Nachbarn

Kleiner Grenzverkehr

von Sabine Brandes

Dieser Rhythmen kann sich kein Besucher erwehren. Schon um neun Uhr morgens plärren die neuesten arabischen Hits in voller Lautstärke aus staubigen Lautsprechern, die mit ein paar Drähten an den Regalen der Marktstände befestigt sind. »Begrüßungshymnen« werden sie halb be-
lustigt, halb genervt von vielen genannt. So dröhnend die Musik in Blechdosenqualität auch sein mag, sie gehört zum Shoppingerlebnis wie das Feilschen um den Preis oder Pita mit Satar und Olivenöl. Das arabische Städtchen Barta’a mit seinem kunterbunten Markt liegt jenseits der grünen Grenze am nordwestlichen Zipfel der Westbank in den Palästinensischen Gebieten. Jeden Schabbat kommen jüdische Israelis in Scharen zum Einkauf.
Hier, etwa 15 Kilometer östlich von Ha-
dera, gibt es keinen Sicherheitszaun und keine Straßensperren. Ein jeder kann schlicht von der Schnellstraße im arabisch-israelischen Ara-Tal rechts abbiegen, dann gleich noch einmal rechts und schon befindet er sich in der Westbank. Barta’a ist ein auf einer Anhöhe idyllisch gelegenes Fleck-chen mit einer bezaubernden Aussicht auf die umliegenden Dörfer, die sich an die vielen Hänge schmiegen. Wer ein gutes Auge hat, sieht in der Ferne das Mittelmeer glitzern. Am Ortseingang locken Gärtnereien mit blühendem Hibiskus und Zitrusstämmchen, die schon Früchte tragen, Schilder auf Hebräisch und Arabisch laden in die umliegenden Restaurants.
Dudi Mesass macht bereits Tage vor dem Ausflug eine lange Liste. »Ganz wichtig, sonst vergesse ich die Hälfte. Ich sammle regelrecht Dinge, die wir erstehen wollen.« Etwa einmal pro Monat gehen er und seine Frau in den Palästinensischen Gebieten einkaufen. Mit dem vorbereiteten Zettel in der Hosentasche, der von neuen Kissen für die Wohnzimmercouch über Bettwäsche bis zu frischem Obst und Ge-
müse reicht.
Neben den Geräuschen sind die Gerüche charakteristisch für arabische Märkte. Aus einer Ecke wabern die süßen Dämpfe der frisch gebackenen Süßigkeiten wie Knafe und Baklauah vorüber, aus der an-
deren die scharfen der typischen Gewürze. Die Obststände verströmen betörende Papaya- und Gujavendüfte. All das atmen Herr und Frau Mesass tief ein. »Wir lieben das Bunte, die Lebendigkeit dieser Märkte«, betonen sie.
Auf die Frage, ob es nicht dasselbe Angebot in Israel gebe, antwortet der Handwerker ganz pragmatisch: »Ich denke schon, dass es viele Sachen auch bei uns gibt, aber hier kostet es fast die Hälfte, ich wäre doch dumm, wenn ich da nicht zugreifen würde.«
Sicherheitsbedenken hätten sie nicht, betonen sie immer wieder. Wirklich gar kein mulmiges Gefühl in der Magengegend? »Israel ist nur ein paar Meter entfernt, und die Menschen hier sind genau wie die anderen auch«, gibt sich Dudi Me-
sass fortschrittlich, »warum sollten wir da Angst haben?« Dass er die Palästinenser mit seinen Einkäufen unterstützt, ihnen hilft, ein besseres Leben zu leben, sieht er als Beiprodukt, ein besonderes Anliegen ist es ihm nicht.
Barta’a ist ein besonderer Ort: Die eine Hälfte ist israelisches Territorium, die an-
dere palästinensisches. Eine Grenze gibt es nicht, wo genau das eine Gebiet aufhört und das andere beginnt, weiß niemand genau. »Irgendwo hier, in der Senke inmitten des Marktes«, meint Ladenbesitzer Jimal, während er mit der Hand in der Luft herumwedelt.
Mohammed Hamad gehört der Gemüsestand am Berghang Richtung Osten. Seit sechs Jahren zieht er hier jeden Morgen kurz nach Sonnenaufgang ratternd das Metallgitter hoch und empfängt die frische Ware: Tomaten, Gurken, Zwiebeln, Melonen und Äpfel, manchmal Erdbeeren oder Kirschen, je nach Saison. Hamad ist Palästinenser ohne israelischen Pass oder Personalausweis. Das Kennzeichen seines Autos ist weiß. Das seines Schwagers hat ein gelbes aus Israel, er wohnt nur ein paar Häuser weiter.
»Wir sind hier eine Familie«, macht der Gemüsehändler klar und lacht breit, »die einen haben diesen Ausweis, die anderen einen anderen. Das ist schon alles«. Ob tatsächlich im Alltag alles so einfach ist, darf bezweifelt werden. Darüber reden mag an diesem hübschen Morgen niemand. Stattdessen möchte man über die israelischen Besucher sprechen. Hamad mag sie. »Viele Juden kommen regelmäßig, manche während der Woche, manche nur am Schabbat. Es ist gut für uns und gut für sie«, erklärt er in fließendem Hebräisch.
Viele andere Einkaufsmöglichkeiten in den palästinensischen Gebieten sind für jüdische Israelis mittlerweile tabu. In der Zeit vor der zweiten Intifada boomte der Markt in Jenin, jedes Wochenende schoben sich die Menschen in kilometerlangen Staus in die Stadt, um Schnäppchen zu machen. Heute wagt sich kaum jemand freiwillig in die Nähe von Jenin, Fälle, in denen Juden fast gelyncht wurden, weil sie sich verfahren hatten, gingen erst neulich wieder durch die Presse.
Welche Orte genau für jüdische und/
oder nur arabische Bewohner Israels zu-
gänglich oder tabu sind, ist eine äußerst komplizierte Angelegenheit. Eine Armeesprecherin: »Es ist eine Entscheidung von Fall zu Fall, die von Dorf zu Dorf ganz un-
terschiedlich ausfallen kann.« Die Westbank, im Deutschen Jordanvorland ge-
nannt, ist von der Armee in verschiedene Sicherheitszonen eingeteilt. Demnach sind verschiedene Orte in den Palästinensischen Gebieten, etwa Orte wie Barta’a, direkt an der grünen Grenze zum israelischen Kernland gelegen, für alle Bewohner Israels zu-
gänglich. Andere wiederum sind lediglich für Araber mit israelischem Pass empfohlen und viele gelten heute, wie beispielsweise die Stadt Nablus, als verbotene Zone.
Bis vor wenigen Jahren hat David Schani aus Hod Hascharon sein Auto regelmäßig in Kalkilja jenseits der Grenze zur Re-
paratur gebracht, heute ein Ort, der für die jüdische Bevölkerung nicht empfohlen wird. »Das hat weniger als die Hälfte gekostet«, so der Familienvater. Außerdem hätten die arabischen Kfz-Mechaniker immer einen sehr guten Job gemacht. Die günstigen Zeiten sind vorbei, Schani muss nun in die teure Werkstatt seines Heimatortes. Denn mittlerweile drohen die Pkw-Versicherungen mit Leistungsverweigerung im Schadensfall, wenn heraus-
kommt, dass ein Auto in den Palästinensischen Gebieten in Reparatur war.
Tatsächlich ist das Dorf Barta’a einer der wenigen Orte, an dem sich Israelis und Palästinenser derzeit in entspannter At-
mosphäre treffen können. Die Bitons kaufen gerade Pitabrote, Olivenöl und Käse. Ihre zwei kleinen Töchter, die sich am Stand nebenan ein Gummitier zum Planschen aussuchen durften, haben sie im Schlepptau. Für die Familie aus dem Zentrum hat das Kommen auch einen politischen Grund: »Wir wollen unseren Kindern zeigen, dass es andere Menschen in unserem Land gibt, als nur die Israelis in und um Tel Aviv.«

