Kontroverse

Fassbinders ewiger Jude

Ein Immobilienspekulant kauft Häuser, lässt sie verfallen und reißt sie ab. »Die Stadt schützt mich, das muss sie. Zudem bin ich Jude«, sagt der skrupellose Häusermakler in Rainer Werner Fassbinders 1976 erschienenem Schauspiel Der Müll, die Stadt und der Tod. Man habe vergessen, den »reichen Juden« zu vergasen, konstatiert Fassbinders Figur Hans von Gluck. In diesem Stil geht es weiter: »Und ich reib mir die Hände, wenn ich mir vorstelle, wie ihm die Luft ausgeht in der Gaskammer.«

Eklat Es verwundert angesichts dieser antisemitischen Urteile kaum, dass Fassbinders Stück zu einem der umstrittensten Schauspiele der deutschen Theatergeschichte nach 1945 wurde. Umso überraschender ist es, dass Roberto Ciulli, der Intendant des Mülheimer Theaters an der Ruhr, vergangene Woche ankündigte, das Stück ab Oktober im Rahmen einer Collage von drei Fassbinder-Stücken zu spielen. Ciulli, der sein Vorhaben im Gespräch mit dieser Zeitung nicht näher erläutern wollte, sagte nur, dass er in Überstimmung mit der Jüdischen Gemeinde in Mülheim handele. Doch Michael Rubinstein, Geschäftsführer der Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen, hat »durchaus Einwände« gegen die Pläne des Regisseurs. »Warum gerade dieses Stück?«, fragt er sich.
Bereits 1976, wenige Tage nach Erscheinen der Buchfassung, sorgte Fassbinders Drama für Aufregung. Nachdem Joachim Fest, langjähriger Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und Leiter des Feuilletons, den Vorwurf des »Linksfaschismus« erhoben hatte, zog der Suhrkamp Verlag die Veröffentlichung zurück. Fest sah in dem Stück eine gefährliche, »von ordinären Klischees geprägte Hetze« und erteilte einer möglichen Inszenierung des Schauspiels entschieden eine Absage.

rücksichtslos Zu einem Eklat kam es schließlich 1985, drei Jahre nach Fassbinders Tod. Damals wollte der Intendant des Schauspiels Frankfurt, Günther Rühle, das umstrittene Drama auf die Bühne bringen. Entschlossene Proteste von Mitgliedern der Frankfurter Jüdischen Gemeinde, darunter Ignatz Bubis, Michel Friedman und Dieter Graumann (siehe unten stehenden Bericht) verhinderten das. Zur erregt geführten Diskussion des Stücks hatte beigetragen, dass die Figur des rücksichtslosen »reichen Juden« unverhohlen auf die Biografie von Bubis anspielte. Der spätere Vorsitzende des Zentralrats der Juden führte in Frankfurt ein Immobilienunternehmen. Seitdem hat es in Deutschland nur noch einmal den Versuch gegeben, das Schauspiel aufzuführen, was ebenfalls scheiterte. 1998 hatte der Intendant des Berliner Maxim-Gorki-Theaters, Bernd Wilms, eine Diskussion über den zunehmenden Antisemitismus in der Gesellschaft anstoßen wollen. Daraufhin setzte ein breit geführter Diskurs gegen Wilms’ Vorhaben ein. Andreas Nachama, damals Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, nannte das Stück »ein Dokument Goebbelsscher Qualität« und sprach sich gegen die Inszenierung aus.
Massive Proteste gegen das Theaterstück gab es auch in anderen Ländern. In Rotterdam blockierten 1987 aufgebrachte Demonstranten das Theater und verhinderten die Aufführung. In Paris musste die Premiere sogar unter Polizeischutz stattfinden, da zuvor eine Bombendrohung beim Theater eingegangen war. In Tel Aviv und in New York hingegen wurde das Schauspiel vor einem begeisterten Publikum gezeigt. Seitdem ist Fassbinders Drama in vielen Ländern gespielt worden, ohne Proteste hervorzurufen.

