KISS

Mischpacha!

Tourt noch bis Ende des Jahres – und nimmt dann Abschied: die Kultband KISS Foto: imago/Stefan M Prager

Zuerst einmal vergessen Sie bitte alles, was Sie über die Band KISS zu wissen glauben, dieses blut‐ und feuerspuckende, gitarrenkreischende, wildgeschminkte Monster des Rock, das seit Mitte der 70er‐Jahre über die Bühnen der Welt tobt. Von Fans ein Leben lang geliebt, von Musikkritikern meist abschätzig belächelt.

Worauf sich alle einigen können, ist eine einzigartige Showbiz‐Karriere von gut 45 Jahren mit mehr als 100 Millionen verkauften Alben. Und auf Männer, die auch mit Ende 60 noch auf 20 Zentimeter hohen Plateausohlen ein Bühnenspektakel der Superlative veranstalten, die immer noch in ihre hautengen Space‐Rock‐Metall‐und‐Leder‐Kostüme passen und die gerade weltweit Abschied nehmen. Die »End of the Road – World Tour« hat im Januar in Kanada begonnen und endet im Dezember in Neuseeland – insgesamt 105 Monstershows, sechs davon ab Mai in Deutschland.

Im Mai kommt die Band für sechs Konzerte nach Deutschland – zum angeblich letzten Mal.

VORGESCHICHTE Damit könnte die Geschichte auserzählt sein, aber Sie fragen sich sicherlich schon, was diese Band eigentlich in dieser Zeitung zu suchen hat. Nun, die Über‐Rocker KISS sind eine zutiefst jüdische Angelegenheit. Und das kommt so:

Für jüdische Teenager der 70er waren KISS das, was die rappenden Beastie Boys in den 80ern und 90ern und die Girlband Haim in den 2010ern waren: jüdische Pop‐Idole.

1971 treffen sich die New Yorker Amateurmusiker Stanley Bert Eisen, 18, und Gene Klein, 21, bei einem Freund und beschließen, eine Rockband zu gründen. Eisen, der sein Geld als Taxifahrer verdient, kann das exorbitante Ego von Klein, der damals als Lehrer jobbt, nur schwer ertragen, aber musikalisch hat man durchaus ähnliche Vorstellungen.

Als das erste musikalische Projekt »Wicked Lester« scheitert, ziehen Eisen und Klein weiter und gründen mit dem Drummer Peter Criss und dem Gitarristen Ace Frehley KISS. Innerhalb von nicht einmal drei Monaten hat das Quartett einen Manager und einen Plattenvertrag und veröffentlicht das erste Album. Stanley Bert Eisen lässt seinen Namen offiziell in Paul Stanley ändern. Gene Klein hat sich bereits im College den Künstlernamen Simmons zugelegt.

Simmons kommt aus Haifa, Stanleys Mutter ist Schoa‐Überlebende aus Berlin. Das verbindet.

Was folgt, ist harte Arbeit, überwältigender Erfolg, heftiger Absturz, noch mehr harte Arbeit und schließlich die globale Karriere einer Band, die für immer Halloween zu feiern scheint, was schon kleine Kinder zu Fans macht, bevor sie überhaupt die Musik gehört haben. Und das alles in einer Zeit vor dem Internet.

STREIT Auch ein halbes Jahrhundert später sind Stanley und Simmons das beständig pumpende Herz der Band. Criss und Frehley wurden bald ausgetauscht, es gab Streit und Schlammschlachten in der Klatschpresse. In seiner Autobiografie Face The Music: A Life Exposed beschreibt Stanley auch Antisemitismus seitens der beiden nichtjüdischen Bandmitglieder: »Ace und vor allem Peter fühlten sich kraftlos und impotent (…) Als Resultat haben die beiden versucht, die Band zu sabotieren, die, wie sie es sahen, von uns geldgierigen Juden manipuliert wurde.«

Vor allem aber sei es die Arbeitsethik gewesen, denn, so unglaublich es klingt, weder Stanley noch Simmons haben sich je in Alkohol oder Drogen verloren. Sie haben also genau das nicht gemacht, was gemeinhin von Rockstars erwartet wird. Oder wie Stanley es lachend formuliert: »Ich habe beim Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll die Drogen ausgelassen und vom Rest mehr genommen.« Er fügt ernst hinzu: »Die Show und die Arbeit, die wir machen, das könnte jemand auf Drogen nicht.« Moment mal, wildgewordene Rockstars und Arbeitsethik?

