Abitur

Eins plus Eins

Mit Schwung durchs Abitur: Helen Gelbart freut sich auf die Zeit nach dem Abschluss. Was sie studieren möchte, weiß sie noch nicht. Fest steht aber: Es geht nach Tel Aviv. Foto: Gregor Zielke

Ihre Stundenpläne haben sich geändert. Statt Schulbankdrücken von acht Uhr morgens bis in den Nachmittag hinein, stehen bei Helen Gelbart und Dalia Grinfeld nun Freunde treffen, Fahrstunden nehmen, Klavierspielen, Joggen und Sport auf dem Plan. Zwar hatte Dalia gehofft, dass sie in den Wochen zwischen Abiprüfungen und Zeugnissen endlich mal Zeit hätte, alle Bücher, die sie schon immer aufschlagen wollte, zu lesen, Ausstellungen zu besuchen und ihr Spanisch aufzupolieren.

»Aber dazu komme ich gar nicht«, sagt die 17-Jährige. Denn sie sitzt wieder am Schreibtisch. Dieses Mal aber nicht, um Referate auszuarbeiten oder Vokabeln zu lernen, sondern, um Bewerbungen für Stipendien zu schreiben. Ab Herbst möchte sie Jura oder Politikwissenschaften in Hamburg oder Berlin studieren.

Spitze Helen Gelbart und Dalia Grinfeld sind zwei von etwa 60 Schülern der Jüdischen Oberschule, die in den nächsten Tagen ihre Zensuren erfahren und anschließend ihre Abiturzeugnisse erhalten werden. Beide zählen zur Spitzengruppe ihres Jahrgangs. In diesem Sommer handelt es sich um einen Doppeljahrgang, weshalb einige in 13 und andere in nur zwölf Jahren das Abitur geschafft haben – so wie Dalia Grinfeld.

»Das Lernen fällt mir leicht«, sagt Dalia, die in den vergangenen zwei Jahren auch Schulsprecherin war. Die 17-Jährige habe im Unterricht gut aufgepasst, mitgearbeitet – musste so ihr Wissen vor den Prüfungen nur noch einmal auffrischen und hoffen, dass das drankommt, worauf sie sich vorbereitet hatte.

Aber sie hätte schon ein gutes Zeitmanagement gebraucht, um Schule und ihre anderen Aktivitäten unter einen Hut zu bekommen. Ein bisschen nervös sei sie vor den Abitur-Klausuren gewesen. Einen Tag vor der Englisch-Prüfung war sie noch an einer Aktion anlässlich Jom Haschoa beteiligt und zog mit anderen Jugendlichen los, um Stolpersteine zu putzen.

»Da habe ich gedacht, dass es nicht so wichtig ist, einen Abi-Durchschnitt von 1,0 zu haben, sondern dass 1,2 auch reicht«, sagt sie lächelnd. Sie sei sozial engagiert, politisch aktiv, hat den interreligiösen Dialog des Projekts »Jung, gläubig, aktiv« mit initiiert, organisiert jährlich den sozialen Tag für »Schüler helfen leben«, dessen Erlös an Projekten in ärmeren Ländern zugute kommt, leitet eine Gruppe im Jugendzentrum »Olam« und betreut Kinder und Jugendliche auf der Sommermachane.

»Ich mache das alles sehr gerne – und ich möchte Jüdischkeit von Generation zu Generation weitergeben.« Dass sie in die Politik gehen will, stehe für sie fest. Unsicher sei sie nur, ob als Politikerin oder Beraterin. »Mit Jura oder Politikwissenschaften geht ja beides.«

noten Mit häuslichem Lernen hatte Helen Gelbart eigentlich nie viel zu tun. »Ich habe ein gutes Gedächtnis und konnte im Unterricht alles gut aufschnappen – länger als eine halbe Stunde habe ich mich nie auf eine Arbeit vorbereitet.« Vor wenigen Wo-
chen ist sie gerade 17 Jahre alt geworden und ist das jüngste Mädchen, das nun Abitur an der Jüdischen Oberschule gemacht hat. »Ich habe mein Bestes in den Prüfungen gegeben«, sagt Helen Gelbart. Ihre schlechteste Zensur waren bisher zwölf Punkte, eine Zwei plus.

