Manfred Joachim

Ein Jecke boxt sich durch

von Katrin Lechler

Manfred Joachim ist ein bisschen stolz, ein richtiger Jecke zu sein: 1925 in Berlin geboren, die NS-Zeit überstanden und aus der Emigration in Uruguay zurückgekehrt. Dennoch trat er 1984 aus der jüdischen Gemeinde aus. Manfred Joachim hatte einige Tausend Mark Gemeindesteuern nachzuzahlen, weil er nach seiner Rückkehr aus Montevideo im Jahr 1959 bei der Steuerschätzung zu niedrig veranlagt worden war. Er bat um Stundung der Summe. Der damalige Gemeindevorsitzende Heinz Galinski habe sein Ansinnen abgelehnt, während er einem anderen die Hälfte seines Solls erließ. Das verletzte Joachims Gerechtigkeitsgefühl und er wandte sich von der Gemeinde ab. Seine Frau Elfi war dagegen: »Ihr seid doch nur noch so wenige«. Als er sich nicht davon abbringen ließ, trat auch sie aus der evangelischen Kirche aus. Undenkbar, dass ihr jüdischer Mann als Hauptverdiener in der Familie für eine Christin die Kirchensteuer zahlen sollte.
Mit ihm ging der Jüdischen Gemeinde zu Berlin damals ein weiterer Joachim verloren: Von der siebenköpfigen Familie hatten nur fünf den Krieg überlebt: Bruder Heinz (und seine Frau Marianne) waren in Berlin-Plötzensee hingerichtet worden, weil sie an der jüdischen Widerstandsgruppe um Herbert Baum beteiligt gewesen waren. Sein Vater war in Sachsenhausen umgekommen.
Manfred Joachim hat vor allem dank seiner Mutter überlebt. Weil sie 1922 zur Religion ihres Mannes übergetreten war, erhielten ihre fünf Söhne den Status der »Geltungsjuden«, der sie vorerst vor der Deportation schützte. Aber eigentlich verdankt Joachim sein Überleben den Mädchen und Frauen jener Zeit. Selten hat die Angst sein Denken gelähmt, denn immer schwirrte ein weibliches Geschöpf in seinem Kopf herum.
Als Zwangsarbeiter bei der Deutschen Reichsbahn freundete er sich mit Gisela an, einer aparten Blondine, die eine Kette mit Hitlermedaillon trug. Irgendeiner verpfiff das Paar – wegen Verstoßes gegen die Nürnberger Rassegesetze. Sie hatten Glück im Unglück: Was mit der Deportation hätte enden können, zog nur die Versetzung des Mädchens zum Anhalter Bahnhof nach sich.
Selbst wenn Joachim von der Fabrik-Aktion des 27. Februar 1943 erzählt, er-
wähnt er im gleichen Atemzug die gute Gelegenheit zum »Poussieren«, zum Flirten mit den Mädchen. Damals wurden alle in Berlin verbliebenen sogenannten halbjüdischen Bewohner zusammengetrieben und in das Sammellager in der Rosenstraße 2-4 gebracht. Erst später erwähnt er die katastrophalen hygienischen Verhältnisse und den schrecklichen Hunger.
Manfred war etwa 16 Jahre alt, als er sich den Judenstern einfach abriss. Unverfroren ging der Teenager mit seinem Freund Walter Fuhrmann von der Waffen-SS ins Theater, wenn der Fronturlaub hatte. Und noch heute freut sich der ausgebildete Posaunist diebisch darüber, dass er mit seinem Trio sogar einmal vor der Hitlerjugend auftrat.
Der lausbübische Blick von damals ist ihm bis heute geblieben. Und mit dieser frischen Art reißt der 82-jährige Rentner auch Schüler in seinen Bann, denen er als Zeitzeuge im Jüdischen Museum von seinem Leben erzählt.
»Die Familie Joachim ist eine sehr be-
merkenswerte Familie, weil sich in ihr die deutsch-jüdische Geschichte in ganz vielen Facetten zeigt«, sagt Aubrey Pomerance, Archivar des Museums in der Kreuzberger Lindenstraße.
Im Jüdischen Museum werden nicht nur die Unterlagen der Familie, sondern auch Joachims Boxhandschuhe aus seiner Zeit als Profisportler aufbewahrt. Ein Teil der Erinnerungsstücke wurde bereits in einer Sonderausstellung zur jüdischen Sportbewegung im vergangenen Jahr gezeigt.
Dabei hat ihn sein Jüdischsein lange nicht beschäftigt: Nicht als Profiboxer und Musiker in Uruguay und auch nicht als Verkaufsleiter in der Drucktastenschalterfabrik von Rudolf Schadow – auf dem gleichen Gelände am Eichborndamm, an dem er zwischen 1938 und 1945 Zwangsarbeit leisten musste.
In die Gemeinde will Manfred Joachim aber nicht zurück. Das Gemeindeblatt liest er trotzdem regelmäßig – allein um be-
kannte Namen wieder zu entdecken.

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