tabu In einem Interview mit der »Zeit« nannte Fassbinder 1976 seine Motive für das Werk. Er wolle darauf aufmerksam machen, dass die Frankfurter Politik die Veränderung der Stadt »konsequent einem überlässt, der durch Tabuisierung unangreifbar scheint«, nämlich einem jüdischen Holocaust-Überlebenden. Aus Sorge vor einem neuen Antisemitismus warnte er davor, »dass die ständige Tabuisierung von Juden, die es seit 1945 in Deutschland gibt, gerade bei jungen Leuten, die keine direkten Erfahrungen mit Juden gemacht haben, zu einer Gegnerschaft der Juden führen kann«. Aus dramaturgischen Gründen habe er »bestimmte Vorsichtsmaßnahmen außer Acht« lassen müssen. Deshalb entspreche der Charakter des jüdischen Grundstücksspekulanten bekannten antisemiti- schen Klischees: gerissen, geldgierig, sexbesessen und machtgeil.
Wie also ist der Plan aus Mülheim einzuordnen? Der renommierte Theaterregisseur Christoph Schlingensief sagte der Jüdischen Allgemeinen, Fassbinders Drama sei »kalter Kaffee«, wichtig sei alleine eine künstlerisch gelungene Inszenierung. »Was die Regie und das Ensemble heute daraus machen werden, ist offen und hoffentlich spannend und intelligent.«
Sollte Der Müll, die Stadt und der Tod tatsächlich in Mülheim aufgeführt werden, bleibt fraglich, ob Roberto Ciulli eine angemessene Inszenierung gelingt. Literarisch ist Fassbinders Schauspiel ganz und gar bedeutungslos. Bestenfalls durchschnittlich ist die Dramaturgie, wenig originell seine Sprache. Nahezu jede Zeile liest sich wie eine schlechte Kopie des jungen Brecht, der die Amoralität der von Verwahrlosung und Schmutz dominierten Großstadt ästhetisierte. Eine ernsthafte Debatte um den künstlerischen Wert von Fassbinders Drama hat nie stattgefunden.

In eigener Sache

Volontär/in gesucht

Wir suchen zum 15. Oktober 2026 einen Volontär (m/w/d) in Vollzeit

 06.07.2026

Holzstörche zur Geburt in Niederösterreich. Noch immer werden neben den klassischen Namen viele biblische Namen den Kindern gegeben.

Statistik

Diese hebräischen Vornamen in Österreich sind am beliebtesten

Österreichische Eltern wählen gern Klassiker. Unter den Top Ten sind auch viele Namen biblischen Ursprungs

von Nicole Dreyfus  04.07.2026

Bundesamt für Statistik

Dieser hebräische Vorname ist am beliebtesten bei Schweizer Eltern

Auch in der Schweiz wählen Eltern weiterhin häufig biblische Namen für ihr Neugeborenes

von Nicole Dreyfus  04.07.2026 Aktualisiert

Erhebung

Dieser hebräische Babyname ist in Deutschland am beliebtesten

Welche Namen geben Eltern ihren Sprösslingen in diesem Jahr am liebsten? In welchen Bundesländern gibt es Abweichungen?

 04.07.2026 Aktualisiert

Doha

Indirekte Gespräche zwischen Iran und USA sollen begonnen haben

Die Lage zwischen den USA und dem Iran bleibt weiter angespannt. Dennoch laufen nun Gespräche im Golfstaat Katar

 01.07.2026

Diplomatie

»25 Gründe, warum ich Israel vermisse«

Der deutsche Botschafter Steffen Seibert verlässt in wenigen Tagen nach vier Jahren das Land und kehrt zurück nach Berlin

von Sabine Brandes  30.06.2026

Resümee

Felix Klein: Lebensqualität für Juden hat sich verschlechtert

Nach acht Jahren im Amt wechselt der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, im August den Job. Auf seine Amtszeit blickt der 58-Jährige mit gemischten Gefühlen zurück

von Corinna Buschow, Markus Geiler  29.06.2026

Bündnis Sahra Wagenknecht

Mit einer Portion Antisemitismus gegen den Zionismus

Das Jugendbündnis im BSW hat einen Beschluss zum Zionismus gefasst, der aufhorchen lässt. Auf Instagram verwendete der Verband zudem antisemitische Bildsprache aus der NS-Zeit

von Michael Thaidigsmann  22.06.2026

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 09.06.2026