Spuren

Die unbekannte Welt der Amelie

von Miryam Gümbel

Mit ihrem neuesten Buch »Schuhhaus Pallas. Wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte«, hat Amelie Fried die ihr über viele Jahre unbekannte Familiengeschichte ihres Vaters recherchiert und aufzuarbeiten versucht. Im Hubert-Burda-Saal der Israelitischen Kultusgemeinde München hat sie es im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum 25-jährigen Bestehen des Jugend- und Kulturzentrums vorgestellt. Im Gespräch mit ihrem Mann Peter Probst und der Leiterin des Kulturzentrums Ellen Presser kamen dabei auch die Münchner Bezüge der Familiengeschichte zur Sprache.
Ein Foto aus ihrem Buch, projiziert an die große Leinwand hinter dem Podium, zeigt ihren Großvater Franz Fried gemeinsam mit ihrer Tante Anneliese in einem Münchner Biergarten aus der Zeit um 1939/40. Es vermittelt dem unbefangenen Betrachter ein idyllisches, friedvolles Bild. Wer den Anlass für dieses Beisammensein von Vater und Tochter kennt, bekommt einen Einblick von der Gratwanderung zwischen Schein und Sein für Menschen jüdischer Herkunft unter der menschenverachtenden Herrschaft der Nazis. Franz Fried, ein in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts angesehener Bürger Ulms, hatte sein Leben nach der so genannten Reichskristallnacht damit gerettet, dass er in die Scheidung von seiner christlichen Frau Martha eingewilligt und damit indirekt der Familie den Besitz des Schuhgeschäftes Pallas zunächst erhalten hat. Er hatte sich zugleich damit einverstanden erklärt, Ulm zu verlassen und seine Auswanderung zu betreiben. Sein Weg führte ihn zunächst nach München, wo sein Bruder Max lebte. Dieser überlebte die Schoa nicht. Sein Name ist einer von vielen, die im Gang der Erinnerung zwischen Gemeindehaus und Synagoge im Gemeindezentrum der IKG München für immer den Ermordeten ein ehrendes Gedenken bewahren sollen.
Doch zurück zu Amelie Frieds Großvater Franz und dem Foto im Münchner Biergarten. Nach seiner Scheidung und der Entlassung aus dem KZ Welzheim im April 1939 geht er nach München, lebt für fünf Monate bei Julius Marx, einem jüdischem Schuhhändler, in der Corneliusstraße. Sein Bruder Max lebte damals im Färbergraben, nur wenige Minuten entfernt. Die Verbindung zur Familie in Ulm wird über die Tochter Anneliese gehalten. Die früheren Eheleute hatten selbst keinen Kontakt, um den Anschein einer zerrütteten Ehe aufrechtzuerhalten. Doch der Vater war nicht vergessen. Amelie Fried schreibt: »Annelie, inzwischen eine junge Frau von Anfang zwanzig, fährt ein oder zwei Mal monatlich mit dem Zug von Ulm nach München, um den Vater zu treffen. Als die Nahrungsmittel rationiert werden, bringt sie ihm Lebensmittelmarken, die sie und meine Großmutter sich vom Munde abgespart haben«. Die Beschreibung Amelie Frieds von den nächsten Wochen und Monaten des Lebens ihres Großvaters in München zeichnet ein beispielhaftes Bild der Situation jüdischer Menschen in München. Es geht um Auswanderungsbemühungen, um Fortbildung, wie etwa die Kochkurse in der Kochschule Schwarz, in der Emigrationswillige die Chancen auf ihre Auswanderung erhöhen wollen. »Die Rekonstruktion lokaler Geschichte schafft Anknüpfungs- und Identifikationspunkte in der Gegenwart, veranschaulicht und mahnt eindrucksvoller als das abstrakte Ganze«, hatte IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch in ihrem Grußwort zu der Veranstaltung geschrieben, aus dem Ellen Presser im Lauf des Abends immer wieder zitierte. Knobloch, der die Kindheitseindrücke jener Zeit tief eingebrannt sind, freute sich über das Buch von Amelie Fried, denn »es gewährt Einblick in jene Phase, die der Vernichtung des europäischen Judentums vorangegangen ist. Hier wird deutlich, wie aus Ausgrenzung Verfolgung wurde und aus Verfolgung schließlich Ermordung. Ich selbst habe die beginnende Entrechtung und Arisierung jüdischer Betriebe miterlebt. Ich habe gesehen, wie jüdischen Bürgern sukzessive ihre Existenzgrundlage entzogen wurde.«
Genau wie es im Einzelschicksal Amelie Frieds Großvater Franz erging. Die angestrebte Emigration misslingt. Ab Januar 1940 arbeitet er bei einem Uniformenschneider – die Arbeit in einem »kriegswichtigen Betrieb« bewahrt ihn zunächst vor dem Konzentrationslager. Ab März 1941 wird er zwangsweise zum Bau des Barackenlagers Milbertshofen verpflichtet. Vom Herbst 1942 bis März 1943 wohnt Franz Fried bei seinem Bruder Max und dessen Frau Lilli, die am 13. März 1943 deportiert werden.
Im Stadtarchiv hat Amelie Fried noch eine Reihe weiterer Adressen gefunden, die aufzeigen, wo ihr Großvater danach lebte. Er hat das Terrorregime überlebt. Nach Kriegsende kehrte er zu seiner geschiedenen Frau nach Ulm zurück und eröffnete das Schuhaus Pallas neu.
Die Großeltern lebten, so Amelie Fried, »bis zum Tod meiner Großmutter 15 Jahre später wie ein Ehepaar, allerdings ohne noch einmal zu heiraten«. Über die Kriegsjahre wurde nicht gesprochen. Und so entdeckten Amelie Fried und ihr Mann Peter Probst die Familiengeschichte erst im November 2004 eher zufällig beim Durchblättern des Gedenkbuches der Münchner Juden. Bis das Buch »Schuhhaus Pallas« fertig war, folgten Recherche und viele Begegnungen mit bis dahin unbekannten Verwandten.

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