Medien

Höre, Israel!

Michael Wolffsohn Foto: Uwe Steinert

Ruhestörer – als solche wurden Juden seit jeher wahrgenommen. Marcel Reich-Ranicki wählte diesen Begriff für seinen Klassiker über Juden in der deutschen Literatur. Weit über die Kultur hinaus wurden und werden Juden – und in dieser Tradition der jüdische Staat Israel – nicht nur in Deutschland, sondern weltweit wahrgenommen.

Die Empörung über Israel im Zusammenhang mit dem Krieg gegen die Hamas ist daher historisch »nichts Neues unter der Sonne«. Gotthold Ephraim Lessing und Max Frisch haben diesen mal diskriminierenden, mal liquidierenden Primitivismus ins Lächerliche gezogen. Lessing mit dem Jerusalemer Patriarchen und dessen »Tut nichts! Der Jude wird verbrannt«. Und Frisch mit dem »Jud bleibt Jud« in seinem Drama Andorra.

Antizionismus und Antiisraelismus

Früher: »Die Juden sind schuld!«, heute: »Israel ist schuld!«. Antizionismus und Antiisraelismus sind lediglich die aktualisierten Varianten des nicht wirklich »Guten alten Rischess« (Judenhasses). Diese Mechanik funktioniert immer noch, wieder und sicher auch weiter. In Anlehnung an den kürzlich verstorbenen und nicht nur vom linksliberalen Kulturmilieu gepriesenen Religionswissenschaftler Jan Assmann könnte man vom »Kulturellen Gedächtnis« sprechen. Dazu gehören zwei anthropologische und historisch nachweisbare Konstanten.

Faktor eins: Undankbarkeit. Dankbarkeit ist selten. Oft schlägt sie in Polemik, Hass, Diskriminierung oder gar Liquidierung um. Beispiel Religion. Ohne das Judentum gäbe es weder Christentum noch Islam. Doch in der christlichen sowie islamischen Welt war und ist (!) jüdisches Leben Existenz auf Widerruf. Die teils epochalen Beiträge von Juden zur Fortentwicklung von Kultur, Gesellschaft oder Wissenschaft sind Legion.

Gerade deshalb führten und führen sie zu einer Art Vatermord an »den« Juden, zumal auch die Nachfahren der einstigen Innovatoren innovativ wirken, erfolgreich sind und deshalb beiseite geschubst werden sollen. Historisch: die bereits ab 1933 rigorose Vertreibung jüdischer Gelehrter aus deutschen Universitäten. Aktuell: die Attacken auf Juden an den US-Elite-Universitäten, von wo aus das Phänomen sich weltweit verbreitet.

Juden oder Israelis als Rechtfertiger des Judenhasses

Besonders beliebt ist heute diese Variante: Juden oder Israelis als Rechtfertiger des Judenhasses. Dieses Modell wenden auch Medien gern an. Jüdische Israelfeinde wie Judith Butler, Deborah Feldman und Gleichgesinnte finden landauf, landab überproportional Gehör.

Die feinere Art bedient sich der an Israel wirklich leidenden Israelis wie David Grossman oder Moshe Zimmermann, der als Historiker kontrafaktisch erklärt, der Zionismus hätte versagt, weil er den Juden durch den jüdischen Staat Sicherheit versprochen hätte. Irrtum! Zionismus und Israel versprachen den Juden nie außenpolitische, sondern allein innenpolitische Sicherheit im eigenen Staat.

Früher hieß es: »Die Juden sind schuld!«, heute: »Israel ist schuld!«.

Nicht länger sollte das Leben der Juden von der Gnade der nichtjüdischen Mehrheit abhängen. Dieses Versprechen wurde eingelöst. Aber Antiisraelismus ist heute die Eintrittskarte ins Kulturmilieu. Siehe Berlinale und Oscar-Preisverleihung vom 10. März.

Faktor zwei hat der französische Meisterdenker François de La Rochefoucauld ganz ohne Judenbezug benannt: Der Täter kann seinem Opfer seine Tat nicht vergeben. Böse Zungen übertragen das so: »Auschwitz werden die Deutschen den Juden nie verzeihen.« Das kollektive Gedächtnis wirkt hierbei von Generation zu Generation, obwohl (gerade weil?) die Nachfahren der Täter keine Täter sind.

»Ein Meister aus Deutschland« und seine »willigen Gesellen«

Der Tod war »ein Meister aus Deutschland«, aber er hatte in Europa sowie in der islamischen Welt »willige Gesellen«. Bei ihnen wirkt das kollektive Gedächtnis ebenfalls. Jenseits jener Urfaktoren gibt es weitere: Subjektiv sind sie im Sinne der jeweiligen Akteure nicht antisemitisch, sie sind es aber objektiv, besser: objektivierbar in ihrer Wirkung. Einige seien hervorgehoben.

