Lala Süsskind

Das erste Mal

von Olaf Glöckner

Viele Stühle blieben leer bei der Gemeindeversammlung am vergangenen Sonntag: Tapfer lächelten Vorstandsmitglieder und Dezernenten in den nur zu einem Drittel gefüllten Saal der Fasanenstraße. Dessen ungeachtet ergriff Ilan Mor, der Gesandte des Staates Israel, das Wort. Der Diplomat hatte die schwierige Aufgabe, in 20 Minuten Ziele und Bilanz der israelischen Gasa-Offensive und mögliche Szenarien »für da-
nach« zu erhellen. In Anbetracht des gerade eingetretenen Waffenstillstandes kons-tatierte der Gesandte, dass die Infrastruktur der Hamas im Gasastreifen »fast voll-
ständig zerstört« sei. Dies lasse berechtigte Hoffnung zu, dass die Bevölkerung in Südisrael künftig wieder in Ruhe leben könne . »Wir werden zusammen mit Ägypten, Eu-
ropa und den USA einen humanitären Plan für den Wiederaufbau in Gasa entwi-ckeln«, sagte Mor. Israel brauche die Unterstützung der Diaspora dringlicher denn je, sei es durch Spenden, Solidaritätsveranstaltungen oder Besuche vor Ort. Michael Joachim, der Vorsitzende der Repräsentantenversammlung, versicherte, dass Berlins Gemeinde zu jeder Zeit hinter Israel und seinen Bürgern steht.
Dann ein »fliegender Wechsel« von Nahost in die Hauptstadtgemeinde. Deren Vorsitzende Lala Süsskind bedankte sich bei allen Ehrenamtlichen und festen Mitarbeitern, »durch die wir als Vorstand und Re-
präsentantenversammlung einen guten Start hatten«. Sie lobte den neuen Internetauftritt der Gemeinde, die Einrichtung eines Treffpunktes für Gemeindemitglieder mit Behinderungen, deutlich verbesserte Wohnbedingungen im Senioren- und Pflegeheim und die Gründung des »Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus«.
Auch bei der religiösen Integrationsarbeit sieht Lala Süsskind große Fortschritte, was viel mit dem außerordentlichen Engagement von Rabbinerin Gesa Ederberg, Rabbiner Reuven Yaacobov und Rabbiner Yitshak Ehrenberg zu tun habe. Erwartungsgemäß kam auch das Thema »Haushaltseinsparungen« auf den Tisch. Finanzdezernent Jochen Palenker verwies noch einmal darauf, dass ein Defizit von über 15 Millionen Euro vorhanden sei, das es in den kommenden Jahren systematisch abzuarbeiten gelte. »Wir versuchen zuerst, die Sachkosten zu senken, um so die Belastung von Mitgliedern und Mitarbeitern auf das unabweisbar Notwendige zu begrenzen«, erläuterte Palenker. Ziel des Vorstandes sei es, bis zum Jahre 2011 »einen in etwa ausgeglichenen Haushalt herzustellen«.
Beim Thema Finanzen setzte die zweistündige Fragerunde ein. Ex-Kulturdezernent Moishe Waks erkundigte sich, wie der neue Vorstand mit noch immer auflaufenden Prozesskosten von Mitgliedern des alten Vorstandes umgehe. Jochen Palenker erklärte, dass nur die Kosten derjenigen einstigen Vorstandsmitglieder erstattet würden, gegen die sich juristische Vorwürfe als haltlos erwiesen hätten. Pädagogin Raissa Kruk schlug vor, einen Härtefonds für bedürftige Gemeindemitglieder einzurichten, die die Kaschrut einzuhalten versuchten, denen oft aber das Geld für koschere Lebensmittel fehle.
Hans-Joachim Will, Gabbai der Synagoge Pestalozzistraße, sprach von einer spürbar verbesserten Zusammenarbeit mit verschiedensten Abteilungen der Gemeinde-
verwaltung – mit Ausnahme der IT-Abteilung. »Wir sitzen noch immer auf einer nicht funktionierenden Telefonanlage.« Verwaltungsdezernent Mark Jaffé sagte ei-
ne Lösung des Problems »innerhalb der nächsten drei bis vier Wochen« zu. Der Vorstand hofft zudem, dass in den nächs-ten zwei bis drei Wochen auch über die Einstellung eines liberalen Rabbiners entschieden werden kann. »Für uns ist die Präsenz eines Rabbiners schon ein ganz exis-tenzielles Problem«, mahnte dann auch eine Beterin aus der Rykestraße eindringlich an.
Mit leidenschaftlichem Ton forderten einige russischsprachige Beter die Gewährung von Bausanierungskosten für die se-
fardische Synagoge in der Passauer Straße. In seiner Antwort warb Finanzdezernent Jochen Palenker bewusst um etwas Geduld, da für die Synagoge ein neuer Standort gesucht werde: »In der Zwischenzeit macht es wenig Sinn, Geld zu investieren.«
Viel Anerkennung und Zuspruch am Ende für einen Vorstand, der, so der Gemeindeälteste Isaak Behar, »sich vorgenommen hat, einen ganz Berg von Sünden vergangener Zeiten abzutragen«.
Sorge und Betroffenheit aber auch über neue antijüdische und antiisraelische Tendenzen auf der Straße, an Universitäten und Schulen. »Das betrifft uns dann alle«, so der Gemeindebeauftragte für die Bekämpfung des Antisemitis, Levi Salomon. »Wenn wir offene Hassausbrüche gegen Israel erleben, dann ist noch mehr Solidarität von uns als Gemeindemitgliedern gefordert.« Sicherheitsdezernent Ilan Ben-Schalom versicherte seinerseits: »Was bei antiisraelischen Kund-
gebungen und Demonstrationen ge-
schieht, beobachten wir sehr genau. Die Zusammenarbeit mit den Berliner Sicherheitsbehörden ist sehr eng.«

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