Svetlana Jebrak

»Manches muss ich weglassen«

Was meine Woche am meisten prägt, ist meine freiberufliche Arbeit im Schreibatelier. Wir verfassen Biografien, individuelle und Firmenbiografien. Ich interviewe Menschen, die ihren Kindern und Enkeln etwas weitergeben möchten. Mein Auftrag, den ich am Montag beendet habe, war ein Projekt für eine Familie, die aus dem Sudetenland kam. Die drei Kinder hatten mir den Auftrag erteilt. Die Biografie wollen sie ihrem Vater zum 60. Geburtstag schenken, er ist ein erfolgreicher Unternehmer im Odenwald.
Acht Wochen intensive Arbeit liegen hinter mir: Ich musste einen Fragebogen erstellen, das Interview führen und bearbeiten, dann Fachliteratur sondieren und das Buch zusammenstellen. Dann folgten die Verhandlungen mit der Druckerei. Eine Auftragsbiografie zu schreiben bedeutet auch, manches wegzulassen. Mir ist das Wohl des Auftraggebers wichtig, er soll zufrieden sein mit den Formulierungen. Das Buch muss ihm und seiner Familie gefallen, über die Generationen hinweg.
Ich habe nur wenige jüdische Auftraggeber. Es ist schwierig, bei jüdischen Familien oder in den jüdischen Elternheimen Aufträge zu bekommen. Im Dezember war ich in London. Da habe ich festgestellt, dass die Gesellschaft im englischen Sprachraum das Thema ganz anders betrachtet. Biografiewerkstätten sind dort florierende Unternehmen. Ich glaube, es ist durchaus so, dass man in Deutschland noch Zeit braucht.
Da ich Freiberuflerin bin, müssen bei mir immer mehrere Projekte parallel laufen. So biete ich auch Schreibseminare an und berate Senioren, die an der Heidelberger Uni studieren wollen. Am Dienstag hatte ich mit meinem anderen großen Vorhaben zu tun: Mein ehemaliger Doktorvater bringt demnächst eine Biografie über Helmut Schmidt heraus. Ich assistiere ihm und erledige neben der Recherche auch weitere Aufträge für ihn.
Am Dienstag war wunderschönes Wetter, da konnte ich mit dem Fahrrad zur Uni fahren, am Neckar entlang. Das ist eine schöne Abwechslung für mich, denn danach sitze ich viele Stunden im Historischen Seminar. Mit meinem ehemaligen Doktorvater unterhalte ich mich oft über das Leben von Helmut Schmidt. Ich bin begeistert von ihm. Das ist ein Mann, der wirklich viel bewegt hat. Ich habe ihn selbst persönlich erlebt und bin von ihm fasziniert, weil er Werte vermittelt. Ich habe bei mir in meinem Schreibatelier eine Fotogalerie in Schwarzweiß mit Golda Meir, Willy Brandt, Helmut Schmidt. Das ist etwas, was mich motiviert und mir Richtung gibt.
Am Mittwoch habe ich mich hauptsächlich mit der Akquise für mein Schreibatelier beschäftigt: Anzeigen aufgegeben und Absprachen getroffen. Das Vorbereiten und die Nacharbeit nehmen viel Zeit in Anspruch. Ich muss immer schauen, dass es weitergeht und dass ich Kunden gewinne. Mein Laptop ist dabei unentbehrlich. Bei gutem Wetter arbeite ich manchmal auch im Freien. Am Nachmittag saß ich, Rechner auf dem Schoß, an einem meiner Lieblingsplätze, einer Bank mit wunderschöner Aussicht aufs Neckartal. Ich liebe die Natur und die Gegend, in der ich lebe.
Leider habe ich immer wenig Zeit. Selbstständig zu sein heißt, selbst und ständig zu arbeiten. Zeit ist Luxus, und Zeit ist Geld. Doch es ist wichtig, sich die Zeit für Entspannung zu nehmen. Für mich bedeutet das auch, ins Theater oder ins Konzert zu gehen. Am Mittwochabend war ich im Philharmonischen Konzert im Heidelberger Kongresshaus. Ich liebe klassische Musik, sie ist ein Stück Lebensqualität für mich.
