Judentum

Endlich frei!

Fast alle, die das Jahr über arbeiten, nutzen den Sommer für eine kleine Auszeit. In der Regel auch außerhalb der eigenen vier Wände. Es gilt, etwas Abstand zu gewinnen vom Alltag. Unter denen, die im Sommer ausschwärmen, gibt es vier Gruppen. Zum einen die Erholungssuchenden, die sich in Individualreisende und Pauschaltouristen aufteilen. Dann gibt es die kulturell interessierten Reisenden und die sinnsuchenden Urlauber. Eine vierte Gruppe sind die Ak-
tivurlauber, die sich unter blauem Himmel auch gerne körperlich betätigen. Reisen zum Zwecke des Familienbesuchs klammern wir hier einmal aus.
Unter den aufgezählten Gruppen befindet sich auch der jüdische Urlauber. Wenn Juden Urlaub machen, sollte das jedoch nicht unbedingt bedeuten, dass sie auch Ferien vom Judentum machen. Sie müssen ihre Jüdischkeit nicht vollständig zurück-
lassen. Das ist nicht notwendig. Wer nach Israel fliegt, hat es natürlich etwas einfacher. Es gibt eine ausgezeichnete jüdische Infrastruktur, und auch kulturelle Interessen werden befriedigt. Aber auch Reisen zu anderen Zielen können dazu beitragen, dass man am Ende des Urlaubs nicht nur etwas für die Erholung, sondern auch für sein Judentum getan hat.

Identität Ganz klar: Wer zu Hause kein religiöses Leben führt, wird dies auch im Urlaub nicht tun. Trotzdem ist zu beobachten, dass es jüdische Urlauber an Orte und Plätze zieht, die etwas mit dem lokalen Judentum zu tun haben. Ein ungeklärtes Phänomen: Nicht nur religiöse Urlauber trifft man so in der wunderschönen Synagoge von Florenz, dem Tempio Maggiore, im jüdischen Stadtteil Venedigs, im Pariser Viertel Marais, im jüdischen Viertel Prags, in der großen Synagoge in Budapest, in der Synagoge Kahal Schalom auf Rhodos, die 1577 erbaut wurde, oder auch in der Mikvé Israel-Emanuel Synagoge in Willemstad auf Curaçao. Selbst im Städtchen Urbino, in den italienischen Marken mit seinen zwei jüdischen Einwohnern, trifft man im Sommer in der alten Synagoge immer mindes-tens einen jüdischen Touristen auf Durchreise. Sehr häufig sind das keine besonders religiösen Menschen, sondern Juden aus den USA, Kanada und Israel, die vor Ort eine »Verbindung« suchen. Zumeist finden sie diese auch und werden bisweilen dadurch motiviert, sich über diesen Umweg mit ihrer eigenen Identität auseinanderzusetzen.

Vorbereitung Was ist mit denen, die »einfach nur mal Urlaub« machen? Fernab von Städtereisen und kulturell anspruchsvollen Touren sich an den Strand begeben und die freien Tage an guter Luft genießen. Auch ein solcher Erholungsurlaub kann zu einem bedeutenden jüdischen Erlebnis werden. Wer beispielsweise seinen Kindern zeigen will, dass man außerhalb der gewohnten Umgebung jüdisch leben kann, der hat eine gute Gelegenheit dazu. Er wird sie dadurch ermuntern, auch später zu improvisieren und nach Möglichkeiten zu suchen. Ein solcher Urlaub erfordert natürlich eine gewisse Planung. Wer länger als fünf Tage unterwegs ist, wird mit großer Wahrscheinlichkeit den Schabbat in einem Hotel oder einem Ferienhaus verbringen. Kerzen, Kidduschwein und Challa sollten zuvor besorgt werden. Schon das Schreiben einer Liste der benötigten Gegenstände kann einen pädagogischen Mehrwert haben. Was brauchen wir in den nächsten Tagen?
Wer koschere Speisen wünscht, muss sich vergewissern, ob er Nahrungsmittel und Geschirr mitnehmen muss, oder ob es vor Ort Einkaufsmöglichkeiten gibt. Viele Reisende sind immer wieder überrascht, wie gut das funktionieren kann. Mittlerweile gibt es in verschiedenen europäischen Urlaubsländern wie Italien, Österreich, Schweiz und Spanien koschere Ho-
tels, von denen die meisten preislich allerdings eher im oberen Bereich liegen. Für preisbewusste Urlauber kann die gründliche Vorbereitung also auch eine Notwendigkeit sein. Dabei werden oft naheliegende Dinge übersehen. Wer einen Kühl-
schrank und ein Gefrierfach zur Verfügung hat und einen Grill vor der Ferienwohnung verwenden kann, der muss auch auf größere und üppigere Mahlzeiten nicht verzichten. Wer auf Flugreisen geht und Nahrungsmittel mitnimmt, sollte unbedingt die Beförderungs- und Einfuhrbestimmungen beachten.
Wer in Strandnähe koschere Restaurants wünscht, der muss nicht unbedingt nach Israel reisen. Auch in Knokke-Heist in Belgien wird das geboten. Wer eine Sonnengarantie wünscht, kann auch in Nizza koscher speisen. Selbst in Scheveningen, dem niederländischen Badeort an der Nordsee, gibt es zur Sommerzeit einen täglichen Minjan.

Sinnsuche Bleibt noch die Kategorie der Sinnsucher. Sie versuchen, fernab ihrer ge
wohnten sozialen Umgebung über das Le-
ben nachzudenken und sind häufig der »Klarheit der Gedanken« auf der Spur. Nicht selten ist das verbunden mit dem Be-
such von Gegenden, wo man diese »Klarheit« vermutet. Beispielsweise Nepal. Tausende von jungen Rucksacktouristen reisen jährlich dorthin. Häufig finden Sie auch Überraschendes, zum Beispiel ein Ge-
spräch mit Rabbiner Chezki Lifschitz. Der führt in Katmandu ein Zentrum von Chabad Lubawitsch und hat das Haus stets voller Menschen. Der Pessachseder ist weltberühmt und hat jährlich nicht weniger als tausend Teilnehmer.
Derartige Chabad-Zentren findet man auch an weniger entlegenen Orten. Zum Beispiel in »typischen« Erholungszielen wie Antalya oder Marbella. Sie stehen für Besucher offen und sind immer eine gute Adresse: für koschere Speisen, spirituelle Anregung und was der jüdische Reisende sonst noch so braucht – in den schönsten Wochen des Jahres.

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