TV-Kritik

Viel Krawall und wenig Erkenntnis: Jan Fleischhauer moderiert im ZDF den Kurzzeitknast der Meinungen

Herausforderung für Gäste und Zuschauer und Gastgeber: »Keine Talkshow - Eingesperrt mit Jan Fleischhauer« Foto: ZDF und Thomas Kost/ [M] Irek Krett

Wahrscheinlich ist die Sache so gelaufen: Da haben sie beim ZDF fasziniert auf das Durcheinander bei der ARD mit »Klar« geschaut und sich gefragt: Was können wir dagegensetzen? Eine weitere News-Show mit eiskalter Moderation für konservative Themen und Denkansätze machte keinen Sinn, die gab es ja jetzt schon. »Lasst uns doch noch ’ne Talk-Show machen«, hat dann wohl wer von hinten reingerufen - »mit ... - wie wär’s mit Jan Fleischhauer?«

Und weil das ZDF nicht die ARD ist, wo sich bis zu neun Anstalten auf etwas einigen müssen, was nicht immer gut geht und vor allem dauert, gibt es schon ab nächster Woche »Keine Talkshow - Eingesperrt mit Jan Fleischhauer«.

Aber natürlich ist es eine Talkshow, und eingesperrt ist natürlich auch niemand. Es gibt sogar zwei Türen, damit auch garantiert jede und jeder merkt, dass hier zwei krass unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen. Aber das sonstige Setting ist sehr schön nüchtern und grau-klaustrophobisch. Vom Grundmuster erinnert das Konzept stark an Kurt Krömer, aber damit das nicht so sehr auffällt, hat das ZDF in die nur halbstündige Sendung noch jede Menge »Big Brother« gemixt. Fleischhauer und seine Gäste reden also nicht nur miteinander, sondern reflektieren und kommentieren das Ganze zwischendurch auch noch immer direkt in die Kamera.

Schnelle Schnitte und Themensprünge

Weil sie beim Zweiten natürlich vor allem ein junges Publikum erreichen wollen - ausgerechnet mit diesem Moderator - ist das dann so schnell zusammengeschnitten, dass sich Fleischhauer mit seinen eigenen Sätzen manchmal selbst überholt. Und damit bei diesem rasanten Tempo auch garantiert kein Aspekt vertieft werden kann, senken sich - »Kitchen Impossible« lässt grüßen - auch noch in loser, aber leider häufiger Folge Boxen von der Studiodecke in Fleischhauers Kurzzeitknast. In denen sind dann symbolische Gegenstände für den nächsten Themensprung.

Also gibt es für Reyhan »Lady Bitch Ray« Sahin - Thema der ersten Sendung ist natürlich Integration - einen Bikini. So von wegen Bekleidung und Schwimmunterricht und Kopftuch-Diskussion. »Fleischhauer ist für mich der Inbegriff des alten weißen Mannes«, sagt Sahin ziemlich am Anfang in die »Big-Brother«-Kamera, und damit sie sich auch richtig schön provoziert fühlt, hängt ein Erdogan-Porträt an der Wand. Es geht aber hauptsächlich um Schule und vor allem kleine Migrantenjungs, die kein Deutsch (lernen?) können. Weshalb der Rest des Settings wie eine Zwergschule aus den 1950er Jahren ganz rührend mit alter Schulbank und grüner Tafel dekoriert ist und man jeden Moment damit rechnet, dass gleich Heinrich Lübke zur Tür reinkommt.

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Auf ungefähr diesem Reflexionsniveau mäandert Jan Fleischhauer dann auch um den heißen Brei herum und kommt bei jeder zweiten Frage mit einem anekdotischen Beweis aus dem wahren Leben. Also seinem. Das ist dann wieder höchst öffentlich-rechtlich, wo ja der eigene Tanzbereich der in der Redaktion beschäftigten Mittelschichtler ebenfalls viel zu oft der Dreh-, Angel- und Referenzpunkt für alles ist. Also, an der jüdischen Schule in München, wo Fleischhauers Kinder hingehen, können alle Deutsch und »schaffen das Abitur«, auch die »Deutschchinesen und Deutschjapaner«, wie er betont.

Abgang durch getrennte Türen

Sahin, die schon vor über zehn Jahren über »Die Bedeutung des muslimischen Kopftuchs in Deutschland« promoviert hat, sitzt derweil da, findet das alles cringe und meint gegen Ende, dass Fleischhauer »den Rassisten in die Hände spielt«. Der sagt mit gewohnt lässiger Hybris: »Ich glaube, dass ich absolut die Mehrheitsmeinung in Deutschland vertrete.« Der Erkenntnisgewinn geht mittlerweile gegen Null und beide durch die sich gegenüberliegenden Türen hinaus. »Deine Tür, meine Tür - wie bei den Islamisten«, gluckst Fleischhauer noch, und dann ist Schluss.

Folge zwei läuft ganz ähnlich ab. Zu Gast ist der Polit-Influencer Simon David Dressler; es geht um die Wehrpflicht und die Bereitschaft, fürs Vaterland zu sterben. Also atmet das Setting für den Wehrdienstverweigerer Fleischhauer (Jahrgang 1962, würde so oder so nicht mehr gezogen) und den »progressiven Populisten« Dressler (würde nach eigener Einschätzung wegen eines körperlichen Leidens ausgemustert) Kasernencharme mit Doppelstockbett und Original-»Bundeseigentum«-Wolldecke.

Fleischhauer möchte aufrüsten, damit es wie damals in den seligen Abschreckungszeiten keinen Krieg gibt. Worauf der gern als »Linksfluencer« apostrophierte Dressler ihm vorwirft, »er ignoriert das Endgame von dem, was er fordert« und auf den Chef des Reservistenverbands verweist. Der habe ja gesagt, dass es für einen modernen »Abnutzungskrieg« schon ein paar Hunderttausend Menschen als Kanonenfutter brauche. Das finden dann beide, Dressler wie Fleischhauer, irgendwie doof.

Plötzlich geht wieder die Sirene und das rote Licht blinkt, Abgang durch getrennte Türen; auch als Zuschauer fühlt man sich irgendwie - befreit. Es ist ein gutes Gefühl.

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