Berlin

Mendelssohns Erben

Das Jüdische Gymnasium feiert 25. Jubiläum. Es fühlt sich der Tradition jüdischer Aufklärung verpflichtet

06.09.2018 – von Simone FloresSimone Flores

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Es ist noch ruhig in der Großen Hamburger Straße an diesem Sonntagvormittag. Nur vor dem Jüdischen Gymnasium Moses Mendelssohn (JGMM) herrscht schon geschäftiges Treiben. Eltern, Verwandte und Freunde von Schülern treffen ein, Kuchen werden eilig zum Buffet getragen. Das diesjährige Schulfest steht ganz im Zeichen des 25-jährigen Jubiläums der Schule. Der Innenhof ist gefüllt mit Ständen, die für das leibliche Wohl der Gäste sorgen und von engagierten Schülern, Eltern und Lehrkräften betreut werden.

Auch externe Partner wie die Literaturhandlung, das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk, das Abraham Geiger Kolleg oder das Zacharias Frankel College präsentieren sich mit eigenen Ständen.
Damit neben Essen und Information auch für Unterhaltung gesorgt ist, gibt es für die jüngeren Gäste Wettangeln, einen Schminkstand, Schachturniere oder Wackelturm-Mikado.

bilanz Während Eltern und Gäste in das Schulgebäude strömen, probt im bestuhlten Hof der Schulchor noch die einstudierten Lieder, einige Schüler der Oberstufe hängen letzte Plakate auf. Samuel und Philipp, die gerade ihr letztes Jahr am JGMM begonnen haben, ziehen eine positive Bilanz ihrer Schulzeit dort.

»Ganz besondere Erlebnisse waren auf jeden Fall die zweiwöchige Israelfahrt in der achten Klasse und die Reise nach Polen zwei Jahre später«, finden beide. »Nicht ganz einfach waren manchmal die Lehrerwechsel«, resümiert Samuel.

Andererseits könne so ein Wechsel aber auch Vorteile bringen, meint der Zwölftklässler. »So haben wir frischen Wind gekriegt und auch mehr Digitalisierung im Unterricht«, fasst er die positiven Veränderungen zusammen.

austausch Sarah, Clara und Shirin besuchen die siebte Jahrgangsstufe und standen gerade noch für die Probe des Schulchors auf der Bühne. Sie alle wohnen in Laufnähe zur Schule.

Vom kurzen Schulweg abgesehen, gibt es aber noch andere Pluspunkte, die für das JGMM sprechen, sagt Sarahs Vater Christian Jörgensen. »Der gegenseitige Austausch, dass man lernt, mit anderen Kulturen und Religionen umzugehen, ist auf jeden Fall immer willkommen – außerdem sind die kleinen Klassen von höchstens 24 Schülern ein großer Vorteil.«

Gelegenheiten, voneinander zu lernen, gibt es tagtäglich am JGMM, wo jüdische und nichtjüdische Schülerinnen und Schüler gemeinsam unterrichtet werden.

Aviv aus der zehnten Klasse betreut den Stand des Fördervereins. Als ganz besondere Tage im Schuljahr empfindet er die jüdischen Feiertage, wie aktuell Rosch Haschana. »An den Feiertagen selbst haben wir zwar frei, aber wir feiern dann noch einmal alle zusammen in der Mensa«, sagt der Zehntklässler. »Das sind immer Momente, in denen alle Schüler, Lehrer und auch Eltern zusammenkommen.«

Vielfalt Um zwölf Uhr sind die Stühle im Hof des JGMM besetzt. Gekommen sind nicht nur viele ehemalige Schüler, sondern auch fast alle ehemaligen Direktoren der Schule. Nachdem der Schulchor deutsche und hebräische Lieder gesungen hat, betritt Schulleiter Aaron Eckstaedt die Bühne. Dass die jüdische Schule, die 1778 gegründet wurde und 1862 in die Große Hamburger Straße umzog, nach der Schoa und der Wiedervereinigung im Jahr 1993 neu gegründet wurde, sei durchaus nicht selbstverständlich, betont Eckstaedt.

Der Hof des Gymnasiums gibt den Blick direkt nach nebenan frei, auf den Jüdischen Friedhof mit der Grabstätte Moses Mendelssohns. So darf natürlich der Verweis auf den Namenspaten der Schule nicht fehlen.

Eckstaedt erinnert an die Überlieferung, nach der Mendelssohn als 14-Jähriger fünf Tagesmärsche von Dessau nach Berlin hinter sich bringen musste, um seinem Lehrer zu folgen. »Letzteres ist für uns ja die interessanteste Stelle, das muss man sich heute einmal vergegenwärtigen«, scherzt der Schulleiter.

Der Grundgedanke der Schule, sowohl jüdische als auch weltliche Bildung für jüdische und nichtjüdische Schüler gleichermaßen zu bieten, gelte heute noch genauso wie damals.

kontinuität »Damit ist ›diversity‹ oder Vielfalt etwas, das wir hier seit 240 Jahren versuchen zu verwirklichen«, fasst Eck­staedt die Aktualität des ursprünglichen Schulkonzeptes zusammen.

Als Signal für die Zukunft und Besonderheit des Jubiläumsjahres stellt der Schulleiter die Vergrößerung des Lehrerkollegiums am JGMM heraus. Gleich elf neue Lehrkräfte wurden zusätzlich eingestellt – das entspricht fast einem Viertel des Kollegiums. In Zeiten des bundesweiten Lehrermangels stehen in der Großen Hamburger Straße die Zeichen also auf Aufbruch, stellt Eckstaedt fest.

Über Aufbruch und Zukunftspläne, aber auch Altbekanntes und Kontinuitäten freuen sich ehemalige Schülerinnen und Schüler wie Marina Feidel. Sie hat 2004 ihren Abschluss an der Schule gemacht und kehrt immer wieder gerne zurück. »Mir waren der Zusammenhalt, der Wohlfühlfaktor und das Jüdische hier immer sehr wichtig«, sagt sie. »Ich habe schon viele Lehrer gesehen, die ich noch von früher kenne – das finde ich schön.«

Die Bedeutung einer durchgehenden jüdischen Bildungslandschaft vom Kindergarten bis zur Universität betont in seiner Ansprache auch Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, die als Träger das Jüdische Gymnasium unterhält.

wachstum Joffe unterstreicht Mendelssohns Bestreben, den Berliner Juden im ausgehenden 18. Jahrhundert moderne Bildung und damit auch Integration in die Gesellschaft zu ermöglichen, und stellt die Relevanz dieser Schlagworte für das heutige politische und gesellschaftliche Geschehen heraus.
»Mendelssohn hat einen Grundstein gelegt, und wir sehen heute, was daraus erwachsen ist«, resümiert Joffe.

So lernen am Moses-Mendelssohn-Gymnasium derzeit knapp 450 Schülerinnen und Schüler, bei der Neugründung 1993 waren es gerade einmal 27. Das Wachstum werde anhalten, ist der Gemeindevorsitzende überzeugt. Nicht nur wegen des guten Rufs der Schule, sondern auch aufgrund negativer Erfahrungen, die jüdische Schüler an nichtjüdischen Schulen machten. Nicht zuletzt aus diesem Grund sei die Errichtung einer jüdischen Sekundarschule dringend notwendig, betont Gideon Joffe zum Abschluss seiner Rede.

Der zwischenzeitlich einsetzende Regen endet an diesem Sonntagmittag pünktlich mit den offiziellen Ansprachen, und ein gelungenes Schul- und Jubiläumsfest nimmt seinen Lauf.

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