Viel Zeit zum Pauken hatte sie in den vergangenen Jahren eigentlich nicht, denn sie machte auch noch Leistungssport. Viermal in der Woche trainierte sie Rhythmische Sportgymnastik und hatte mindestens einmal im Monat einen Wettkampf. Ebenso nahm sie einmal in der Woche Klavierunterricht. »Aber zum Üben hatte ich wenig Zeit. Das hole ich jetzt erst nach und meine Lehrerin freut sich, dass ich, nun mehr und besser spielen kann«, sagt die 17-Jährige. Sie hätte Freude an der Musik und sei immer wieder überrascht. Wenn ihr die Lehrerin ein neues Stück präsentiert, dann sei ihr erster Gedanke: »Das schaffe ich nie.« Und bisher hat es irgendwann immer geklappt. »Aber Klavier muss man richtig üben.«

Ballett Als Vierjährige hatte sie Ballett ausprobiert. Nach einem halben Jahr hätte sie noch keine sichtbaren Fortschritte erreicht. »Das war nicht meins.« Eine Freundin trainierte Rhythmische Sportgymnastik, was Helen motivierte, auch mal mitzugehen. »Nach zwei Wochen machte ich mehr Fortschritte als im Ballett nach einem halben Jahr. Da hatte ich meinen Sport gefunden.« Mit sieben stieg sie in den Leistungssport ein. »Mir waren die vielen regelmäßigen Termine nie zu viel.«

Die anderen Sportlerinnen habe sie fast täglich gesehen, sie haben zusammen trainiert und sich gegenseitig angefeuert. »Da wächst man zusammen.« Bis zum Abitur war sie mehrmals in der Woche in der Turnhalle – doch nun ist es weniger geworden. Und sie spüre auch ihr Alter und dass sie nicht mehr so beweglich sei wie vor ein paar Jahren. »Aber die sportliche Betätigung fehlt mir sehr«, sagt sie, weshalb sie nun mehr joggt.

Als sie in die Heinz-Galinski-Schule kam, fragten die Lehrer sie bereits in der ersten Klasse, ob sie nicht eine Stufe überspringen wolle. »Ich war damals schüchtern und wollte mit meinen Freunden zusammenbleiben«, sagt sie heute. Sie blieb in ihrer Klasse. Nach der vierten wechselte sie zur Jüdischen Oberschule, wo sie doch zunehmend Langeweile verspürte, weshalb sie schließlich die sechste Klasse übersprang. »Da war ich selbstbewusster und hatte neue Freunde gefunden.«

Politik Neben Englisch, Hebräisch und Französisch spricht sie auch noch Russisch, da ihre Mutter aus Lettland stammt. »Damit ich die Sprache auch lesen und schreiben lerne, lese ich mit meiner Oma russische Kinderbücher.«

Nur eines weiß sie noch nicht: Welches Fach sie studieren möchte und welchen Beruf sie mal ergreifen möchte. Jura könnte sie sich schon vorstellen. Oder Politik. Im Herbst will sie auf jeden Fall für ein Jahr nach Tel Aviv gehen, um dort an der Uni ein Orientierungsprogramm zu absolvieren und ihr Hebräisch noch zu verbessern. Kurse wie Internationale Beziehungen, Politik und Ökonomie möchte sie belegen. Auf jeden Fall wird in einer Woche gefeiert: Denn dann gibt es die letzten Schulzeugnisse.

»Meet a Jew«

Miteinander statt übereinander reden

Begegnunsprojekt des Zentralrats will den Austausch von Juden und Nichtjuden fördern

 28.02.2020

Jewrovision

»Da will ich dabei sein«

Wie sich das Jugendzentrum Olam, die Gemeinde und das Hotel Estrel auf das Event in Berlin vorbereiten

von Christine Schmitt, Katharina Schmidt-Hirschfelder  27.02.2020

Dessau

Weg frei für neue Synagoge

Die Landesregierung von Sachsen-Anhalt fördert das Neubauprojekt mit rund 1,9 Millionen Euro

 13.02.2020

Geschichte

Täterorte Ost

Eine Ausstellung in der Burgstraße 28 zeigt frühere NS-Institutionen von Pankow bis Köpenick

von Christine Schmitt  13.02.2020

Hamburg

Bürgerschaft beschließt Synagogenaufbau

Einstimmiges Votum für Wiedererrichtung eines repräsentativen Gotteshauses am Bornplatz

 13.02.2020

Sport

Fit in den Mai

Bei den Makkabi Deutschland Games will Maccabi München mit 100 Teilnehmern antreten

von Helmut Reister  13.02.2020

Charlottenburg

Jiddisch im Rathaus

Eine Ausstellung des Moses Mendelssohn Zentrums begibt sich auf die Spuren von Übersetzungen deutscher Klassiker

von Jérôme Lombard  06.02.2020

Dresden

Junges Museum für junge Leute

Im Alten Leipziger Bahnhof soll eine Ausstellung anderer Art über jüdisches Leben in Sachsen entstehen

von Karin Vogelsberg  06.02.2020

Kiel

Antisemitismus im Norden

Erste Statistik für Schleswig-Holstein

von Heike Linde-Lembke  06.02.2020