Parteilichkeit durch Ahnungslosigkeit oder gezielte Fehlinformation durch akademisch dekorierte Propagandisten, die laufend befragt werden wie Muriel Asseburg von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Auch sie unterstellt Israel kontrafaktisch »Apartheid«. Ihren wirklich fachkundigen Kollegen Guido Steinberg sieht man deutlich seltener. Beliebt ist Michael Lüders, medial vorgestellt als Nahost-»Experte«. Das schon, aber er ist Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft und als solcher Partei. Ein Schuft, wer dabei Böses denkt.

Die Dynamik ist klar. Der noch ahnungslosere Rest schreibt ab und wiederholt. Auch den pseudowissenschaftlichen Unsinn von Israel als »Kolonialmacht«. Das Ereignis von gestern ist heute verdrängt, vergessen. Die Mord- und Blutorgie der Hamas vom 7. Oktober 2023 liegt »lange« zurück. Die Bilder vom Elend der Palästinenser sind täglich zu sehen. Dass sie von der Hamas als Kanonenfutter missbraucht werden, sieht man nicht.

In Deutschland gern verdrängt: Die Deutschen konnten sich nicht selbst von den Nazis befreien. Wirklich befreit wurden sie von den Westmächten, allen voran den USA. Undankbarkeit, siehe oben. Dass Israel – wie einst die USA die Deutschen – die Palästinenser von der Hamas befreien könnte, wird ungern eingestanden. Stattdessen – wie der auch die Ukrai­ne zum Aufgeben er»mut«igende Papst – der Appell an Israel, den Krieg zu beenden. Er wäre, wie am 8. Mai 1945, sofort beendet, wenn die Hamas die Geiseln freiließe, sich ergäbe. Aber, klar, Israel ist, die Juden sind Ruhestörer. »Lieb Vaterland, magst ruhig sein.«

Der Autor ist Historiker und Publizist.

Fussball

Kopfball mit Kippa

Die Halle war voll, der Spaß groß: Zum ersten Mal trafen zwölf jüdische Teams beim Berlin Jewish Football Cup in Spandau aufeinander

von Jan Feldmann  01.04.2026

Podcast

»Arbeiten im Krieg ist eine große Herausforderung«

Zwischen Bomben und Bunker: Wie unsere Korrespondentin in Tel Aviv ihren Alltag erlebt

von Jan Feldmann, Sabine Brandes  01.04.2026

Video

Zwischen Matzen und Kneidlach: Stimmen aus einem koscheren Supermarkt

Kurz vor Pessach: Vorbereitungen auf den Feiertag – Stimmen aus »Kosherlife«

von Jan Feldmann  01.04.2026

Wirtschaft

Iran-Krieg treibt Inflation auf höchsten Stand seit 2024

Teurer Sprit, steigende Preise für Strom und Gas: Die Kämpfe im Nahen Osten haben schon im ersten Kriegsmonat die Verbraucherpreise angeheizt. Bald könnten auch andere Warengruppen betroffen sein

von Alexander Sturm und Christian Ebner  30.03.2026

Die israelische Raketenabwehr hat eine aus dem Libanon anfliegende Terror-Rakete im Visier.

Nahost

Libanon muss jetzt handeln

Die Hisbollah hat äußeren Druck jahrzehntelang in politische Stärke verwandelt. Doch ihr aktueller Legitimitätsverlust ist hausgemacht — und eröffnet dem Libanon erstmals die Chance, das Machtgefüge im eigenen Land zu verändern.

von Leo Benderski  26.03.2026

Berlin

»Grenzen der Erinnerung erweitern«

Argentinien hat von Israel die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance übernommen. In der Botschaft des südamerikanischen Landes wurde das mit einer Zeremonie gefeiert

 26.03.2026

Nahost

Israels Kriegsstrategie gegenüber Iran und der Hisbollah

Israels Armee greift Irans Führung unerbittlich an. Es gibt jedoch warnende Stimmen: Die gezielten Tötungen von Anführern könnten das System noch radikaler machen. Welche Ziele verfolgt Israel?

von Sara Lemel  19.03.2026

Forschung

Ukraine öffnet Archiv über KZ-Häftlinge

Mitten im Krieg mit Russland öffnet die Ukraine historische Geheimarchive. Für Forschende über die NS-Zeit und die Sowjetische Besatzungszone soll der Zugang erleichtert werden

 11.03.2026

Jerusalem

Wadephul: Iranische Waffen gefährden »nicht nur Israel, sondern auch uns in Europa«

Bei seinem Besuch bei seinem Amtskollegen Gideon Sa’ar sei es auch um diese Frage gegangen: Wie kann dieser Konflikt irgendwann beendet werden, wenn man dem Iran die entscheidenden Waffen aus der Hand geschlagen hat?»

 11.03.2026