Anti-Israelismus

Blau-Gelb gegen Blau-Weiß

von Katharina Schmidt-Hirschfelder

Briefe ohne Absender wandern bei Lisa Abramowicz prinzipiell in den Müll. Auch im Telefonbuch sucht man ihren Namen vergeblich. Die Chefin der Schwedischen Israel-Information hat sich längst an die Sicherheitsvorkehrungen gewöhnt. Vor ihrem Souterrain-Büro im gediegenen Stockholmer Stadtviertel Östermalm deutet nichts auf eine jüdische Ein- richtung hin. Kein Klingelschild, kein Name an der Tür. Unauffälligkeit als Schutz. Lisa Abramowicz wirkt desillusionierter als noch vor ein paar Jahren. Und erschöpft. Kein Wunder: Seit dem Gasakrieg hat sie täglich Interviews gegeben. »Es ist beinahe hoffnungslos«, sagt die 58-Jährige enttäuscht. Gegen das Geflecht aus anti-israelischem Klima, Unwissen und Ignoranz komme man nur schwer an. Dass die Diskussionen oftmals bereits nach wenigen Minuten in antisemitische Abgründe entgleiten, ist selbst der routinierten Öffentlichkeitsarbeiterin zu viel.
»Die Medien picken sich das heraus, was ins Bild passt. Israel wird dämonisiert. Unbequeme Fragen, wie die nach der rassistischen Agenda der Hamas, werden nicht einmal gestellt.« Die traditionell einseitige Berichterstattung in Schweden trage so zu einem »gefährlichen Cocktail aus mangelndem Geschichtsbewuss- tsein, linkem Populismus und latenten antisemitischen Ressentiments« bei, sagt Abramowicz. Israel-Kritik werde oftmals völlig aus dem Kontext gerissen. Die Fixierung der Öffentlichkeit auf ein einziges Land, Israel, sei bedenklich. »Für Menschenrechte im Iran oder Kongo geht hier nicht einmal eine Handvoll Leute auf die Straße. Gegen Israel sind es Zehntausende! Wo bleiben da die Proportionen?« Sympathie für Israel zu zeigen, sei lebensgefährlich geworden.
Das bekamen in den vergangenen Wochen vor allem Malmöer Juden zu spüren, nachdem ihre genehmigte Demonstration nicht nur von arabischen Gegendemonstranten attackiert, sondern anschließend von der Polizei beendet wurde. Plakate mit Slogans wie »Für Meinungsfreiheit« und »Gegen Rassismus« gingen nach ein paar Minuten in Flammen auf. Im Januar wurden sogar Brandsätze gegen Synagogen in Helsingborg und Malmö geschleudert. »Machen wir uns nichts vor: Alle wissen Bescheid, die Polizei, die Politiker. Aber sie haben keine Idee, wie sie damit umgehen sollen«, erklärt Jackie Jakubowski das Phänomen des Schweigens und Nachgebens. Der Chefredakteur der jüdischen Kulturzeitschrift »Judisk Krönika« beobachtet die zunehmende Gewaltbereitschaft unter der muslimischen Minderheit in Schweden mit wachsender Besorgnis. »Was Politiker und die Öffentlichkeit nicht verstehen, ist, dass es mit den Juden beginnt, aber nie mit ihnen aufhört«, warnt er.
War es beispielsweise in den achtziger Jahren noch undenkbar, den Davidstern als Hakenkreuz zu karikieren, so sind nach Auffassung von Jakubowski die Grenzen zwischen Antizionismus und Antisemitismus längst ausgehebelt. Der Journalist, der 1968 aus Polen nach Schweden kam, erinnert sich noch gut an den Grund für seine Emigration. »Antisemitismus, ganz klar. Allerdings ein staatlich gesteuerter. Davon ist Schweden zum Glück weit entfernt«, betont der Journalist. Eine Parallele gäbe es aber doch: Israels Politik als Vorwand für judenfeindliche Ressentiments. »Damals war es der Sechstagekrieg, heute ist es Gasa. In Schweden hat es nur länger gedauert, bis die Tabus aufgeweicht wurden.«
Das Ende der Tabus? Schweden sei nicht antisemitischer als andere Länder, betont Lisa Abramowicz. Doch gelte es heute als politisch korrekt, »gegen Israel« zu sein. »Dieser Hass, diese Undifferenziertheit. Unsere Zeitungen sind die reinste Prawda«, ereifert sie sich und senkt sofort wieder ihre Stimme, als wolle sie ver- hindern, dass ungebetene Zuhörer ihre Zornesattacke mitbekommen.