»Drogen habe ich beim Sex, Drugs and Rock ‘n’ Roll ausgelassen und vom Rest mehr genommen.«

Stanley und Simmons sind Kinder jüdischer Migranten aus Europa, »Menschen, die unter den schlimmsten Bedingungen in die USA gekommen sind. Und sie haben uns mit einer großartigen Arbeitsethik aufgezogen«, betont Stanley immer wieder. Seine Mutter, Eva Eisen, geborene Jontof‐Hutter, wurde 1923 in Berlin geboren. Ihre Familie war nach der Machtübernahme der Nazis zuerst nach Amsterdam und 1939 schließlich nach New York geflüchtet.

ISRAEL Simmons kam 1949 im neugegründeten Staat Israel, in Haifa, zur Welt. Seine Mutter, Flóra Kovács – später Florence Klein –, stammte aus Ungarn und hat mehrere Konzentrationslager der Nazis überlebt. Sie und ihr Bruder waren die einzigen Überlebenden der Familie. Nachdem Simmons’ Vater die Familie in Israel verlassen hatte, wagte die Mutter mit ihrem achtjährigen Sohn in den USA den Neuanfang.


Nach dem antisemitischen Anschlag auf die Synagoge in Pittsburgh am 27. Oktober 2018, wo ein amerikanischer Neo‐Nazi elf Menschen ermordet hatte, meldete Stanley sich in den sozialen Medien deutlich zu Wort: »Zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen gehören die Freunde meiner Eltern, die Nummern auf die Arme tätowiert hatten, die Zeugen der Gräuel waren, von denen sechs Millionen andere niemals sprechen können. Mütter, Väter, Kinder, Babys, alle gefoltert und systematisch ermordet für ihr stolzes Erbe und ihre Religion.«

Als Stanley erstmals nach Deutschland kam, hatte er große Vorbehalte. Das ist heute anders.

Kurz bevor Paul Stanley an einem Freitagabend in Las Vegas auf die Bühne springt, um mit »Detroit Rock City« das KISS‐Feuer der »End of the Road«-Tour zu entfachen, hat er sich Zeit genommen, um mit der Jüdischen Allgemeinen zu telefonieren. »Zen« fällt einem ein, wenn man mit dem 67‐Jährigen spicht, der sich in der Vorstellung gerade den schwarzen Stern ums Auge malt. Nein, er habe mit Gene Simmons auf Tour noch nie Schabbat gefeiert, »aber auf unsere eigene Art sind wir das Ergebnis unserer Vergangenheit, unseres Erbes, unserer Eltern, und das ist wohl der Grund für diese einzigartige Verbindung, die wir haben«.

FAMILIE Auch wenn sie sich immer wieder lauthals die Meinung sagen, leben Stanley und Simmons in Los Angeles nur zwei Minuten voneinander entfernt. Simmons sei für ihn wie ein Bruder, sagt Stanley am Telefon. Familie eben. Mischpacha. Und wenn man genau hinsieht, geht es genau darum bei KISS: die Familie der Band, die Familie der Fans. Mit – verzeihen Sie die Küchenpsychologie – Stanley als verzeihender Mutter und Simmons als Macho‐Vater.