Ich selbst betrachte mich als Migrantin, die versucht, im Land Fuß zu fassen. Das ist mein Weg. Ich bin 33 und lebe seit fast zwanzig Jahren in Deutschland. Ich lerne wahnsinnig viel, jeden Tag begegnet mir etwas Neues. Zunächst hatte ich in Düsseldorf Wirtschaftswissenschaften studiert, dann ging ich nach Heidelberg, schrieb mich in Geschichte und Philosophie ein und beendete mein Studium mit einer Doktorarbeit über die russisch-jüdische Sozialdemokratin Lydia Cederbaum. Dieses Buch wurde vor einigen Wochen in Frankfurt auf der Buchmesse vorgestellt. Als Autorin bei der Buchmesse zu sein, ist etwas ganz Spannendes. Ich bin zwar nicht Joschka Fischer, stelle keine Autobiografie vor, habe keine Riesenveranstaltung, sondern nur eine kleine Lesung. Aber ich schaue mich um und sehe: Ach, da ist mein Buch. Das ist ein gutes Gefühl.
Wenn ich in Düsseldorf bin und meinen Großvater besuche, der im Nelly-Sachs-Haus wohnt, dem Elternheim der jüdischen Gemeinde, da eröffnet sich mir eine andere Welt. Ich bin gern dort, weil mich der Besuch bei den älteren Menschen auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Es ist nicht mehr wichtig, ob man Mercedes A, B oder C fährt. Es ist wichtig, dass man sich von einem Tisch zum anderen bewegen kann. Diese Menschen vermitteln eine wichtige Erfahrung: Das Ziel des Lebens ist das Leben selbst.
Am Freitag hatte ich ein Vorgespräch mit einer potenziellen Auftraggeberin. Wir haben uns zu einem Spaziergang getroffen. Man kann gut miteinander reden, wenn man unterwegs ist. Oft erzählen die Leute beim Spazierengehen mehr als später, wenn das Gespräch aufgezeichnet wird. Ich glaube, ich bin zu dieser Arbeit gekommen, weil ich ein sehr neugieriger Mensch bin. Mit so viel verschiedenen Lebensentwürfen konfrontiert zu werden, ist aufregend, und auch für mich selbst nehme ich manches mit. Am Anfang fiel es mir oft schwer, die persönlichen Lebensgeschichten der Interviewten nicht zu nahe an mich heranzulassen. Inzwischen bin ich professioneller ge- worden. Das ist notwendig, denn man braucht Abstand, muss nach dem Gespräch wieder abschalten können. Ich erhole mich oft beim Wandern – und beim Kochen.
Wenn ich an Odessa, meine alte Heimat in der Ukraine, denke, dann denke ich auch an die osteuropäisch-jüdische Küche meiner Großmutter. Die hat mich geprägt. Am Wochenende gehe ich sehr gern auf den Markt einkaufen. Die Besonderheit von Heidelberg ist, dass es einen wunderbaren Bauernmarkt gibt, wo die Erzeuger ihre Produkte selbst anbieten. Samstags dort – das ist meine »Entspannungsorgie«. Man geht hin, trifft Bekannte und trinkt ein Käffchen miteinander.
Die Gefahr bei vielen Selbstständigen ist, dass sie ihre Zeit nicht einteilen können und oft überlastet sind. Damit das nicht passiert, habe ich gelernt abzuschalten. Aber auch mein Wochenende ist nicht ohne Arbeit. Dennoch versuche ich, Freitagabend und Samstag frei zu halten, ab und zu gehe ich in die Synagoge. Im September, an den Feiertagen, war ich oft dort. Es war schön – irgendwie befreiend. Und an Jom Kippur habe ich gefastet. Ich bin traditionsbewusst. Solche Feiertage sind mir heilig.
Sonntags telefoniere ich gerne mit der Familie. Ansonsten ist Sonntag der Tag, an dem ich Rechnungen schreibe, Unterlagen sortiere und aufräume. Ich habe bestimmte Abläufe, die nicht zur Arbeit gehören, aber Arbeit sind. Jeder Tag bringt etwas Neues. Das Leben ist voller Überraschungen, es ist so spannend. Ich habe gelernt, offen zu bleiben, und ich freue mich auf neue Herausforderungen. Wer weiß, was noch alles auf mich wartet.

Aufgezeichnet von Annette Kanis

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