Dass viele Schweden ihre antisemitischen Vorurteile mit Kritik am Staat Israel vermischen, hat Tradition im Musterland der Sozialdemokratie. Schon der legendäre Ministerpräsident Olof Palme bezog Ende der sechziger Jahre eindeutig Stellung für die Palästinenser und machte kaum kaschierten Antizionismus zum Leitmotiv schwedischer Nahostpolitik. An dieser Tradition sozialdemokratischer und linker Politik scheint sich auch die bürgerliche Mitte-Rechts-Regierung nicht zu stören. Zwar sandte sie medienwirksam ihren Außenminister Carl Bildt nach Gasa. Für die Dosen mit der Aufschrift »Zyklon B« vor dem jüdischen Friedhof in Malmö interessierte sich jedoch niemand. Immerhin sind Schwedens rund 20.000 Juden offiziell als Minorität anerkannt. Dass antisemitische Ausschreitungen weitgehend ohne Protest bleiben, macht Lisa Abramowicz deshalb fassungslos. »Unsere Gesellschaft ist bei Weitem nicht so frei und offen, wie die meisten gern glauben wollen«, sagt die Chefin der Schwedischen Israel-Information.
Zu diesem Schluss kamen vor wenigen Tagen auch zwei Autoren der Jerusalem Post, Harold Brackman und Abraham Cooper vom Simon-Wiesenthal-Zentrum. In ihrem Artikel werfen sie Schweden »antiisraelische Apartheidpolitik« vor. Anlass war die Entscheidung Malmöer Kommunalpolitiker, das Davis-Cup-Spiel zwischen Israel und Schweden vor leeren Zuschauerrängen austragen zu lassen. Bei dem Entschluss dürfte der hohe Anteil der muslimischen Bevölkerung in Schwedens drittgrößter Stadt, 25 Prozent, eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben. Die Muslime sind ein Wählerpotenzial, das niemand vergrätzen will. Statt jedoch verstärkt auf Integration und Dialog zu setzen, gäben Schwedens Politiker antidemokratischen Tendenzen nach, deren Folgen sie nicht absehen könnten. Die Autoren sehen »handfeste Beweise, dass das öffentliche Leben in Schweden durch Vorurteile vergiftet« sei.
Harter Tobak. Sogar Lena Posner-Körösi, die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Schweden, hält die Vorwürfe für »übertrieben«. Die Lage sei zwar »sehr ernst«, vor allem der »offene Hass und die Gewalt gegenüber Juden«. Aber alle Schweden über einen Kamm zu scheren, lehnt die Zentralratschefin ab. Dennoch sieht sie einen klaren Zusammenhang zwischen Schwedens Neutralitätsverständnis und dem daraus resultierenden Selbstbild. »Das Land war nicht im Krieg. Sich aus Konflikten herauszuhalten, keine Stellung zu beziehen, hat Tradition.« Das damit verbundene Recht, sich auf die Seite der vermeintlich Schwachen zu stellen, sei für viele Schweden selbstverständlich. Und viele hätten eben die Palästinenser als »die Schwachen« ausgemacht. Dass es auch unter Einwanderern und Linken Rassisten gäbe, sei im schwedischen Bewusstsein noch nicht angekommen.
