Christian Ude

»Nicht entsorgt«

Herr Ude, der Münchner Stadtrat hat vergangene Woche die Umbenennung der Meiserstraße beschlossen. Der evangelische Landesbischof war Antisemit. Warum hat die Entscheidung so lange gebraucht?
ude: Weil sie jahrzehntelang niemand beantragt hat. Erst die kritische Auseinandersetzung der letzten Zeit hat eine politische Diskussion erzwungen.

Warum wurde überhaupt eine Straße nach Hans Meiser benannt?
ude: Aus den Unterlagen wissen wir, dass Bischof Meiser von seiner Landeskirche, aber auch den Rathauspolitikern sehr verehrt wurde, weil er erfolgreich die Autonomie seiner Landeskirche gegen die Reichsleitung verteidigt hat und sich durchaus auch für getaufte Juden einsetzte. Der aggressive Antisemitismus der 20er-Jahre und das Schweigen während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zu Holocaust und Euthanasie wurde damals offenbar von allen gesellschaftlichen Krei-
sen verdrängt. Selbst jüdische Stimmen haben Meiser gewürdigt.

Gibt es in München noch andere Straßennamen, die nach Rassisten und Antisemiten benannt worden sind und einer Namensänderung bedürfen?
ude: Keinen vergleichbaren Fall. Kardinal Faulhaber kam wiederholt ins Gespräch, weil er in der Tat kein Demokrat war, sondern ein monarchistischer Gegner der Demokratie. Während des Dritten Reiches hat er aber seine Stimme erhoben, was wir bei Bischof Meiser schmerzlich vermissen. Von Richard Wagner und Ludwig Thoma gibt es antisemitische Zitate, aber die werden als Komponist oder Literat für ihr künstlerisches Schaffen geehrt und nicht als religiöse und politische Autorität. Der Historiker Treitschke war ein schlimmer Antisemit, lebte aber im 19. Jahrhundert und konnte nicht miterleben, welche Verbrechen aus dem Antisemitismus erwuchsen. Aber Treitschke ist ein Grenzfall.

Abgeschraubt und aus dem Sinn. Entsorgt man mit der einfachen Umbenennung nicht historische Realität?
ude: Von »Entsorgung« kann keine Rede sein. Im Gegenteil: Erst die jetzige Debatte hat vieles zutage befördert, was über ein halbes Jahrhundert lang sorgsam verdrängt worden war. Der Straßenname hat überdies ein geschöntes Geschichtsbild verfestigt: Meiser wurde geradezu als Widerstandskämpfer verklärt.

Was unternimmt die Stadt München bei Namensbenennungen heute, damit morgen nicht schon wieder Änderungen von Straßennamen notwendig werden?
ude: Schon seit Jahrzehnten werden bei jedem Menschen, der vor 1945 gewirkt hat, umfangreiche Untersuchungen angestellt, bevor der Stadtrat mit dem Namensvorschlag befasst wird. Seit Einführung dieser Praxis vor etlichen Jahrzehn- ten ist mir kein einziger Fehlgriff bekannt.

Mit dem Münchner Oberbürgermeister sprach Hans-Ulrich Dillmann.

Doha

Indirekte Gespräche zwischen Iran und USA sollen begonnen haben

Die Lage zwischen den USA und dem Iran bleibt weiter angespannt. Dennoch laufen nun Gespräche im Golfstaat Katar

 01.07.2026

Diplomatie

»25 Gründe, warum ich Israel vermisse«

Der deutsche Botschafter Steffen Seibert verlässt in wenigen Tagen nach vier Jahren das Land und kehrt zurück nach Berlin

von Sabine Brandes  30.06.2026

Resümee

Felix Klein: Lebensqualität für Juden hat sich verschlechtert

Nach acht Jahren im Amt wechselt der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, im August den Job. Auf seine Amtszeit blickt der 58-Jährige mit gemischten Gefühlen zurück

von Corinna Buschow, Markus Geiler  29.06.2026

Bündnis Sahra Wagenknecht

Mit einer Portion Antisemitismus gegen den Zionismus

Das Jugendbündnis im BSW hat einen Beschluss zum Zionismus gefasst, der aufhorchen lässt. Auf Instagram verwendete der Verband zudem antisemitische Bildsprache aus der NS-Zeit

von Michael Thaidigsmann  22.06.2026

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 09.06.2026

Holocaust-Gedenken

Wagner und Mendel kritisieren Yad-Vashem-Entscheid

In Deutschland sollen zwei Niederlassungen der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem entstehen. Der jüdische Wissenschaftler Meron Mendel und der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Jens-Christian Wagner, sehen das in Teilen kritisch

 29.05.2026

Reisen

Kein Parkplatz am Ben-Gurion-Flughafen

US-Militärjets blockieren 70 Prozent des Flughafens. Flüge fallen aus, Airlines bleiben weg und kurz vor dem Sommer herrscht große Unsicherheit

von Sabine Brandes  29.05.2026

Diplomatie

Israels Präsident begrüßt ersten Botschafter Somalilands

Als weltweit erstes Land hatte Israel vor einem halben Jahr die muslimisch geprägte Region im Norden Somalias als unabhängigen Staat anerkannt. Jetzt kommt der erste Botschafter nach Israel

 18.05.2026

Internationaler Strafgerichtshof

Bericht: Geheime internationale Haftbefehle gegen Ben-Gvir und andere

»Haaretz« berichtet über mögliche neue Schritte gegen mehrere israelische Minister und Militärvertreter

von Sabine Brandes  17.05.2026