Kultur

»Ich wollte wie Goethe werden«

Georg Stefan Troller über Vorbilder, Paris als Sehnsuchtsort und das Gefühl des Entwurzeltseins

10.05.2018 – von Anina Valle ThieleAnina Valle Thiele

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Herr Troller, Sie hatten ein bewegtes Leben und haben viele Menschen mit Ihren Reportagen, Interviews und Dokumentationen erreicht. Vor allem mit Ihrem »Pariser Journal«, das Sie als Sonderkorrespondent des ZDF in Paris gedreht haben. Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf diese Zeit zurück?
Nun, der Erfolg lag zunächst einmal mehr an der Zeit als an mir. Die Leute sehnten sich damals nach Paris und nach Lebensqualität; Paris war ein Sehnsuchtsort, wo man angeblich besser leben und lieben konnte. Gerade im Trümmerdeutschland der Nachkriegszeit.

Aber Sie haben diese Sehnsucht in gewisser Weise erfüllt. Und wenn man nun in Ihr aktuelles Buch »Ein Traum von Paris« schaut, dann ist es das Paris von gestern.
Ja, diese Bilder von Paris, wie es sie zum Beispiel in den 50er-Jahren gab, existieren nicht mehr, sie sind alle verschwunden. Deshalb fotografiere ich auch nicht mehr. Viele Ausländer suchen den Traum von Paris, so wie ich ihn noch bis vor ein paar Jahren gesucht habe. Aber beschreiben kann ich das Paris meiner Träume noch. In meinem Buch versuche ich es zumindest.

Das heißt, Sie sind ein Traumfänger?
Ein Traumfänger? Das gibt es, ja! Ein schönes Wort. Ich war als Kind verschrien als Träumer.

Ist es der Charme von Paris gewesen, der Sie dort hingezogen hat? Sie sind 1921 in Wien geboren, zu Beginn des Krieges emigrierten Sie in die Vereinigten Staaten und wurden im Frühjahr 1943 Soldat. Was hat Sie nach Paris gezogen?
Letzten Endes ein Fulbright-Stipendium. Ich bin nie zur Universität gegangen, habe nur monatlich meinen Dollar-Scheck kassiert. Ich hatte in Kalifornien studiert, in New York an der Columbia, und da gab es Professoren, die sich für jeden Einzelnen interessiert haben. In Paris war es ganz anders. Ich hatte das Gefühl, dass die Universität wahnsinnig zurückgeblieben war durch die Kriegs- und Nachkriegszeit. Und so blieb ich weg und begann, als Journalist in das aufregende Paris einzutauchen.

Haben Sie bei Ihrem Lebensweg ein Gefühl des Entwurzeltseins? Fühlen Sie sich heute irgendwo zu Hause oder heimisch?
Ich weiß nicht, was diese Frage soll. Viele der Leute, die mich fragen, haben selbst keine Heimatgefühle und erwarten sie von mir. Ich bin mit 17 aus Wien weg. Da ist man schon verwurzelt, vor allem in einer Stadt wie Wien. Aber die viel wichtigere Frage ist: Kann man eine Heimat anderswo gewinnen? Das glaube ich eben nicht. Heimat ist da, wo du zum ersten Mal als Säugling den Dingen einen Namen gegeben und erfahren hast, dass das Teddybär heißt, Mama, Papa. Dadurch wird die Bedrohung, in die das Kind geworfen ist – ich spreche von Geworfenheit; Heidegger, ja genau –, beherrschbar. Schon im Alten Testament werden den Dingen von Adam und Eva ihre Namen gegeben. Genau da beginnt Heimat.

Welchen Bezug haben Sie zur deutschen Sprache? Ist das eine Art Hassliebe – weil es auf der einen Seite die Sprache der Nazis war, Sie am Deutschen aber die Mischung aus Klarheit und Romantik lieben?
So ist es. Und für einen angehenden Autor, der ich ja war, ist das ein Lebensproblem! Wie komme ich zurande mit einer Sprache, die ich seit Jahren nicht mehr gehört habe, die meinen Feinden und Verfolgern eigentlich gehört und auf die ich möglicherweise gar keinen Anspruch mehr habe? Ich habe das so für mich zusammengefasst: dass die Sprache trotz der Nazis uns Emigranten gehört – auch, wenn sie uns schrittweise verlässt. Wie eine Frau, die man geliebt hat, die einem Lebewohl sagt und die man nicht aufhören kann zu lieben.

Wieso sind Sie nicht zurück nach Wien gegangen? Hatte das mit Antisemitismus zu tun?
Nun ja, ich habe mir, nachdem ich meinen M.A. in New York gemacht hatte, gedacht, ich könnte vielleicht ein Doktorat in Theaterwissenschaften in Wien absolvieren. Aber es gab in Wien immer wieder diese Stiche, dass ich hier nie beheimatet werden würde. Irgendwie hofft man, man kann doch noch hineinschlüpfen in sein altes jugendliches Selbst.

