»Da Vinci Code«

Mensch Jesus

von Rabbiner Benjamin Blech

Es sei, so heißt es, »der Superbestseller des 21. Jahrhunderts«. Die Zahlen sind verblüffend. Fast fünfzig Millionen Exemplare auf der ganzen Welt verkauft, in 44 Sprachen übersetzt, als Film mit Tom Hanks in der Hauptrolle in den Kinos zu sehen. Die Kritik ist sich einig: Es hat in der ganzen Verlagsgeschichte nichts Vergleichbares gegeben. Die Rede ist von Dan Browns Sakrileg: The Da Vinci Code.
Eine Erfolgsgeschichte, über die die katholische Kirche nicht sehr glücklich ist. Schließlich handelt es sich nicht nur um einen spannenden Krimi. In die Erzählung von den Folgen eines Mordes im Louvre ist die Mär von christlichen Verschwörungen eingewoben, von Vertuschungen auf höchster Ebene und uralten Geheimgesellschaften, die, wie der Autor wiederholt andeutet, eher auf Tatsachen als auf Fiktion beruht. Das Buch macht den Leser mit tatsächlich existierenden katholischen Orden, namhaften, jederzeit zugänglichen heiligen Orten und berühmten Menschen in Vergangenheit und Gegenwart bekannt – wobei all das teilhat an dem, was als größte theologische Fälschung der Geschichte präsentiert wird. »Beinahe alles, was unsere Väter über Christus gelehrt haben, ist falsch«, klagt eine von Browns Figuren. »Der Glaube«, sagt ein anderer seiner Helden, »gründet auf einer Fälschung.«
Indem er Tatsachen und Fiktion zu einer explosiven Mischung verrührt, will Brown uns glauben machen, daß Millionen frommer Christen die Wahrheit über den Heiligen Gral nie erfuhren. Jahrhundertelang lernten fromme Christen, der Heilige Gral sei der Kelch gewesen, aus dem Jesus Christus beim Letzten Abendmahl trank. Aber für Browns Alter ego und allwissenden Kunstkritiker Robert Langdon ist das eine Lüge.
»Der Gral,« erklärt uns Langdon in gelehrtem Tonfall, »ist ein Symbol der verlorenen Göttin. Die Legenden der ritterlichen Suche nach dem Heiligen Gral wa- ren in Wirklichkeit Erzählungen von der verbotenen Suche nach dem verlorenen heiligen Weiblichen.« Der Heilige Gral war, wie Brown behauptet, in Wirklichkeit Maria Magdalena. Sie war mit Jesus verheiratet, und sie war das »Gefäß«, das seine Kinder gebar.
Das Geheimnis, das seit Jesu Geburt nicht preisgegeben werden durfte, ist, daß sich Jesu Geschlecht bis zum heutigen Tag fortgepflanzt hat. Die »Großen Meister des Priorats von Zion« (tatsächlich eine christliche Organisation), als deren Mitglieder Brown unter anderen Leonardo Da Vinci, Isaac Newton und Victor Hugo auflistet, haben ihren Eid gehalten, niemals etwas davon öffentlich zu machen.
Kein Wunder, daß die Kirche tief beunruhigt ist. Für den Vatikan ist Browns Buch eine als Geschichtsschreibung verkleidete Blasphemie. Wenn die Voraussetzungen des Da Vinci Codes wahr sein sollten, müßte Rom seinen Glauben und seine Geschichte revidieren, seine Lehren und die Erzählung von seinen Ursprüngen.
Aber das, was mir als Rabbiner als erstes auffällt, ist, daß die von Brown aufgestellten Theorien über Jesus, die das Buch für manche Christen zu einer Blasphemie machen, gerade solche Vorstellungen sind, die Jesus für Juden verständlicher machen.
Jesus war also verheiratet! Nun, warum sollte er es nicht gewesen sein? Als Jude aufgewachsen, wäre ihm die Idee des Zölibats mit Sicherheit völlig fremd gewesen. »Seid fruchtbar und mehret euch«, war ein allen Juden heiliges biblisches Credo. Das Zölibat als christliches Ideal wurde erst mit einem Dekret des Konzils von Elvira (300-306 u. Z.) Gesetz: »Man stimmt in dem vollkommenen Verbot überein, daß für Bischöfe, Priester, Diakone, das heißt für alle Kleriker, die im Altardienst stehen, gilt, daß sie sich ihrer Ehefrauen enthalten und keine Kinder zeugen; wer aber solches getan hat, soll aus dem Klerikerstande ausgeschlossen werden.«
Christliche Gelehrte erläutern den Grund: Die Kirche wollte verhindern, daß der Reichtum ihrer Führungsschicht durch Vererbung vermindert wurde. Der Besitz eines unverheirateten Klerikerstands würde stets an Rom zurückfallen.
Historiker haben die verheerenden Folgen dieser Doktrin aufgezeigt. Es waren ja immer die »Besten und Klügsten«, die das hochangesehene Leben des Priesters wählten – mit der Auswirkung, daß ihre Gene zu erblicher Vergessenheit verdammt waren. Bei den Juden hingegen wurden diejenigen mit dem größten intellektuellen Potential dazu bestimmt, ein rabbinisches Leben des Lernens und Lehrens zu führen, wobei aber gleichzeitig viel Wert auf eine große Familie gelegt wurde.
Noch beunruhigender für Christen ist, daß ein verheirateter Jesus eine viel zu menschliche Gestalt ist, die an die Stelle des Gottes tritt, den man anbetet. Das Christentum kann den Gegenstand seiner göttlichen Verehrung nicht als sexuelles Wesen begreifen – auch nicht als eines, das durch den Geschlechtsakt gezeugt wurde. Es ist die gestörte Beziehung zum sinnlichen Genuß, die das christliche Denken seinen jüdischen biblischen Quellen entfremdete. Die Juden haben kein Problem mit einem verheirateten Moses. Schließlich befiehlt die Tora, die Moses uns gebracht hat, die Ehe nicht nur, sie bezeichnet sie sogar als Kidduschin – den idealen Stand der Heiligkeit.
Diese zentrale Auffassung trennte durch die Jahrhunderte hindurch das Judentum vom Christentum. Die Juden scheuten keine Mühe, um begreiflich zu machen, daß ihr größter Führer nicht mit Gott verwechselt werden darf. Moses sollte stets als menschlich, sterblich, alles andere als göttlich betrachtet werden. Er war sogar der Sünde fähig, weswegen ihm zur Strafe der Einzug in das Gelobte Land verwehrt blieb. Selbst seine Grabstätte sollte geheim bleiben, damit sie nicht zu einem Ort übermäßiger Verehrung würde. Die Größe von Moses beruht gerade auf seinen menschlichen Eigenschaften. Er steht für das Potential des Menschentums. In ihm sehen wir, was wir, seine Mitmenschen, werden könnten.
Die Christen hingegen beharrten darauf, daß Jesus nicht als Mensch, sondern als Gott gesehen werden muß. Seine menschliche Gestalt durfte nie seine Göttlichkeit überschatten. Jesus war kein auserwählter Mensch, sondern ein Gott, der zur Erde herabgestiegen war. Undenkbar, daß körperliche Gebrechlichkeit und menschliche Schwächen Bestandteil seines Wesens sein könnten.
Gegen dieses Dogma hat Brown verstoßen – wenn auch nur in einem vorgeblich frei erfundenen Bericht –, indem er eine »menschliche« Wahrheit über den Begründer des Christentums preisgab. Ein verheirateter Jesus mit Kindern ist für die Kirche nichts weniger als ein minderer Gott.
Es gibt also keinen Grund für Juden, über den Erfolg von Sakrileg: The Da Vinci Code bestürzt zu sein. Immerhin ist er dafür verantwortlich, daß knapp 50 Millionen Menschen sich Gedanken machen darüber, was Juden seit langem über den Gründer des Christentums erkannt haben: Jesus war nicht Gott, er war ein Mensch.
Und vielleicht wird die Welt eines Tages die Lehre des Judentums anerkennen: Es ist nicht Gott, der Mensch wird, sondern der Mensch muß danach streben, mehr wie Gott zu werden.

