Radu Mihaileanu

»Heimat mag ich nicht«

Herr Mihaileanu, Ihr neuer Film »Geh und lebe« handelt von Identität, Zugehörigkeit und Heimat – Begriffe, die auch in Ihrem eigenen Leben eine große Rolle gespielt haben.
mihaileanu: Sie haben Recht. Allerdings habe ich mit dem Wort Heimat doch riesige Probleme. Heimat hat immer etwas Nationalistisches an sich, und das gefällt mir überhaupt nicht. Ich habe damit schon in Rumänien während des Ceausescu-Regimes große Probleme gehabt. Was mich interessiert, sind Identitäten, die miteinander verschmelzen. Mein Bezugspunkt ist die Verschiedenheit der Menschen. Heimat und Nation aber sind Begriffe, die sehr viel Haß gebracht haben.

Ihr Held, der junge äthiopische Jude Schlomo, ist in Israel mit Rassismus konfrontiert. Das haben viele eingewanderte Falaschas erlebt. Wie sieht es heute aus?
mihaileanu: Es gibt eine Minderheit religiöser Extremisten, das Oberrabbinat – eine Handvoll alter Männer, die allerdings die religiöse Macht ausüben. Sie haben den äthiopischen Juden gesagt, ihr seid nicht hundert Prozent jüdisch, ihr habt eine andere Identität – damit haben sie sie sehr traumatisiert. Ansonsten hat Israel, was Rassismus betrifft, die gleichen Probleme wie überall auf der Welt. Allerdings hat sich in den vergangenen 20 Jahren einiges verbessert – bis auf die Positionen der Rabbiner.

Ihr Film zeichnet ein sehr buntes Bild von Israel, vor allem von Tel Aviv.
mihaileanu: Ich wollte ein anderes Israel zeigen, nicht ein hochreligiöses Land, das nur an der Bekämpfung von Palästinensern interessiert ist, wie es in westlichen Medien immer so vereinfacht dargestellt wird. Mehr als 50 Prozent der Israelis sind überhaupt nicht religiös. Israel ist ein Land vieler Debatten, eines der demokratischsten Länder der Welt. Die Familie, die Schlomo aufnimmt, steht politisch links und lebt in Tel Aviv. Über diese Stadt muß man wissen, daß sie die drittgrößte Schwulengemeinde nach San Francisco und Amsterdam hat.

Auch Ihr Vater mußte seinen Namen ändern, um den Nazis zu entkommen und später, um sich vor dem kommunistischen Antisemitismus zu schützen. Wie viel von Ihnen selbst steckt in der Figur des Schlomo?
mihaileanu: Sicher steckt ein kleiner Schlomo auch in mir. Aber auch der Schlomo aus dem Film »Zug des Lebens«, auch die Figur aus meinem ersten Film »Trahir«. Bei meinem Vater haben Sie vollkommen Recht. Sein Name war Mordechai Buchmann. Als es ihm gelang, aus einem Arbeitslager zu fliehen, hat er sich in Jon Mihaileanu umbenannt. Wir haben den Zwiespalt der Identität bei uns in der Familie: Wir fühlen uns sehr jüdisch, womit ich nicht irgendeine Form von Religiosität meine. Und wir fühlen uns aber eben auch rumänisch. Wir sind ein Gemälde mit ganz vielen Farben, alle Farben sind wichtig.

Der französische Originaltitel des Films heißt »Va, Viens et Deviens« – »Geh, Komme und Werde«. Was bedeutet dieser Dreiklang?
mihaileanu: Schlomo durchläuft drei Etappen: Zuerst die Kindheit, in die das Trauma, aber auch der Überlebenswille fällt. Dann die Zwischenetappe – die Jugend. Hier passiert etwas sehr Wichtiges: Schlomo entdeckt die Liebe zu Sarah, die ganz anders als die mütterliche Liebe ist, die er bislang kannte. Und dann die dritte Phase – Erwachsensein. Er muß in der Welt seinen Platz finden. Die Zahl drei spielt aber auch sonst eine große Rolle. Es gibt auch drei Mütter in dem Film.