Antisemitismus, wie Sie ihn in Wien erlebt haben, ist etwas, was zunimmt in Westeuropa. Ist der Judenhass derselbe wie früher und trat möglicherweise die letzten Jahrzehnte nur nicht so offen ans Licht?
Das ist wahnsinnig schwer auf einen Nenner zu bringen. Natürlich war Frankreich, wie so viele Länder, ein antisemitisches Land. Durch Generationen von Aufklärung, sozialistische Regierungen, hat sich das gelegt, ist geschrumpft, war einen Moment lang keine Gefahr mehr. Es war aber immer da, und wie wir wissen, beruht es auf Fremdenhass, auf Neid und der Vorstellung, alle Juden hätten Geld.

Wie denken Sie über den französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron? Können Sie über ihn schon etwas sagen?
Na ja, ich denke über ihn wie viele Franzosen: Er ist ein Mann der Vorsehung! Im richtigen Moment wie aus dem Nichts aufgetaucht, und er hatte genau das, was Millionen Franzosen sich ersehnt haben. Die Franzosen sind im Grunde Monarchisten. Macron scheint wieder einer von denen zu sein, die die Konstitution mit neuem Leben füllen, und man ist wieder voller Hoffnung. Was mir Sorge bereitet: Er wurde ja auch hauptsächlich als Alternative zu Le Pen gewählt. Erstaunlich, dass Mélenchon fast 20 Prozent Stimmen bekommen hat. Nicht nur 15 Prozent Nazis, sondern auch fast 20 Prozent Kommunisten! Das ist bezeichnend für das neue Europa. Leider.

Populisten befinden sich im Aufwind. Haben nur diejenigen real eine Chance, die angeblich unverblümt Ressentiments aussprechen?
Das Absacken der Religionen hat für ein Glaubensmanko gesorgt. Man glaubt nicht mehr an das Weltproletariat, nicht die Weltrevolution und auch nicht mehr daran, dass Gott alles zum Guten wenden wird. Man glaubt nicht mehr, dass durch die Mehrheit der Stimmen die Wahrheit ans Licht kommt. Also woran glauben? Am leichtesten ist es, an Hass zu glauben. Ausländer sind an allem schuld. Das ist in allen Ländern, wo Migranten auftauchen, ein Problem und eine Erklärung dafür, dass die extreme Rechte so stark geworden ist.

Auf der anderen Seite gibt es Islamismus und Terroranschläge nun auch in Europa. Nicht erst mit den Anschlägen auf das Bataclan und einen koscheren Hypermarché 2015 ist der islamistische Terror auch in Paris. Wie stehen Sie persönlich dazu?
Der islamistische Terrorismus ist ein riesiges Problem. Jüdisches Leben in Paris kann nur unter Polizeischutz stattfinden. Das ist eine Katastrophe. Aber ich wehre mich dagegen zu generalisieren, wie viele andere es tun.

Bleiben wir beim Stichwort »Glaube«. Woran glauben Sie?
Ich kann mich keiner Religion anschließen, auch nicht dem Judentum. Entschuldigung, Sie wollen das vielleicht nicht hören, die jüdischen Zeremonien haben mich immer in Verlegenheit gebracht. Aber die Religion ist ganz bestimmt eine Notwendigkeit, sowohl in der Erwartung von Hilfe wie in der Hingabe an eine höhere Macht. Die Sehnsucht danach ist in uns allen, auch in mir.

Hatten Sie je Vorbilder, an denen Sie sich orientiert oder denen Sie nachgeeifert haben? Es heißt, dass Karl Kraus Ihr Vorbild war.
Also, Karl Kraus wollte ich bestimmt nicht sein! Er hat mich beeinflusst, aber er war ein Ekel, wenn auch faszinierend, und er war ein toller Schreiber, und der Mut, den er hatte, sich anzulegen mit den höchsten Autoritäten, dazu gehörte schon was.

Manchmal hatten Sie es aber auch auf den Ekel abgesehen. Sie haben zum Beispiel Woody Allen so porträtiert, dass klar wurde, dass er der Vorstadtneurotiker ist ...
Ich habe keine Ahnung, ob er wirklich ein Neurotiker ist, aber er liebt kleine Mädchen, vor allem, wenn sie seiner Familie angehören. Aber er ist nicht der Einzige. Polanski ist genauso. Deswegen waren die mir nicht weniger sympathisch.