Probleme, mit denen sich erstmals Göran Persson auseinandersetzte. Während seiner Amtszeit von 1996 bis 2006 läutete der sozialdemokratische Ministerpräsident einen Paradigmenwechsel ein. Er initiierte nicht nur Einrichtungen zur Erforschung von Antisemitismus, wie das »Forum für lebendige Geschichte« und die jüdische Hochschule »Paideia«. Auch das jahrzehntelang unhinterfragte historische Erbe, wie etwa die offizielle Neutralität im Zweiten Weltkrieg, begann unter seiner Ägide nachhaltig zu bröckeln.
Inzwischen ist es längst kein Geheimnis mehr, dass das neutrale Land auf allen Ebenen einen regen Austausch mit Nazideutschland pflegte. Schweden war es, das vorschlug, Pässe deutscher Juden mit einem »J« zu kennzeichnen. Auf diese Weise wollte man jüdische Flüchtlinge an der Einreise hindern. Gerade Juden wurden in Schweden lange Zeit als Bedrohung der »samhälle«, der Gemeinschaft, angesehen. Diese Haltung änderte man erst, als sich die Niederlage Nazideutschlands abzeichnete.
Dass Persson sich als erster schwedischer Politiker überhaupt zu einer nationalen Verantwortung bekannte, nehmen ihm Parteigenossen und Landsleute bis heute übel. Vor allem, weil sie mit Schuldgefühlen einherging, die so gar nicht zum neutralen Selbstbild passten. Besonders seine Israel-Reise – nach Jahrzehnten besuchte erstmals ein schwedischer Premier Yad Vashem – kritisieren bis heute viele Schweden über alle Parteigrenzen hinweg als »einseitig« und »falsch«.
Da ist die Haltung von Perssons Nachfolgerin, der sozialdemokratischen Parteichefin Mona Sahlin, schon eher nach dem Geschmack der Parteibasis. Sahlin, die nach den nächsten Parlamentswahlen 2010 eine rot-rot-grüne Koalition anstrebt, hat gute Chancen, Schwedens nächste Ministerpräsidentin zu werden. Dass sich ihr potenzieller Koalitionspartner Lars Ohly von der Linkspartei offen zu seinem antisemitischen Lieblingsblogg bekennt, scheint für Sahlin kein Problem zu sein.
»Feige und opportunistisch« nennt Chefredakteur Jackie Jakubowski das medienwirksame Auftreten der Sozialdemokratin. »Am 27. Januar, dem offiziellen Holocaust-Gedenktag, saß sie noch in der Großen Synagoge, nur um zwei Monate später auf einer Anti-Israel-Demo neben der Hamasflagge zu marschieren.« Jakubowski bezweifelt jedoch, dass die Parteichefin überhaupt einen Zusammenhang sieht. »Ob in Malmö oder in Stockholm – Schweden hat keinen Plan, wie es mit Extremisten umgehen soll. Das kommt in der Minoritätenpolitik einfach nicht vor. Und die Extremisten sehen, dass ihr Verhalten keine Konsequenzen hat.«
Auf der Internetplattform YouTube zeigt Jakubowski ein Video aus Malmö, in dem auf Arabisch der Ruf »Tötet Juden« zu hören ist. »Das hat es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gegeben. Dennoch klopfen Politiker und Intellektuelle einander wohlfeil auf die Schultern und reden immer noch von Multikulturalität.« Lisa Abramowicz fordert deshalb die konsequente Einhaltung der schwedischen Gesetze. Als eine Art »moralischer Kompass«. Für radikale muslimische Fundamentalisten dürfe es da keine Ausnahmen geben.
Schweden muss schleunigst sein Demokratieproblem in den Griff bekommen und lernen, sich den Konflikten zu stellen, die die Einwanderung der muslimischen Bevölkerung mit sich bringt – davon ist auch Lena Posner-Körösi überzeugt. »Sollte das nicht gelingen, dann fürchte ich ein Blutbad«, warnt die Zentralratschefin. Auch Lisa Abramowicz ist skeptisch, wenn es um die Zukunft geht. »Wer weiß, ob meine Enkel auch in 50 Jahren noch hier leben werden«, sagt sie. »Ich jedenfalls fühle mich als Jüdin in Schweden nicht mehr sicher.«

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