Puerto Rico

Für Körper und Seele

von Hans-Ulrich Dillmann

Die Straße ist von einem robusten Eisengitter und einer vergitterten Eingangspforte abgegrenzt. Die Klingel ohne Namensschild gibt keinen Hinweis, wer auf diesem Gelände wohnen könnte. Nur die beiden siebenarmigen Leuchter im Jugendstil in den Mauerteilen zeigen: Hier befindet sich die Synagoge auf dem Gelände des »Jewish Community Center« in San Juan, Hauptstadt von Puerto Rico. Hinter der Eingangspforte erhebt sich ein zweigeschossiges Gebäude, hohe Fenster und Kachelornamente. Shaare Zedeck – Pforte der Rechtschaffenheit nennt die konservative Gemeinde ihr Gotteshaus. Die Kinder des Vorschulunterrichts der jüdischen Gemeinde haben Frühstückspause und spielen im Garten. »Fotografieren verboten, das möchten die Eltern nicht«, sagt Rabbiner Gabriel Frydman.
Puerto Rico, die viertgrößte Insel der Großen Antillen beherbergt heute die größ- te jüdische Gemeinschaft in der Karibik. Rund 3.000 Juden sind Mitglieder der konservativen Shaare Zedeck, des Reform-Beth Schalom und der orthodoxen Chabad-Lubawitsch-Gemeinde. 3,9 Millionen Menschen leben auf der knapp 8.900 Quadratkilometer großen Karibikinsel, die mit den USA frei assoziiert ist. Während Washington für die Außenpolitik, Militär- und Sicherheitsfragen zuständig ist, verwaltet sich das Eiland selbst – US-amerikanisch in seiner Geschäftigkeit, spanisch in seiner Sprachkul- tur und karibisch in seinem Lebensstil.
Um die Wende zum 20. Jahrhundert wurde das Gemeindezentrum in der breiten Avenue Ponce de León errichtet – ein weitläufiges Wohnhaus mit einem großen abschüssigen Gartengelände und schatten- spendenden Bäumen. Hohe Wände im Parterre, breite Treppenaufgänge in die oberen Schlafzimmer. Hier wohnte einst eine gutsituierte deutschstämmige Familie. Von der Terrasse hatten die Bewohner einen herrlichen Blick auf die Bucht von San Juan. Miramar, der Stadtteil, in dem das ansehnliche Gebäude liegt, vermittelt auch heute noch etwas von dem mondänen Reichtum, der hier einst dominierte.Juden sind auf die Insel erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts gekommen, als die spanische Kolonialmacht endgültig den unmittelbaren militärischen und politischen Einfluß auf die Karibikregion verlor. Nur eine Handvoll assimilierter jüdischer Familien bildete den Grundstock für die Gemein- schaft, erzählt Frydman. In den 20er und 30er Jahren siedelten sich dann einige jüdische Geschäftsleute aus den USA vor allem in Puerto Ricos Hauptstadt San Juan an.
Zuerst in einem einfachen Privathaus eines Gemeindemitglieds untergebracht, wurde die jüdische Gemeinde in der Tradition der konservativen Bewegung Besitzer des hochherrschaftlichen Hauses in Miramar. Es wurde 1913 von dem aus der Tschechoslowakei stammenden Architekten Antonin Nechodoma entworfen. Die heutige Synagoge hat eine schlichte, klassisch-strenge Linie und schmale Säulen. Hohe Fenster lassen karibische Sonnenstrahlen das Gebäude durchfluten.
Als die jüdische Gemeinde 1953 das ehemalige Korber-Haus für die Errichtung des jüdischen Gemeindezentrums erwarb und umbauen ließ, »schlich sich ein kleiner Fehler ein«, sagt Rabbiner Frydman, milde und achselzuckend über karibische Nachlässigkeit lächelnd, »die Bima zeigt nach Süden statt nach Osten. Erst mehr als 20 Jahre später, als die Gemeinde weiter angewachsen war, stand das Geld zur Verfügung, um das Gotteshaus nach den Vorschriften und dennoch den alten Bauplänen getreu umzubauen. Die Bima wurde in den Erker eines nach Osten gelegenen Panorama-Fensters integriert.
Dunkles Mahagoniholz kontrastiert mit der Helligkeit der weißgestrichenen Wände. Die Frauenempore bietet freien Blick auf den unteren Betraum und wird von einem riesigen, bis zur Decke reichenden Fenster mit Licht durchflutet. Im ehemaligen Weinkeller und in den Stauräumen sind heute der Kindergarten, die Verwaltung, das Rabbinat, Restaurant und ein kleiner Judaika-Laden untergebracht. Die nach einem verstorbenen Gemeindemitglied benannte Morris Rothenberg Liberary gilt als die einzige jüdische Bibliothek der Karibik. Das zur Synagoge umgebaute Korber-Haus steht heute unter Denkmalschutz.