Erinnern Sie sich an ein Interview, das gehörig danebenging?
Definitiv das Interview mit Woody Allen. Das war furchtbar. Ich bin einer seiner größten Bewunderer. Ich wollte ihm das mitteilen. Aber ich war der letzte, von dem er bewundert werden wollte. Aber ich hatte zwei Ansätze, mit ihm zu drehen. Der erste ging absolut in die Hose. Der fand gar nicht statt. Und zehn Jahre später habe ich es nochmal versucht und da sein letzter Film, Name vergessen, einen deutschen Co-Produzenten hatte, musste er mir ein Interview geben. Ich bekam vorher einen Schrieb, vierfache Ausfertigung von Mister Tennenbaum, seinem Advokaten, was wir alles nicht dürften: ihn nicht mit anderen Leuten, nicht mit anderen Frauen, nicht auf der Straße zeigen. All diese Dinge.

Wie lange durften Sie ihn filmen?
Eine viertel Stunde. Ich musste ihn provozieren, aber ich merkte seine Haltung mir gegenüber: »Wenn ich nicht die Gnade Gottes gehabt hätte, wäre ich so geworden wie Du!« Das ließ er mich spüren, und also hat er alles getan, um das Interview zu hintertreiben. Er hat sich so in eine Ecke gestellt, dass man sein Gesicht nicht sehen konnte und wir drehten und drehten und er hatte dafür gesorgt, dass kein Bild erscheint, sondern nur die Titel. Und er hat die ganze Zeit nur die Betitelung besprochen. Auf einmal drehte er sich um, und ich rief aufgeregt zum Kameramann: »Jetzt dreh!« Ich war so aufgedreht, dass ich unsere Lampe umhaute, die stürzte zu Boden und erlosch: zum ersten und einzigen Mal ein seliges Lächeln auf dem Gesicht von Woody Allen!

Sie haben einmal gesagt, dass Sie, abgesehen von den einfachen Menschen, vor allem diejenigen Menschen interessieren, die über Schwierigkeiten zu sich selbst gefunden haben. Haben Sie zu sich selbst gefunden?
Das ist eine tolle Frage! Jeder Mensch ist auf dem Weg zu sich selbst auf solchen Umwegen unterwegs, dass er abgelenkt wird. Also, ich bin bestimmt nicht im tiefsten Wesen ein Fernsehreporter. Ich bin wahnsinnig glücklich, dass es sich so ergeben hat, und das war meine Chance. Aber: Was ich wirklich hätte werden wollen, weiß ja niemand. Wenn ich Philip Roth lese, denke ich, das hätte ich eigentlich schreiben müssen, bin aber nie dahin gekommen. Und warum nicht? Aus Mangel an Interesse an anderen Menschen oder aus Mangel an Interesse an mir selbst ... Ich weiß es nicht.

In Ihrer Wohnung springt einem in Ihrem Regal der Briefwechsel zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann ins Auge und eine CD von Leonard Cohen. Sie haben Edith Piaf einmal gefragt, was sie liebt. Was macht Troller heute? Was lieben Sie?
Je älter man wird, umso weniger interessiert man sich für die Liebesgeschichten anderer Leute, umso mehr für Biografien, Tatsachen über Menschen, über Zeiten, über Epochen und Orte. Ich bin nach wie vor interessiert, aufgeschlossen, lernbereit. Aber nicht mehr bereit zur Persönlichkeitsveränderung!

Und was bleibt?
Die unendliche Dankbarkeit für Gesundheit und geistige Frische und Lebensmöglichkeit auch auf wirtschaftlichem Gebiet. Dass man eben seine schöne Wohnung haben kann und nicht so leben muss, wie ich so viele Jahre meines Lebens und nachher in der Emigration verbringen musste.

War Israel nie eine Heimatoption für Sie?
Nein, ich wollte immer nur in Europa leben.

Dieser Assimilationswille hat angehalten und die Zeiten überdauert?
Ich habe mich in die deutsche Literatur, vor allem in die deutsche Romantik hineingeworfen als Ersatzbefriedigung für das, was die Religion mir nicht gab beziehungsweise was ich nicht von ihr haben wollte. Was Israel betrifft, so bin ich mehrmals dort gewesen, habe dort Filme gedreht und habe Bewunderung für die israelische Jugend. In Israel wäre ich dazu gezwungen gewesen, so zu sein wie alle anderen, weil man dort vor allem Israeli sein muss, solange das Land so bedroht ist und von Feinden umgeben. Genau das wollte ich nie. Ich wollte nie das sein müssen, was ich sein sollte. Ich wollte ein zweiter Goethe werden. Nur eben fürs deutsche Fernsehen.

Das Interview mit dem Fernsehjournalisten, Schriftsteller und Zeitzeugen führte Anina Valle Thiele.

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