Ausstellung

Avantgarde für den Alltag

Das Berliner Bröhan-Museum erinnert an drei jüdische Keramikerinnen

Aktualisiert am 01.03.2013, 15:55 – von Sigrid HoffSigrid Hoff

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Ein zitronengelbes Teeservice: Tassen und Kanne sind kegelförmig, die Gießöffnungen dreieckig, die Griffe kreisrund. Dieses vom Bauhaus inspirierte Design für ein Gebrauchsgeschirr zählte in den 20er-Jahren zum Fortschrittlichsten, was man haben konnte. Doch den Namen der Künstlerin, Margarete Heymann, kennen heute nur wenige. Sie ist eine von drei Keramikerinnen, die das Bröhan-Museum in Berlin-Charlottenburg in seiner neuen Sonderausstellung »Avantgarde für den Alltag. Jüdische Keramikerinnen in Deutschland 1919–1933« vorstellt.

180 Arbeiten führen exemplarisch die künstlerische Moderne der Zeit in der Weimarer Republik vor Augen. Die Ausstellung ist Teil des Berliner Themenjahres »Zerstörte Vielfalt«, das mit zahlreichen Veranstaltungen an die Machtübernahme der Nationalsozialisten vor 80 Jahren und die bis heute spürbaren Auswirkungen erinnert.

Auch die Entwürfe von Marguerite Friedlaender, die sie für die Staatliche Porzellanmanufaktur (KPM) in Berlin schuf, prägen elegante, zeitlos-moderne Formen, wie etwa eine Teekanne in Zylinderform. Die 1896 in Lyon geborene Tochter eines jüdischen Seidenhändlers kam nach Berlin, um sich als Holzbildhauerin ausbilden zu lassen.

Bauhaus Mit der Gründung des Bauhauses 1919 zieht sie nach Weimar und wird Lehrling in den Keramikwerkstätten in Dornburg. Mit der Umsiedlung des Bauhauses 1925 nach Dessau wird das Atelier geschlossen. Marguerite Friedlaender übernimmt an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle zunächst die Keramikklasse, dann die für Porzellan-Gestaltung.

»Es gab damals eine ganz fortschrittliche Kooperation zwischen der Burg Giebichenstein und der KPM«, berichtet Claudia Kanowski, die Kuratorin der Ausstellung. Das Angebot der KPM sollte modernisiert werden. Auf einem Plakat wirbt die Manufaktur mit dem Slogan »Porzellan für die Neue Wohnung«, abgebildet ist ein Mokkaservice von Marguerite Friedlaender.

Ihre eleganten Vasen, Schalen und Services sind noch heute Klassiker des KPM-Sortiments, doch ihr Name wird 1933 aus den Listen getilgt. Auch ihre Stellung an der Kunstschule muss sie aufgeben, sie emigriert über die Niederlande in die USA. Dort baut sie eine eigene Keramikwerkstatt auf – in Deutschland ist sie vergessen.

Gestalterin Auch Margarete Heymann, die künstlerisch radikalste der drei Gestalterinnen, beginnt ihre Ausbildung am Bauhaus in Weimar. Sie löst sich früh und wechselt bereits 1921 als Designerin zu den Steingutfabriken Velten-Vordamm bei Berlin. Mit ihrem ersten Mann, Gustav Loebenstein, gründet sie in Marwitz die Haël-Werkstätten für künstlerische Keramik. Ihre Entwürfe orientieren sich an konstruktivistischen Formen, sie benutzt kräftige Farben wie Uran-Orange, Türkis, Zitronengelb.

Während der Weltwirtschaftskrise 1929 gerät die Marwitzer Manufaktur in wirtschaftliche Schwierigkeiten, nach 1933 wird Margarete Heymann zur Zielscheibe der Nazis, ihre Kunst als »entartet« diffamiert. Ein Jahr später verkauft sie die Werkstatt – unter Wert – an die heute noch bekannte Keramikerin Hedwig Bollhagen. Diese ändert den künstlerischen Kurs der Manufaktur, übernimmt jedoch auch Entwürfe der Vorgängerin.

Heymann, die 1936 nach England emigriert, kann im Ausland nicht mehr an frühere Erfolge anknüpfen. Hedwig Bollhagen hingegen gelingt es, sich mit ihrer Alltagskeramik in drei politischen Systemen zu behaupten. Den Vorwurf, sie habe sich mit dem Kauf der Haël-Werkstatt an einer Konkurrentin bewusst bereichert, konnte eine 2008 erarbeitete Studie nicht bestätigen. Kuratorin Claudia Kanowski streift das Problem nur am Rand: »Es ist so, dass Margarete Heymann großes Unrecht widerfahren ist, aber Hedwig Bollhagen die Schuld zuzuschreiben, finde ich auch historisch problematisch.«

Erfolgsgeschichte Und schließlich erzählt die Ausstellung doch noch eine Erfolgsgeschichte: Die Keramikerin Eva Stricker kommt 1928 aus Ungarn nach Berlin. Mit ihren unkonventionellen Entwürfen findet sie rasch Auftraggeber. 1932 verlässt sie Deutschland jedoch, um in der Sowjetunion die neue Gesellschaft aufzubauen, gerät aber in den Strudel des stalinistischen Terrors. Über den Umweg Österreich gelingt ihr die Emigration in die USA. Trotz Heirat und Familie setzt sie ihre Karriere als Keramikerin fort und trägt maßgeblich zur Entstehung des amerikanischen »Organic Designs« bei. epd

Die Ausstellung ist bis zum 20. Mai, dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, zu sehen.

Information: www.broehan-museum.de

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