Kulturell geprägt wird die Gemeinde durch ehemalige kubanische Juden. Nach der «Revolution der Bärtigen» (1959) um den immer noch herrschenden Fidel Castro floh die Mehrzahl der kubanischen Juden nach Puerto Rico, vor allem wegen des Klimas und der kulturellen Ähnlichkeit. «Shaare Zedeck zählt rund 1.200 Mitglieder», sagt Frydman, der in einer konservativen Religionsschule in Argentinien ausgebildet wurde und seine Schmicha am Schechter Institut in Jerusalem erhalten hat. Seit vier Jahre kümmert er sich um die religiösen Angelegenheiten der Gemeinde. «Juden werden hier im Land sehr respektiert. Die jüdische Gemeinschaft wurde vor kurzem sogar mit einer großen Ausstellung über das jüdische Leben Puerto Rico geehrt.»
Fünf Kilometer entfernt von den Konservativen öffnet Leonore Calem die von einer Kamera überwachte Eingangstür zu einem zweistöckigen Gebäude: der Reform Temple Beth Shalom. «Handys verboten» ist am Eingang zu lesen. «Der Bürgerrechtsbewegung gehörte unser Herz», erzählt Leonore Calem zur Begrüßung. Als das Ehepaar Calem mit drei Kindern nach Puerto Rico zog, schloß sie sich der einzigen Gemeinde an, die es gab – der konservativen. Aber die ehemaligen Mitglieder einer Reformsynagoge wurden nicht heimisch. «Wir sprachen anfangs nur ein paar Brocken Spanisch und wir fühlten uns ausgeschlossen.» «Kulturunterschiede» begründet sie aus heutiger Sicht die Gründung der Reformgemeinde. Anfangs traf sich die Handvoll liberaler, meist englischsprachiger Juden in einem Privathaus. Heute nennt die «Jüdische Reformgemeinde von Puerto Rico», die seit 1967 Mitglied der Union for Reform Judaism, eine ehemalige Kneipe in der San Jorge Street ihr eigen.
«Seit der Gründung der liberalen Gemeinde haben wir keinen Schabbatgottesdienst ausgelassen. Unsere erste Tora wurde von einem Mitglied gestiftet, der diese aus der von Deutschland besetzten Tschechoslowakei gerettet hatte.» Als 1998 Hurrikan George schwere Sturmschäden auf der Insel hinterließ, wurde auch die Synagoge beschädigt.
Ortswechsel. «Isla Verde» ist ein elegantes Stadtviertel von San Juan. Die besten und teuersten Hotels liegen gleich um die Ecke, der Flughafen in Sichtweite. In einem einstöckigen Bungalow in der Calle Rosa Nummer 18 sitzt eine Gruppe von Jungen und Mädchen beim spielerischen Religionsunterricht. Der Wohn- und Eßraum des flachen Gebäudes ist in ein Gemeindezentrum umgewandelt worden, morgens und abends wird es zum Betraum, Frauen- und Männerbereich werden durch eine «spanische Wand» abgetrennt. Seit sieben Jahren steht Mendel Zarchi, 32, dem Chabad-Lubawitsch-Gemeindezentrum Scharei Tora vor. «Von hier aus betreuen wir nicht nur Beter in diesem Land, sondern in der ganzen Karibik», sagt Zarchi. Rund 50 Familien gehören zur Gemeinde. «250 Menschen haben Chanukka gefeiert, 150 nahmen an Pessach Seder teil.»
Vor allem Geschäftsreisende aus den Vereinigten Staaten, die in einem der nahegelegenen Hotels abgestiegen sind, nutzen die Synagoge, um den Schabbat zu verbringen. Eine koschere Küche versorgt die Hotelküchen mit rabbinisch zertifizierten Mahlzeiten. «Die Räume sind viel zu klein», sagt Zarchi und präsentiert das neue Gemeindezentrum, noch auf dem Papier. Das Grundstück neben dem derzeitigen Gotteshaus ist schon gekauft – mit Hilfe von Spendern. Mit weitausholenden Gesten erläutert Zarchi die Baupläne: Synagoge, Gemeindezentrum, ein koscherer Lebensmittelladen und eine Küche für Hotel- verpflegung. Drei Millionen US-Dollar wird der Baukomplex kosten. «Zu uns kommen die Besucher, weil sie wissen, daß wir streng die Religions- und Speisegesetze einhalten», sagt Zarchi. Sein Ziel ist es, die Juden mit ihrer Religion vertraut zu machen. «Wir haben zwar fast 3.000 Menschen auf der Insel, die sich als Juden verstehen, die Frage ist nur, wie weit sie das praktizieren.»

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