Rock

50 Jahre Kiss

Foto: imago

Nur etwa zehn Leute haben sich im Popcorn Pub im New Yorker Stadtteil Queens eingefunden, als dort am 30. Januar 1973 vier Männer mit ein wenig Make-up im Gesicht die kleine Bühne betreten.

Sie nennen sich Kiss und spielen an diesem Abend ihr erstes Konzert. Dass Paul Stanley, Gene Simmons, Ace Frehley und Peter Criss bald darauf mit Hymnen wie »Rock And Roll All Nite«, »Detroit Rock City« und »Shout It Loud« Rockgeschichte schreiben werden, ahnt an diesem Abend niemand.

Kiss-Bassist und Sänger Gene Simmons (73) erinnert sich an das spärliche Publikum. »Meine damalige Freundin war da, ein Mädchen names Jan, eine Freundin von ihr, die was mit Paul hatte, Peters damalige Frau Lydia und noch ein paar Freunde«, erzählt er im Zoom-Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur in London.

Grossartig Den Gig hat er vorher selbst am Telefon eingefädelt, als die Band noch gar nicht Kiss hieß, sondern Wicked Lester. »Wir hatten gerade unseren ersten Manager gefeuert, also war ich quasi der Manager«, so Simmons. »Ich erinnere mich daran, dass ich dem Manager gesagt habe, er soll uns engagieren, weil wir großartig sind. Und ich erinnere mich, dass ich für die ganze Band 35 Dollar für die erste Show rausgehandelt habe.« Ganz genau erinnert sich Simmons womöglich nicht mehr. In der Vergangenheit sprach er auch mal von 50 Dollar für den Gig. Jedenfalls wenig Geld für die heutigen Hardrock-Millionäre.

Dass der Popcorn Pub - manchmal auch Popcorn Club genannt - ziemlich leer war, stört die Musiker damals angeblich nicht. »Wir waren so begeistert, dass wir diese Songs spielen konnten, die wir geschrieben hatten - «Deuce», «Strutter», «Black Diamond» und all diese Lieder«, sagt Simmons. Alle drei landen ein Jahr später auf dem ersten Kiss-Album und gelten heute als Klassiker, die die US-Rocker regelmäßig bei ihren Konzerten spielen.

Bettelarm »Es ist komisch, denn nach all dieser Zeit glaube ich nicht, dass Paul oder ich heute noch solche simplen, geradlinigen Riff-Songs schreiben könnten«, sagt Simmons heute, »denn damals war alles so unschuldig. Man hat nicht drüber nachgedacht. Wir hatten nichts zu verlieren, weil wir ja bettelarm waren. Wenn man eh kein Geld verdient, kann man wenigstens tun, was man liebt.«

»Nur anderthalb Jahre nach der Bandgründung haben wir in Kalifornien im Anaheim-Stadion gespielt, ohne Hitalbum, ohne Videos, ohne alles.«

Gene Simmons

Der Club, der bald in The Coventry umbenannt wird, bleibt bei weiteren Auftritten nicht leer. »Als wir das erste Mal dort gespielt haben, war niemand da«, erinnert sich Kiss-Sänger und Gitarrist Paul Stanley (71) im Programmheft der laufenden Tournee. »Als wir das letzte Mal dort gespielt haben, kam man kaum noch zur Tür herein.«

Superhelden Hatten sich Kiss mit ihrem Make-up anfangs noch an der Band New York Dolls orientiert, entwickeln sie bald die ikonische, fantasievolle Bemalung mit Superhelden-Identität. Stanley ist »Starchild«, Simmons »The Demon«, Gitarrist Ace Frehley wird »Space Ace« und Drummer Peter Criss der »Catman«. Dazu tragen sie ausgefallene Bühnenkostüme.

Nach der Veröffentlichung des Debütalbums im Februar 1974 bringt das Quartett noch im Oktober desselben Jahres den Nachfolger »Hotter Than Hell« raus. Es geht Schlag auf Schlag. Schon im März 1975 folgt das dritte Album »Dressed To Kill«. Die Platten sind zunächst kein Erfolg. Doch mit immer wilderen Bühnenshows mit Feuerwerk und Flammen sorgen Kiss für Furore. Simmons spuckt Kunstblut und Feuer und verbrennt sich einmal sogar die Haare.

Durchbruch Simmons Erinnerung an die Zeit ist 50 Jahre später etwas neblig. »Nur anderthalb Jahre nach der Bandgründung haben wir in Kalifornien im Anaheim-Stadion gespielt«, behauptet er, »ohne Hitalbum, ohne Videos, ohne alles.« Ganz so schnell ging es allerdings nicht. Tatsächlich findet der Auftritt in Anaheim im August 1976 statt - nach Veröffentlichung des Live-Albums »Alive!«, das Kiss den Durchbruch bringt, und nach »Destroyer«, das heute als Magnum Opus der Gruppe gilt.

