Raul Hilberg

Radikale Wahrheitsliebe

von Micha Brumlik

Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit verdanken Raul Hilberg, der am vergangenen Samstag nach langer Krankheit im Alter von 81 Jahren verstorben ist, die erste wirklich umfassende Darstellung und Analyse des nationalsozialistischen Massenmords. Seine Arbeit ist auch durch spätere Forschungen in der Sache nicht überholt, sondern allenfalls ergänzt worden.
Das Hauptwerk von Hilberg, der 1926 in Wien geboren wurde und 1939 mit seinen Eltern über Kuba in die USA emigriert ist, die monumentale Studie über die Vernichtung der europäischen Juden, erschien in den USA erstmals 1961, im Jahr des Jerusalemer Eichmannprozesses, von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet. Erste Überlegungen, das Buch auf Deutsch zu veröffentlichen, wurden vom zuständigen Verlag 1965 wieder eingestellt. Erst 1982 hat der linke Verlag Olle & Wolter das Wagnis einer Publikation auf sich genommen. Die Übernahme des Buchs in die von Walter Pehle im S. Fischer-Verlag besorgte »Schwarze Reihe« im Jahr 1990 brachte schließlich dem jetzt in einer dreibändigen Taschenbuchausgabe vorliegenden Werk den Durchbruch. Über die zum Teil beschämende Odyssee des Manuskripts hat Hilberg in seinem 1994 erschienenen Buch Unerbetene Erinnerung. Der Weg eines Holocaustforschers berichtet.
Mit der Vernichtung der europäischen Juden liegt ein Aufklärungswerk vor, das an methodischer und moralischer Radikalität kaum zu überbieten ist. Hilberg wollte erklären, wie es zu dem weltgeschichtlich einmaligen Verbrechen des Holocaust kommen konnte, und nicht, wie dieses Verbrechen von den Opfern erlebt wurde. Von der Fehlbarkeit und Ungenauigkeit der Opfer ebenso überzeugt wie von dem Willen erfüllt, die Täter ihrer Tat zu überführen, wählte Hilberg den Weg jeder klassischen Geschichtsschreibung: der Erschließung der in diesem Fall überreich vorliegenden schriftlichen Quellen der Täter, die das, was sie taten, penibel dokumentierten und dabei trotz einer gelegentlich verschleiernden Sprache alles zu Protokoll gaben. Dass Hilbergs methodische Askese gegenüber der Erfahrung der Opfer nicht unausweichlich ist, haben die beiden mehr als 30 Jahre später erschienenen Bände von Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden sowie Die Jahre der Vernichtung dadurch gezeigt, dass Friedländer – methodisch kontrolliert – die bezeugten Erfahrungen der Opfer in seine Darstellung mit einarbeitet.
Hilbergs methodischem Prinzip einer Beschränkung auf die Quellen der Täter korrespondiert ein moralischer Radikalismus, der verständlich macht, warum Hilbergs Werk von vielen Juden abgelehnt wird und bis heute nicht auf Hebräisch vorliegt. Hilbergs sozialkritischer Blick, den er am Hauptwerk des in die USA geflohenen Politikwissenschaftlers Franz Neumann, Behemoth, geschärft hatte, verbot sich jede sentimentale Regung. Von Neumann und dessen Theorie des NS-Staates war zu lernen, dass die Möglichkeiten einzelner Individuen, sich zu wehren, in dem Maße zurückgingen, in dem sich die jeweiligen Eliten auf Kooperation mit dem totalitären Regime einließen. Hannah Arendt hat diese Perspektive in ihrem Buch über Eichmann in Jerusalem ohne Nennung ihres Urhebers, dessen Manuskript sie kannte, übernommen und in diesem Zusammenhang die Judenräte, beziehungsweise die offiziellen Repräsentanten des deutschen und österreichischen Judentums, moralisch verurteilt.
In seiner 1992 entstandenen Studie Täter, Opfer, Zuschauer. Die Vernichtung der Juden 1933-1945 nahm sich Hilberg der Frage der »Judenräte« noch einmal an; die dort getroffenen Feststellungen treffen nach wie vor zu, auch wenn sie den Motiven der Beteiligten, die in einigen Fällen Selbstmord begingen, nicht gerecht wurden. »Das System der Judenräte«, so Hilbergs lakonische Auskunft, »war ein allgemeines Merkmal der Nazi-Herrschaft über die jüdischen Gemeinden ... Die Räte sollten zwei Aufgaben erfüllen. Hauptsächlich dienten sie dazu, den Juden alle erwünschten Maßnahmen aufzuzwingen; sie bildeten aber auch den wichtigsten, vielfach den einzigen Weg, auf dem die gefangenen Opfer Eingaben oder Appelle an die Täter richten konnten.« Das Bild, das Hilberg in diesem Buch entfaltet, würdigt aber auch all jene, die bemüht waren, Juden zu retten.
Hilberg ist immer wieder vorgeworfen worden, in zynischer und selbstgerechter Weise manche der Opfer zu verurteilen, ohne selbst je deren Dilemmata durchlebt zu haben. Doch verkennt dieser Vorwurf Hilbergs moralische Radikalität, die gerade deshalb, weil sie sich jedes Pathos’ enthält, umso präziser trifft. Wer die Dinge so, in ihrer ungeschminkten Grausamkeit, wahrheitsgemäß darstellt, kann und muss auf zusätzliche Bekundungen der Betroffenheit verzichten. Mehr als jene Zeilen, die Hilbergs Vorwort zur deutschen Ausgabe der Vernichtung der europäischen Juden beschließen, muss man nicht schreiben, um das moralische Gewicht des Geschehens zu verdeutlichen: »Geschichte lässt sich nicht ungeschehen machen, erst recht nicht die Geschichte dieses Ereignisses, das im Zentrum einer Erschütterung stand, die die Welt verändert hat.«
Diesem Ereignis kann kein Pathos entsprechen, sondern nur noch ein Stil unterkühlter Ironie, der gerade die sogenannte »Unbegreiflichkeit« des Holocaust, also die Unfähigkeit, dieses Verbrechen moralisch zu verstehen, zum Vorschein bringt. Der Mord an sechs Millionen Juden war kein religiöses Ereignis, er lässt sich – das hat Hilberg nachgewiesen – als ein von vielen Deutschen arbeitsteilig begangenes Verbrechen mit sozialwissenschaftlichen Theorien durchaus erklären. Der Holocaust war keine negative Offenbarung. Und trotzdem bleibt ein Rest. Dem Teil »Opfer« seines Buchs Täter, Opfer, Zuschauer hat Hilberg Folgendes als Motto vorangestellt: »,Ich habe Sie doch immer gut rasiert‘ – Der jüdische Friseur Mania Hirsch-Schechter, ein Insasse des Arbeitslagers Tschortkow, zu Lagerkommandant Paul Thomanek, als das Lager am 23.Juni 1943 liquidiert wurde.«
Wenn Raul Hilberg in seinem Werk einer Sache treu blieb, dann war es der zutiefst jüdische Widerstand gegen jede Verklärung, gegen jedes falsche Bild – gerade aus einem tiefen Verständnis des Leidens heraus. Der Filmautor Claude Lanzmann, der Shoah drehte, hatte so unrecht nicht, als er zu Hilberg im Blick auf den durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen »Ältesten« des Warschauer Judenrates sagte: »Du warst Czerniakow.«

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