Chemnitz

Gedämpfter Optimismus

Die Gemeindevorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz, Ruth Röcher, ist durchaus zuversichtlich. Foto: dpa

Chemnitz

Gedämpfter Optimismus

Die jüdische Gemeinde vor den Wahlen und nach den Unruhen 2018

von Heide Sobotka  29.08.2019 10:00 Uhr

»Ich bin heute, wenige Tage vor der Wahl, optimistischer, als ich es noch vor 30 Tagen war«, sagt Ruth Röcher, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz. Am vergangenen Wochenende hatte die Gemeinde zum Jahrestag der Unruhen nach dem Tod von Daniel H. Gäste zu einem Friedensgottesdienst empfangen, und viele Gemeindemitglieder und vor allem die eingeladenen Politiker waren erschienen.

Gespräche »Es war eine sehr gelungene Veranstaltung«, resümiert Röcher. »Wir merken, dass die Mitte der Gesellschaft die Gefahr erkannt hat.« Die Politiker der erst seit 18 Monaten im Amt befindlichen sächsischen Regierung stehen voll hinter der Gemeinde. So etwas habe sie in den 25 Jahren vorher nicht erlebt, sagt Röcher. Einen Monat nach seiner Wahl habe Michael Kretschmer im Februar 2018 die Vorsitzenden der drei sächsischen jüdischen Gemeinden eingeladen und gefragt: »Wo stimmt etwas nicht? Wo kann ich helfen?«

In der kurzen Zeit ihrer Regierung hat die CDU in Sachsen schon viel für die jüdische Gemeinde getan.

Es sei in der kurzen Regierungszeit schon sehr viel zum Wohle der jüdischen Gemeinden passiert. »Ich bin heute etwas aufgeregt, weil ich zum ersten Mal in einer Grundschule unterrichten werde«, erzählt Röcher. Dies sei der erste Punkt, der zügig von der Regierung angegangen wurde: jüdischer Religionsunterricht.

»Die reden in der Regierung nicht nur, sie tun etwas – und zwar schnell«, sagt Röcher. So sei sofort ein »Beauftragter gegen Antisemitismus und für das jüdische Leben« in Sachsen etabliert worden. Und dann – auch das könne sie gar nicht hoch genug schätzen – die Erhöhung der finanziellen Unterstützung im Rahmen des Staatsvertrages. »So können wir endlich die Rabbiner bezahlen«, sagt Röcher.

Eher zufällig war der Weggang der Rabbiner aus Chemnitz und Dresden mit den Unruhen im vergangenen Jahr zeitlich zusammengefallen. »Wir zahlen einfach im Durchschnitt 40 Prozent weniger, ihr Weggang ist zu verstehen.« All dies könne man jetzt auffangen.

Solidarität Die Stadt stehe voll hinter der Gemeinde. Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) betone immer wieder, wie wichtig ihr jüdisches Leben in der Stadt sei. Sie habe sich sogar den Segensspruch für die Stadt, der im Gottesdienst ausgebracht wurde, mitgeben lassen. Man spüre deutlich, dass man ernst genommen werde, sagt Röcher. »Ohne die Stadt hätten wir 2011 unseren Kindergarten nicht eröffnen können.« In der nächsten Woche ist sie eingeladen, die Partnerstadt Lodz zu besuchen. »Welche Stadt nimmt zu einem Partnerschaftstreffen ihre jüdische Gemeinde mit?«, fragt Röcher.

Respekt, Anerkennung, echtes Interesse, das liest sie aus dem Verhalten der Politiker. »Die Mitglieder freuen sich sehr, wenn die Gäste, wie Staatsminister Roland Wöller, bleiben und eben nicht auf die Uhr schauen und zum nächsten Termin hasten«, wie am Freitag geschehen. So empfanden es auch die Jugendlichen beim anschließenden lockeren Stehempfang. »Das stärkt ihr Wohlgefühl.«

Wahl »Die Prognosen, dass die CDU auf 30 Prozent kommen könnte, beruhigen mich ein bisschen. Ich hoffe nur, dass die vernünftigen Leute zur Wahl gehen. Dass die Rechten das werden, weiß man ja leider«, sagt Röcher.

Auch wenn beim Drittligaspiel am Samstag zwischen Chemnitz und Bayern München II wieder antisemitische Pöbeleien zu hören waren und bei der Kundgebung am Sonntag ein 19-Jähriger den Hitlergruß zeigte. Er wurde festgenommen und zu einer Strafe von sieben Monaten auf Bewährung verurteilt. »Immerhin bildeten auch 400 Menschen eine Kette für Demokratie in der Innenstadt, und das zählt auch«, sagt Röcher.

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