Gedenken

Achtung, Vorzeichen!

von Miryam Gümbel

Mit dem Psalm 130 »Aus der Tiefe rufen wir zu Dir« wurde 69 Jahre nach der so-genannten Reichskristallnacht die Gedenkfeier für die Opfer der Schoa in München begonnen – in der Ohel Jakob-Synagoge, mit der die jüdische Gemeinschaft Münchens seit einem Jahr wieder ihren Platz im Zentrum der Stadt bekommen hat.
Am Gedenkstein am Platz der zerstörten Synagoge hatten sich bereits am Nachmittag viele Menschen zum Gedenken getroffen. 31 Jugendliche hatten Namen der Münchner Opfer vorgetragen. Hinter dieser Initiative steht die Arbeitsgruppe 9. November, in der sich engagierte jüdische und nichtjüdische Münchner diesem Thema widmen. Bereits seit neun Jahren arbeiten in dieser Gruppe unter anderen Anne-Barb Hertkorn, Sprecherin der Regionalgruppe Gegen Vergessen – Für Demokratie, der Historiker Andreas Heusler vom Münchner Stadtarchiv, Charlotte Knobloch, Helga König, eine ehrenamtlich für den jüdisch-christlichen Dialog engagierte Münchnerin, Ellen Presser, Leiterin des Kulturzentrums der IKG, und der Vorsitzende der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Abi Pitum.
Angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen waren die anschließenden Gedenkreden in der Synagoge stark geprägt nicht nur von der Erinnerung, sondern auch von der Mahnung zum Nie-wieder. Vor 69 Jahren ging von München Terror aus. Mit einer antisemitischen Hetzrede im alten Rathaussaal gab Joseph Goebbels das Startsignal für die Pogrome. »Überall in Deutschland wurden Menschen verhaftet, weil sie Juden waren. Synagogen wurden zerstört, weil es jüdische Gotteshäuser waren. Friedhöfe wurden geschändet, weil dort Juden ihre letzte Ruhestätte fanden. Geschäfte wurden geplündert, weil ihre Inhaber jüdisch waren«, sagte Charlotte Knobloch. »Ihnen, den Toten, zu Ehren und uns, den Lebenden, zur Mahnung haben wir uns heute hier versammelt. Wir wollen daran erinnern, dass jeder Mensch Würde besitzt, deren Unantastbarkeit es zu bewahren und zu verteidigen gilt. Und wir wollen zeigen, dass wir bereit und willens sind, den Feinden der Demokratie die Stirn zu bieten.« In der Anwesenheit auch vieler nicht-jüdischer Münchner sah sie ein Zeichen der Solidarität und ein Signal gegen braune Umtriebe. Ihr ausdrücklicher Dank galt Oberbürgermeister Christian Ude und der Stadt, »die sich ihrer besonderen Verantwortung vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte stets bewusst ist und mit großem Engagement zum Leitmotiv ihrer Kommunalpolitik gemacht hat«. Auch Ude mahnte, dass brauner Ungeist »nie mehr eine Chance in unserer Stadt haben dürfe.« Mit Blick auf die anstehenden Kommunalwahlen appellierte er an die Bürger, genau hinzusehen, wer sich hinter welchen Gruppierungen verberge. Die extremen Rechten träten längst nicht mehr laut auf, sondern stünden zum Teil hinter Initiativen, die auf den ersten Blick den Bürgern nur zu deren Recht verhelfen wollten und besonders die Menschen ansprächen, die sich in einer multikulturellen Stadt benachteiligt fühlten.
Mit dem Wecken von Emotionen hatten vor 70 Jahren die Nationalsozialisten die Stimmung vorbereitet, die dem 9. November 1938 den Weg ebnete. Wolfgang Benz, Historiker und Experte auf dem Gebiet der NS-Geschichte, verdeutlichte dies in seinem Vortrag. »Eine Erinnerungskultur, die den Anspruch hat, sich für die Herausforderungen der Gegenwart zu wappnen, braucht den historischen Diskurs«, hatte Charlotte Knobloch die Bedeutung seiner Arbeit gewürdigt. Die historische Erkenntis sei nötig, um zu wissen was geschah, sagte Benz in seinem Vortrag.
Die Ausstellung »Der ewige Jude«, die am 8. November 1937 im Bibliotheksbau des Deutschen Museums eröffnet worden war, sei als »Schule des Hasses« ein Riesenerfolg gewesen. Als Plakat wurde das Zerrbild eines bärtigen Judens gezeigt, ausgestattet mit den Attributen des Wucherers, einer Geißel und einer Weltkarte des Bolschewismus. Dieses Plakat gab es auch als Postkarte und Cover der Begleitpublikation. Schon so eingestimmt auf negative Assoziationen tat die Presse das Übrige, um auf die Propagandaschau im Sinne der Macher einzustimmen, etwa mit Sätzen wie, dass »die nackte Wahrheit der Judenfrage herausgestellt werde. Die Eröffnung der Ausstellung, so Benz, «war eine politische Demonstration, zugleich der Auftakt des jährlichen Parteirituals zur Erinnerung an den Hitlerputsch 1923. In der Begleitung Hitlers war Reichspropagandaminister Joseph Goebbels am Morgen in München angekommen und gleich ins Deutsche Museum geeilt.» Als die Ausstellung nach knapp drei Monaten schloss, waren 412.300 Besucher gezählt worden. Ähnliche Erfolge hatte sie anschließend in Wien, Berlin, Bremen, Dresden und Magdeburg. «Die Saat», so Benz, «war längst aufgegangen.» Und weiter: «In der Pogromnacht entlud sich überall in Deutschland, wozu mit Mitteln primitiver Propaganda erfolgreich angestiftet worden war: brachiale Gewalt gegen die jüdische Minderheit.»
1940 folgte der Film «Der ewige Jude», der die Pogromstimmung am Leben halten sollte. «Der Mord an sechs Millionen Menschen», resümierte Benz, «war sorgfältig vorbereitet. Die Ausstellung, die am 8. November 1937 in München bejubelt wurde, war ein wichtiger Beitrag zum Völkermord.» Mit dem El mole rachanim beendete Rabbiner Steven Langnas die Gedenkfeier.

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