Terror

US-Präsident Trump glaubt, dass Iran hinter Flydubai-Attentat steckt

Noch ist unklar, ob und zu welchen ausländischen Organisationen der Attentäter Verbindungen hatte

 06.10.2026

Ein strategischer Bomber der US Air Force vom Typ B-1B Lancer auf dem Stützüpunkt Fairford in England (Archivbild)

Washington

Nach Anschlagsdrohung: B1-Bomber in die USA zurückverlegt

Das US-Militär hatte einige seiner Bomber wegen des Iran-Krieges nach Großbritannien verlegt. Nun wurden diese nach einem Vorfall am Stützpunkt wieder in die USA zurückbeordert. Die Frage ist: Warum?

 05.10.2026

Studie

»Neue antisemitische Normalität«: 7. Oktober für Juden in Deutschland biografische Zäsur

Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland verändert hat. Die Befragten berichten von einer »neuen antisemitischen Normalität«, wachsendem Misstrauen und Ausgrenzung

 05.10.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026

UN-Kongress

Experten diskutieren strafrechtliche Verfolgung sexueller Gewalt in Konflikten

Bei einer Veranstaltung im Rahmen des UN-Kongresses zur Verbrechensverhütung in Abu Dhabi diskutierten jüdische Organisationen über Strafverfolgung, digitale Beweismittel und den Schutz von Betroffenen

 01.10.2026