Yad Vashem, im Bundesarchiv, war mehrfach beim niederländischen Roten Kreuz in Den Haag und im »Centre de la mémoire« in Paris. Denn viele Juden flohen, als das Saargebiet 1935 zu Nazi-Deutschland kam – in die Niederlande, nach Südamerika, nach Palästina, vor allem aber nach Frankreich. Viele von ihnen nahmen die französische Staatsbürgerschaft an, nicht wenige französisierten ihre Namen. So wurde aus Friedrich ein Frédéric, der trotzdem gefasst und deportiert wurde. Da es in Frankreich kein Einwohnermeldeamt gibt, musste jeder einzelne Name in mühsamer Recherche wieder freigelegt werden.

STAHLBAND 500 Namen fehlen noch. Sollte jemand aus Familiengeschichten erfahren haben, dass seine Vorfahren aus dem Saarland stammen, kann er oder sie sich gerne bei der Synagogengemeinde melden. Richard Bermann macht sich aber wenig Hoffnung. Seine Recherche sei sehr umfassend gewesen. Das Mahnmal, das kommendes Jahr gebaut werden soll, hat einen Vorteil: Es ist nicht statisch, sondern besteht aus einzelnen Elementen. Sollten weitere Namen hinzukommen, kann es erweitert werden.

Sieger des neuen Wettbewerbs »Denkmal Synagogenvorplatz Saarbrücken« ist die Künstlergruppe Mannstein + Vill aus Berlin mit ihrem Entwurf »Der Name ist ein Stück des Seins und der Seele«, ein Zitat des Schriftstellers Thomas Mann. Es besteht aus einem geschwungenen Band aus Stahl. Und doch, so Richard Bermann, der in der Jury saß, trennt das Band die Synagoge nicht von der Stadtgesellschaft. Die Namen werden in das Metall gestanzt, sodass das Band wie ein durchlässiger Vorhang von der Synagoge zum Beethovenplatz führt.

Viele Namen mussten mühsam recherchiert werden.

Der Juryvorsitzende Wolfgang Lorch spricht von einer großen Klarheit des Entwurfs. Insgesamt gab es 98. »Wir waren von der Vielzahl regelrecht erschlagen«, sagt Bermann. Für Lorch kristallisierte sich schnell das Band aus Stahl heraus. »Weil es keine missverständliche Symbolik wie etwa versunkene Davidsterne gab.«

Die Entscheidung fiel dann fast einstimmig. Für den heutigen Kulturdezernenten Thomas Brück hat das Künstlerpaar sehr überzeugend realisiert, dass die Synagogengemeinde keine Trennwand zur Stadt will, sondern Transparenz. »Wir sind da, wir waren da, und wir werden auch bleiben«, bedeutet es für Brück, der ebenfalls in der Jury saß.

Den Vorplatz der Synagoge gab es bis vor Kurzem gar nicht. Die Autos auf dem Beethovenplatz parkten bis dicht an die Synagoge. Damals, als die Namenswand hinunter zur Saar abgelehnt wurde, kam bereits die Idee auf, sie dort zu errichten. Aus Sicherheitsgründen sollte ohnehin der Vorplatz geschaffen werden, da bot sich ein Mahnmal an dieser Stelle geradezu an.

EHRLICHKEIT Warum aber dauert es so lange, bis das stählerne Band mit den Namen installiert werden kann? Weil auch das Land involviert werden sollte. Bermann hatte immer wieder auch mit der Landesregierung verhandelt, genau wie mit den im Landtag vertretenen Parteien. Es ging ja nicht nur um die Saarbrücker Juden, sondern um die Jüdinnen und Juden, Erwachsene, Kinder, aus allen 26 ehemaligen jüdischen Gemeinden des Saarlandes.

Mit dem letzten Doppelhaushalt des Landes, so Brück, wurde nun die Summe von 200.000 Euro verabschiedet – genauso viel, wie die Landeshauptstadt übernimmt. »Es ist eben immer auch alles eine Frage des Geldes«, erläutert Brück.

Aber wahrscheinlich nicht nur. Wandel-Höfer, die jahrelang immer wieder auf die Mittelfreigabe drängte, meint: »So richtig ehrlich stellt man sich dem nicht.« Offenbar auch rund 75 Jahre danach nicht.

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