Der kleine Moshe Agazai spielt den schwierigen Part des jungen Schlomo hervorragend. Wie haben Sie ihn gefunden?
mihaileanu: Das Casting für die verschiedenen Schlomos hat fünf Monate gedauert. Wir haben in Äthiopien, in Dschibuti, in Frankreich und in Israel gesucht. Schließlich gab es fünf verschiedene Teams mit Schlomos in den jeweiligen Altersgruppen. Nach einmonatiger Arbeit suchten wir dann die passende Mannschaft aus. Die Herausforderung war, daß der Kleine nicht nur die innere Tragödie verkörpern muß – bei seinem kleinsten Lächeln sollte auch die Sonne aufgehen.Moshe war genial, auch wenn es nicht leicht war, mit ihm zu drehen. Wir haben gesagt, entweder wird er später Präsident von Israel oder Mafiachef.

Das Gespräch führte Nino Ketschagmadse.

Berlin

Urteil zu Angriff auf Lahav Shapira erwartet

Nach einem antisemitischen Angriff auf einen jüdischen Studenten in Berlin ist der Fall neu vor Gericht verhandelt worden. Im Mittelpunkt des Berufungsverfahrens steht die Höhe der Strafe. Ein Urteil wird am Montag erwartet

 13.04.2026 Aktualisiert

Fussball

Kopfball mit Kippa

Die Halle war voll, der Spaß groß: Zum ersten Mal trafen zwölf jüdische Teams beim Berlin Jewish Football Cup in Spandau aufeinander

von Jan Feldmann  01.04.2026

Podcast

»Arbeiten im Krieg ist eine große Herausforderung«

Zwischen Bomben und Bunker: Wie unsere Korrespondentin in Tel Aviv ihren Alltag erlebt

von Jan Feldmann, Sabine Brandes  01.04.2026

Video

Zwischen Matzen und Kneidlach: Stimmen aus einem koscheren Supermarkt

Kurz vor Pessach: Vorbereitungen auf den Feiertag – Stimmen aus »Kosherlife«

von Jan Feldmann  01.04.2026

Wirtschaft

Iran-Krieg treibt Inflation auf höchsten Stand seit 2024

Teurer Sprit, steigende Preise für Strom und Gas: Die Kämpfe im Nahen Osten haben schon im ersten Kriegsmonat die Verbraucherpreise angeheizt. Bald könnten auch andere Warengruppen betroffen sein

von Alexander Sturm und Christian Ebner  30.03.2026

Die israelische Raketenabwehr hat eine aus dem Libanon anfliegende Terror-Rakete im Visier.

Nahost

Libanon muss jetzt handeln

Die Hisbollah hat äußeren Druck jahrzehntelang in politische Stärke verwandelt. Doch ihr aktueller Legitimitätsverlust ist hausgemacht — und eröffnet dem Libanon erstmals die Chance, das Machtgefüge im eigenen Land zu verändern.

von Leo Benderski  26.03.2026

Berlin

»Grenzen der Erinnerung erweitern«

Argentinien hat von Israel die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance übernommen. In der Botschaft des südamerikanischen Landes wurde das mit einer Zeremonie gefeiert

 26.03.2026

Nahost

Israels Kriegsstrategie gegenüber Iran und der Hisbollah

Israels Armee greift Irans Führung unerbittlich an. Es gibt jedoch warnende Stimmen: Die gezielten Tötungen von Anführern könnten das System noch radikaler machen. Welche Ziele verfolgt Israel?

von Sara Lemel  19.03.2026

Forschung

Ukraine öffnet Archiv über KZ-Häftlinge

Mitten im Krieg mit Russland öffnet die Ukraine historische Geheimarchive. Für Forschende über die NS-Zeit und die Sowjetische Besatzungszone soll der Zugang erleichtert werden

 11.03.2026