Bill Goldberg

Der Koloss

von Elke Wittich

Für die meisten Deutschen besteht Wrestling im Großen und Ganzen aus Hulk Hogan, auch wenn der blonde Riese schon lange nicht mehr aktiv ist. Der Mann, der hierzulande so populär ist, dass MTV-Deutschland die amerikanische Reality-Soap über das Leben der Familie Hogan übernahm, war allerdings nicht der beste Wrestler seiner Zeit – 1998 musste er sich im Kampf um den Weltmeistertitel im Schwergewicht gegen seinen Konkurrenten Bill Goldberg geschlagen geben. Der ehemalige Profi-Footballer Goldberg war zu diesem Zeitpunkt der populärste jüdische Sportler der USA, auch wenn Wrestling selbst in Amerika nicht von jedem als richtige Sportart angesehen wird. »Ob Goldberg Hogan wirklich im Wortsinn besiegt hat, hängt wohl in erster Linie von der Gutgläubigkeit und dem Alter des Betrachters ab«, kommentierte die Zeitung Jewish News Weekly damals, und fuhr fort: »Wie Dorothy im Zauberer von Oz muss man schon daran glauben wollen.« Denn die Wrestling-Shows hätten mit Sport und Wettkampf ungefähr genauso viel zu tun wie »ein Fechtkampf in einem Stück von Shakespeare«.
Goldberg selber bezeichnete sich und seine Wrestling-Kollegen als »hoch bezahlte Choreografen, die keine Fakes veranstalten. Wir schauspielern nur ein bisschen, aber gleichzeitig ist das, was wir tun, mindestens genauso gefährlich, wie es aussieht«. Wrestling lebt von den Fehden zwischen verschiedenen Akteuren, die im Ring ausgetragen werden. Martialisch angekündigt und kommentiert, begeistern sie das Publikum. Natürlich seien diese Rivalitäten übertrieben, gab Goldberg einmal zu, aber gleichzeitig seien sie »so real, wie sie nur sein können«. Dies vermutlich deswegen, weil die Kämpfer hochtrainierte Sportler sind, die wie alle Athleten lieber gewinnen als verlieren, zumal spektakuläre Siege den eigenen Marktwert erhö- hen. Selbst abgesprochene, choreografierte Kämpfe bergen ein hohes Verletzungsrisiko. Goldbergs Frau Wanda Ferraton beklagte einmal, ihr Mann habe in seiner gesamten Zeit als Football-Profi nicht annähernd so schwere Blessuren erlitten wie während seiner Wrestling-Karriere.
Bill Goldberg, geboren am 27. Dezember 1966, wuchs in Tulsa auf, in einem Elternhaus, das mit Wrestling ganz und gar nichts zu tun hatte. Mutter Ethel war Konzert-Violinistin und Pflanzenliebhaberin, die sogar eine eigene Orchidee namens Goldberg züchtete. Sein Vater Jed hatte in Harvard studiert und war Gynäkologe. Körperlich nach seinem Großvater geraten und »schon bei seiner Bar Mitzwa der größte der Jungs«, wie Rabbiner Charles Sherman sich später erinnerte, hatte Bill bald die perfekte Football-Jugendspieler-Statur. Als er 1985 das College verließ, rissen sich die Universitäten um das Jungtalent. An der University of Georgia spielte er drei Jahre in Folge in der Startelf – und machte gleichzeitig seinen Abschluss in Psychologie.
Dann geriet die professionelle Football-Karriere allerdings zum Fiasko: Mit 132 Kilogramm hatte Goldberg einfach nicht die für einen Verteidiger in der National Football League (NFL) nötige Masse. 1990 wurde er zwar von den Los Angeles Rams verpflichtet, machte jedoch kein einziges Spiel für das Team. Nach zwei Jahren auf der Ersatzbank wechselte Goldberg zu den Atlanta Falcons, wo er nur wenig erfolgreicher war. Nach einer Verletzung im Bauchraum beendete er sein Leben als Footballprofi und wurde Trainer in einem Fitness- center in Atlanta.