Abdruck mit freundlicher Gemehmigung von www.aish.com, einer der führenden jüdischen Websites

Fernsehen

»Doitscha« erzählt vom Leben deutscher Juden nach dem 7. Oktober

Im Mittelpunkt der pointierten Tragikomödie steht eine Familie, in der unterschiedliche Identitäten, Ängste und Lebensentwürfe aufeinanderprallen

 04.11.2026

Frachtschiffe vor Anker in der Straße von Hormus bei Bandar Abbas (Iran)

Straße von Hormus

Iran meldet Explosionen an Tankern

Wieder berichtet der Iran von Explosionen an Schiffen in der Straße von Hormus. Nach einem kürzlichen Hoch der Ölexporte durch die Meerenge gehen diese laut einen Datenanbieter wieder zurück

 03.11.2026

Israel

Dafür stehen die arabischen Parteien in Israel

Die arabisch geprägten Parteien in Israel haben bei der Parlamentswahl überdurchschnittlich gut abgeschnitten. Wofür setzen sie sich ein, was sind ihre Ziele?

 28.10.2026

Regierungsbildung

Berliner Linke berät erneut über Vanessa Emde

Kurz vor dem geplanten Beginn von Koalitionsgesprächen mit Grünen und SPD diskutiert die Berliner Linke über Antisemitismus - einmal mehr

 27.10.2026

Berlin

Berliner Linke berät zum wiederholten Mal über umstrittene Abgeordnete

Vanessa Emde steht wegen Äußerungen zu Israel und zum Nahost-Konflikt massiv in der Kritik

 27.10.2026

Weimar

Verein will Gedenken an KZ-Außenlager stärken

Buchenwald war mehr als ein einzelnes NS-Konzentrationslager. Mehr als 100 Außenstandorte gehörten zu diesem Lagerkomplex. Längst nicht an alle wird heute erinnert – ein Verein will das ändern

 23.10.2026

Deutschland

Wie hält es die CDU in Sachsen-Anhalt mit der AfD?

AfD-Politiker Siegmund braucht drei Stimmen aus anderen Reihen, um Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt zu werden. Ein CDU-Abgeordneter stellt sich nun gegen die CDU-Fraktionslinie

von Christopher Kissmann  22.10.2026

Kino

Film über einen kreativen Geist

»Biermann« ist ein dokumentarisches Porträt des Liedermachers Wolf Biermann, der auch 50 Jahre nach seiner Ausbürgerung aus der DDR noch immer künstlerisch aktiv ist. Allerdings hat der Film auch Leerstellen

von Reinhard Kleber  22.10.2026

Siedlergewalt

Huldai: »Ich schäme mich und schweige nicht mehr«

Tel Avivs Bürgermeister verurteilt die Gewalt gegen palästinensische Olivenbauern und Journalisten scharf. Er warnt vor dem Zerfall rechtsstaatlicher und zionistischer Werte

von Sabine Brandes  22.10.2026