Mit dem Erfolg nehmen die Spannungen in der Gruppe zu, die schließlich zum Ausstieg von Peter Criss und bald darauf auch Ace Frehley führen. »Der Ruhm verändert dich nicht. Er erlaubt dir nur, das Arschloch zu sein, das du schon bist«, sagt Stanley in dem Dokumentarfilm »Kiss - Die heißeste Band der Welt«.

Make-Up Simmons und Stanley machen mit Kiss immer weiter, zwischenzeitlich sogar mehr als zehn Jahre ohne das berühmte Make-up. Nach mehreren Besetzungswechseln - darunter ist eine umjubelte Reunion mit Criss und Frehley - sind heute Gitarrist Tommy Thayer und Schlagzeuger Eric Singer in der Band. Beide sind seit über 20 Jahren dabei.

Im Jubiläumsjahr setzen Kiss ihre Abschiedstournee fort und erwecken den Eindruck, dass sie eigentlich gar nicht aufhören wollen. Immerhin geht die »End Of The Road«-Tour nun schon ins fünfte Jahr. Im kommenden Sommer wollen es Simmons und Co. in München, Dresden, Berlin, Mannheim und Köln krachen lassen. Mit Feuer und Kunstblut.

Gitarren »Wir haben immer unser eigenes Ding durchgezogen«, betont er. »Wir haben ein wenig mit Disco herumgespielt - mit «I Was Made For Loving You». Wir haben ein paar Balladen gemacht und sowas alles. Aber im Großen und Ganzen, wenn man es sich anschaut: Gitarren, Gitarren, Gitarren. Wir haben zu unseren eigenen Bedingungen gewonnen.«

Fünfzig Jahre nach dem nun historischen ersten Auftritt im Popcorn Pub ist »The Demon« also äußerst zufrieden mit der Karriere von Kiss. Würde der 73-jährige dem 23-jährigen Gene Simmons gern etwas sagen? »Ja. Ich würde ihm sagen: Mach alles genauso.«

Berlin

Urteil zu Angriff auf Lahav Shapira erwartet

Nach einem antisemitischen Angriff auf einen jüdischen Studenten in Berlin ist der Fall neu vor Gericht verhandelt worden. Im Mittelpunkt des Berufungsverfahrens steht die Höhe der Strafe. Ein Urteil wird am Montag erwartet

 13.04.2026 Aktualisiert

Fussball

Kopfball mit Kippa

Die Halle war voll, der Spaß groß: Zum ersten Mal trafen zwölf jüdische Teams beim Berlin Jewish Football Cup in Spandau aufeinander

von Jan Feldmann  01.04.2026

Podcast

»Arbeiten im Krieg ist eine große Herausforderung«

Zwischen Bomben und Bunker: Wie unsere Korrespondentin in Tel Aviv ihren Alltag erlebt

von Jan Feldmann, Sabine Brandes  01.04.2026

Video

Zwischen Matzen und Kneidlach: Stimmen aus einem koscheren Supermarkt

Kurz vor Pessach: Vorbereitungen auf den Feiertag – Stimmen aus »Kosherlife«

von Jan Feldmann  01.04.2026

Wirtschaft

Iran-Krieg treibt Inflation auf höchsten Stand seit 2024

Teurer Sprit, steigende Preise für Strom und Gas: Die Kämpfe im Nahen Osten haben schon im ersten Kriegsmonat die Verbraucherpreise angeheizt. Bald könnten auch andere Warengruppen betroffen sein

von Alexander Sturm und Christian Ebner  30.03.2026

Die israelische Raketenabwehr hat eine aus dem Libanon anfliegende Terror-Rakete im Visier.

Nahost

Libanon muss jetzt handeln

Die Hisbollah hat äußeren Druck jahrzehntelang in politische Stärke verwandelt. Doch ihr aktueller Legitimitätsverlust ist hausgemacht — und eröffnet dem Libanon erstmals die Chance, das Machtgefüge im eigenen Land zu verändern.

von Leo Benderski  26.03.2026

Berlin

»Grenzen der Erinnerung erweitern«

Argentinien hat von Israel die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance übernommen. In der Botschaft des südamerikanischen Landes wurde das mit einer Zeremonie gefeiert

 26.03.2026

Nahost

Israels Kriegsstrategie gegenüber Iran und der Hisbollah

Israels Armee greift Irans Führung unerbittlich an. Es gibt jedoch warnende Stimmen: Die gezielten Tötungen von Anführern könnten das System noch radikaler machen. Welche Ziele verfolgt Israel?

von Sara Lemel  19.03.2026

Forschung

Ukraine öffnet Archiv über KZ-Häftlinge

Mitten im Krieg mit Russland öffnet die Ukraine historische Geheimarchive. Für Forschende über die NS-Zeit und die Sowjetische Besatzungszone soll der Zugang erleichtert werden

 11.03.2026