Jemen

Fliehkräfte

von Tobias Kühn

In Israel und den USA wächst die Sorge um die Zukunft der Juden im Jemen. Seit im Dezember der 39-jährige Leiter der örtlichen Toraschule, Mouse Yaish al-Nahari, auf dem Markt von Raydah nördlich der jemenitischen Hauptstadt Sana’a von einem Islamisten niedergeschossen wurde, häufen sich in dem südarabischen Land antisemitische Angriffe und Drohungen. Im Zuge des Gasakriegs Anfang des Jahres nahm die Gewalt gegen die jüdische Minderheit weiter zu. »Die Juden im Jemen leben in Angst vor muslimischen Extremisten und vor der Verfolgung, die sich aus Ereignissen in Israel und der Welt ergeben könnte«, sagte vor wenigen Tagen Howard Rieger, der Präsident der United Jewish Communities. Jemens jüdische Gemeinde sei bestrebt, das Land zu verlassen.
Inzwischen scheint vieles darauf hinzudeuten, dass die Jewish Agency in Israel und jüdische Organisationen in den USA geheime Aktionen vorbereiten, um die Menschen in Sicherheit zu bringen. Wie die in New York erscheinende Wochenzeitung Forward Ende vergangener Woche schrieb, hätten Mitarbeiter des Blattes die Kopie eines Berichts gesehen, den Beobachter vor Ort geschrieben haben sollen. Namentlich wird als Verfasserin Linda Mirels genannt, Vorstandsmitglied der UJA-Federation, einem jüdischen Netzwerk mit Sitz in New York, sowie ein nicht genannter Vertreter des israelischen Außenministeriums.
Dem Bericht zufolge gebe es bei der Ausreise der jeminitischen Juden ein großes Hindernis: Viele bestehen darauf, für ihre Häuser vom Staat eine Entschädigung zu erhalten. Zwar seien die Menschen dort auf ihre Sicherheit bedacht, doch wirtschaftliche Bedenken erschweren es ihnen, sich für die Auswanderung zu entscheiden. Seit langem fordern sie, der jemenitische Staat solle ihnen, wenn er schon nicht in der Lage sei, gegen den wachsenden Antisemitismus und die Angriffe vorzugehen, ihre Häuser abkaufen und das Geld an sie auszahlen, so dass sie das Land verlassen können.
Doch dieser Wunsch wurde bislang nicht erfüllt. Vielmehr bot Jemens Präsident Ali Abdullah Saleh den Juden von Raydah im Dezember an, in die Hauptstadt Sana’a umzuziehen. Dort könne die Regierung für ihre Sicherheit garantieren, würde ihnen neue Häuser bauen und Land zur Verfügung stellen.
Seit mehr als 3.000 Jahren leben Juden im Jemen. Zwischen Juni 1949 und September 1950 wurden in einer Geheimaktion unter dem Decknamen »Operation fliegender Teppich« etwa 50.000 Menschen nach Israel ausgeflogen. Nach Angaben der Jewish Agency zählt die jüdische Gemeinschaft des Landes derzeit rund 280 Menschen. Davon leben etwa 230 in der Stadt Raydah, die weiteren 50 in der Hauptstadt Sana’a. Trotz zahlreicher Gelegenheiten haben sie das Land nicht verlassen.
Dem im Forward zitierten Bericht zufolge soll ein hoher jemenitischer Regierungsbeamter den Juden des Landes zugesagt haben, sie könnten jederzeit verreisen oder emigrieren, sei es nach Israel, in die USA oder in ein anderes Land. Einige taten dies – und sind zurückgekehrt. Manche haben Verwandte in Israel besucht und sich ein Bild von der Lage auf dem dortigen Arbeitsmarkt gemacht. Die Zukunftsperspektiven in dem von der Wirtschaftskrise geschlagenen Land konnten Zweifler nicht zur Ausreise ermuntern.
Die Behörden in Jerusalem haben mittlerweile auf das Zögern der jemenitischen Juden reagiert. Wie Maxine Finkelstein, Geschäftsführer der Jewish Agency in Nordamerika, sagte, habe die israelische Regierung die Beihilfe für jemenitische Neuzuwanderer um zusätzliche 40.000 Schekel (rund 7.200 Euro) erhöht.
Böse Zungen äußerten jüngst Zweifel daran, ob die Juden im Jemen tatsächlich so gefährdet seien. Doch Finkelstein hält dem entgegen: »Menschen denken immer über ihre finanzielle Situation nach, selbst wenn sie in Gefahr sind.« Auch Vertreter der jüdischen Gemeinde im Jemen betonen, dass die finanziellen Interessen der Menschen nicht der Tatsache widersprechen, in akuter Gefahr zu sein. Wie ein Sprecher der United Jewish Communities vor Kurzem sagte, habe auch die US-Regierung die Juden im Jemen als »religiös Verfolgte« anerkannt, die den Status von Flüchtlingen bekommen.
Dies bahnt den Weg. Vor einigen Tagen gaben Vertreter jüdischer Organisationen in den USA bekannt, dass rund 110 jemenitische Juden zu Pessach in den USA eintreffen werden. In Israel kommt darüber keine Freude auf. Die Jewish Agency erklärte: »Wir lehnen die Auswanderung von Juden in die USA ab. Der Ort aller Juden der Diaspora – auch der Juden des Jemen – ist Israel.«

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

Westjordanland

Neue Gewalt radikaler Siedler

Mehr als 100 Extremisten waren an den Ausschreitungen im Bereich der Ortschaft Dschalud südlich von Nablus beteiligt. Regierungsmitglieder verurteilen die Angriffe, die Opposition kritisiert sie als Folge »einer gefährlichen Politik«

 29.09.2026

Nach der Wahl

Grüne und SPD in Berlin stellen Bedingung für Sondierungen

Linke, Grüne und SPD in der Hauptstadt wollen an diesem Donnerstag erstmals über eine Regierungsbildung sprechen. Es soll sich aber noch nicht um formelle Sondierungsgespräche handeln

 28.09.2026

New York

Trump ruft Staaten zu Austritt aus Strafgerichtshof auf

Die USA erkennen den IStGH nicht an, der unter anderem gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu einen Haftbefehl erlassen hat. Jetzt legt der amerikanische Präsident nach

 23.09.2026

Sanktionen

Iran will weiter internationale Ziele anfliegen

Ab Mittwoch sollen iranische Airlines nach Worten der US-Regierung internationale Ziele nicht mehr anfliegen können. Die zivile Luftfahrtbehörde in Teheran widerspricht

 23.09.2026

Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

Berlin

Gideon Joffe: »Mit Elif Eralp wird Geis zur Gärtnerin gemacht«

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde mahnt, dass die Hauptstadt vor massiven Herausforderungen stehe

 22.09.2026

Washington D.C.

USA wollen Saudi-Arabien 48 moderne F-35-Kampfjets verkaufen

Die Tarnkappenjets gelten als die aktuell modernsten Kampfflugzeuge. Im Nahen Osten waren sie bislang dem US-Verbündeten Israel vorbehalten. Nun zeichnet sich ein geplanter Deal mit Saudi-Arabien ab

 18.09.2026

Magdeburg

AfD will FPÖ-Erfahrungen in Sachsen-Anhalt nutzen

»Von den politischen Erfahrungen der FPÖ können wir sicherlich profitieren«, sagt der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion

 18.09.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  16.09.2026