Zufällig traf Goldberg dort einige Wrestler, die ihn überredeten, in »The Power Plant«, dem Trainingsstudio des Wrestlingverbandes WCW, vorbeizuschauen. Der ehemalige Footballspieler erwies sich rasch als Talent, schon bald gehörte er in der in gute und böse Kämpfer aufgeteilten Welt des Wrestlings zu den »Good Guys« und durfte regelmäßig bei den im Kabelfernsehen live ausgestrahlten, enorme Einschaltquoten erreichenden Montags-Kämpfen antreten. Goldberg versäumte in seiner gesamten Karriere nur eine Show: als Rosh Haschana auf einen Montag fiel. Ansonsten bezeichnete er sich einmal als »so unreligiös, dass es schon fast nicht mehr feierlich ist«. Er sei allerdings immer sehr stolz darauf gewesen, Jude zu sein, fügte er hinzu, »und stolz auf unsere Traditionen«. Und auf seinen Nachnamen, der ihm zu Beginn seiner Wrestlingkarriere allerdings zu wenig furchteinflößend erschienen war. Damals habe er ernsthaft ganz kurz darüber nachgedacht, unter dem Künstlernamen »Mossad« in den Ring zu steigen, erinnert sich Goldberg lachend.
Er sei in seiner gesamten aktiven Zeit niemals angepöbelt worden, weil er Jude war, betonte der Show-Ringer nach seinem Karriereende gegenüber dem San Diego Jewish Journal. Als er zum ersten Mal bei einer Show in den Südstaaten auftrat, habe er »zwar gedacht, dass dort ein Lynchmob auf mich warten könnte, aber das waren nur dumme Vorurteile von mir – die dortigen Fans empfingen mich begeistert, manche hatten extra Plakate mit dem Davidstern darauf gemalt«.
Und so waren israelische Fahnen bei den Kämpfen des manchmal als »Hebrew Hulk« bezeichneten Sportlers bald ein gewohnter Anblick. Auch für viele jüdische Kids galt er als Idol, weil er, wie sich mittlerweile Erwachsene erinnern, zeigte, »dass man jüdisch und cool sein kann«. Goldberg selber drückte es einmal so aus: »Ich empfinde es als einen Segen, dass ich ein Vorbild für so viele jüdische Kinder und Jugendliche sein konnte, die sonst keinen jüdischen Sportstar hatten, zu dem sie aufblicken konnten.« Er sei »nicht der einzige jüdische Wrestler« gewesen, gibt Goldberg bereitwillig zu, »nur der erfolgreichste«. Seine Beliebtheit beim Publikum führt er noch heute darauf zurück, dass er »nach Veranstaltungsende so problemlos vom aggressiven Kämpfer zum freundlichen, bereitwillig Autogramme schreibenden Star umschalten konnte«.
Die Sportart Wrestling muss seit 2004 ohne ihn auskommen, aber nicht ohne jüdische Kämpfer. Mittlerweile wurde eine eigene Jewish Wrestling Federation gegründet, die schon einige Sportler unter Vertrag hat. Goldberg kommentiert noch hin und wieder Kämpfe, widmet sich aber hauptsächlich seinen zahlreichen anderen Interessen. An der Seite von Adam Sandler, der einmal über ihn sagte, er habe mit seinem Wrestling mehr für das Judentum getan als er selbst mit seinem Chanukka-Song, spielte er 2004 im Film »The Longest Yard« mit und hatte in der Folge Gastauftritte in Serien wie »Desperate Housewives« und »Law & Order«. Zudem engagiert er sich im sozialen Bereich und im Tierschutz. Ein Star zu sein, sagte Goldberg einmal, »führt dazu, dass man ein Vorbild wird, und als Vorbild hat man Verantwortung. Ich nehme diese Verantwortung mit offenen Armen an«.

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