Yad Vashem

Märchenbilder

von Ulrich W. Sahm

Prinzessinnen, Zwerge und Flötenspieler – Figuren aus deutschen Märchen, Szenen aus den Werken der Gebrüder Grimm. Der jüdische Dichter und Maler Bruno Schulz hat sie 1942 auf die Wände im Kinderzimmer der Villa eines SS-Offizieres im galizischen Drohobycz gemalt. Malen müssen. Kurz danach, am 19. November 1942, wurde Schulz auf offener Straße erschossen.
60 Jahre später entdeckte der deutsche Dokumentarfilmer Benjamin Geissler die Fresken. Wenig später sind die Märchenbilder aus der Villa verschwunden. Die israelische Holocaustgedenkstätte Yad Vashem hatte die Arbeiten nach Jerusalem schaffen lassen, mit Zustimmung der jetzigen Hauseigentümer. Nach aufwendigen Restaurierungsarbeiten sind sie jetzt im Kunstmuseum von Yad Vashem zu sehen.
Noch 2001 berichteten die Medien von »Entführung oder Heimholung«. Es folgte eine öffentliche Kontroverse zwischen Israel und der Ukraine. Die Regierung in Kiew behauptete, die Fresken seien illegal nach Israel gebracht worden. Jerusalem erwiderte, sie seien legal erworben. Der Streit endete offiziell am 28. Februar dieses Jahres, als nach schwierigen Verhandlungen in Jerusalem ein Vertrag unterzeichnet werden konnte. Israel und die Ukraine einigten sich auf eine Leihgabe für 20 Jahre. Der Vertrag könne automatisch jeweils um fünf Jahre verlängert werden. Die Kunstwerke gelten weiterhin als Kulturerbe der Ukraine. Die in der Villa zurückgebliebenen Fragmente wurden übrigens inzwischen restauriert und in polnischen Museen ausgestellt. Sie sind heute Teil der Sammlung des Bruno-Schulz-Museums in Drohobycz.
Dort, in der ehemals polnischen und heute ukrainischen Stadt, wurde Schulz 1892 geboren. In den 30er-Jahren war er ein anerkannter Kunstkritiker und einer der großen Schriftsteller Polens. Schon früh interessierte sich der Sohn eines jü-
dischen Seiden- und Textilwarenhändlers für Kunst. Nach dem Ersten Weltkrieg, aus der österreichischen Armee ausgemustert, verdiente er seinen Lebensunterhalt als Lehrer und begann gleichzeitig eine Karriere als Schriftsteller und Maler. Er half seiner Verlobten bei der Übersetzung von Franz Kafkas Prozess ins Polnische und schrieb eigene Bücher. Einige wurden später verfilmt.
Nach dem Einmarsch der Roten Armee im September 1939 in Polen malte Schulz für die kommunistischen Machthaber propagandistische Bilder. Als die deutsche Wehrmacht bis nach Galizien vordrang, musste Schulz 1941 in das Dro-
hobyczer Ghetto übersiedeln. Der SS-Hauptscharführer Felix Landau »entdeckte« den begnadeten Maler und Zeichner und befahl ihm, die von ihm beschlagnahmte Villa mit Fresken zu bemalen. Sklavenarbeit für den deutschen Besatzer. Doch für Schulz war dies keine Überlebensgarantie. Die genauen Umstände seiner Ermordung lassen sich wegen widersprüchlicher Zeugenaussagen nicht genau ermitteln. Offenbar wurde Schulz auf dem jüdischen Friedhof begraben, der nach dem Krieg zerstört wurde, um Platz für eine Neubausiedlung zu machen.
Die sterblichen Überreste des Künstlers sind damit verschwunden. Yad Vashem will dem Andenken des Holocaustopfers gerecht werden und, wie es in einer Erklärung der Gedenkstätte heißt, auch für kommende Generationen seine Arbeit be-
wahren. Dafür sei dies der »angemessene Ort«. Die Fresken hängen nun in einem abgedunkelten Saal im Kunstmuseum. Ei-
ne der ersten Besucherinnen der neuen Ausstellung »Wall Painting under Coercion« (Wandmalerei unter Zwang) war US-Außenministerin Hillary Clinton, die am 3. März die Holocaust-Gedenkstätte be-
suchte. Sie schrieb anschließend ins Gästebuch, Yad Vashem sei der »Triumph des jüdischen Volkes über Mord und Zerstörung«. Die Fresken von Bruno Schulz können ein Sinnbild dafür sein. Sie haben Mord und Zerstörung überdauert.
www.yadvashem.org

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