Und die jüdische Familie? »Der Grundsatz des Judentums ist es, gut zu anderen Menschen zu sein. Sie so zu behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte«, sagt Stanley. »Wir tun nicht Gutes, um dafür nach dem Tod belohnt zu werden. Die gute Tat selbst ist der Lohn.« Diese zutiefst menschliche Qualität bewundere er, und er hoffe, sie an seine Kinder weiterzugeben, ebenfalls danach zu streben.

Das Haus, in dem Stanleys Mutter in Berlin ihre Kindheit verbracht hat, steht nicht mehr, aber er hat sich den Ort in Berlin‐Mitte angesehen.

Ja, Stanley und Simmons tun viel Gutes, mal mehr, mal weniger still, allerdings wäre das ein Artikel für sich. Nur so viel: Als Trump den nationalen Notstand ausgerufen hatte, um vom Senat die Mauer‐Milliarden zu erzwingen, haben viele Staatsbedienstete ohne Bezahlung weitergearbeitet, um das öffentliche Leben nicht zu gefährden, während sie selbst kaum genug zum Leben hatten. Stanley und Simmons haben sie eingeladen, in ihrer Restaurantkette umsonst zu essen.

Es ist beeindruckend, wie geerdet Stanley nach all den Jahrzehnten im Showgeschäft zu sein scheint. Wer, wenn nicht ein einsamer Junge, der wegen eines deformierten Ohres auf einer Seite fast taub ist, der zu scheu war, Mädchen anzusprechen, der zu Hause kaum Unterstützung fand, um den sich dann plötzlich die Frauen reißen, den die Männer beneiden, der Millionen Platten verkauft, hätte alles Recht, durchzudrehen? Aber nein, Stanleys bestimmte Entspanntheit scheint sich durch die ganze Karriere zu ziehen. »Weil ich mich sonst selbst nicht leiden könnte!«, sagt er. Natürlich sei er sehr ehrgeizig gewesen und der Erfolg ein Mittel der Kompensation.

»Aber letzten Endes musst du dir selbst in die Augen sehen können«, sagt Stanley, der jetzt auch mit dem knallroten Mund‐Make‐up fertig sein müsste. »Ich will stolz darauf sein, was ich mit KISS erreicht habe, was ich als Vater, als Ehemann und als Mensch geschafft habe.«

BERLIN Am 4. Juni wird KISS in Berlin spielen, der Geburtsstadt seiner Mutter. Ist das eher Triumph oder Schmerz?

Als Paul Stanley vor Jahrzehnten erstmals nach Deutschland kam, hatte er große Vorbehalte. »Das Land kann nie vergessen machen, was geschehen ist«, sagt er. »Es ist beängstigend, dass ein bestimmter Anteil der Bevölkerung in fast jedem Land den Holocaust leugnet oder relativiert. Meine Mutter ist in Berlin geboren, von dort musste sie fliehen, um zu überleben.«

Er schulde den Menschen mit den tätowierten Nummern auf den Armen etwas, sagt Stanley am Ende des Telefonats.

Und weiter: »Ich hatte früher keine positiven Gefühle zu Deutschland. Ich musste erst einmal hinfahren und Zeit dort verbringen, um zu lernen, dass mein Eindruck von Deutschland nicht zur heutigen Generation der Deutschen passt. Ich habe viele gute Freunde dort und wunderbare Menschen kennengelernt. Es ist auch ein Ort des Wiederaufbaus.«

Das Haus, in dem Eva Eisen den Anfang ihrer Kindheit verbracht hat, steht nicht mehr, aber Stanley hat sich den Ort in Berlin‐Mitte angesehen. »Ich hoffe, nicht nur für Deutschland, sondern für die ganze Welt, dass wir aus den dunkelsten Zeiten der Geschichte lernen. Wiederholt es nicht! Wenn ich in Deutschland bin, bin ich mir dessen sehr bewusst.«

Er schulde den Menschen mit den tätowierten Nummern auf den Armen etwas, sagt Stanley am Ende des Telefonats, nämlich das volle Leben. Und was, wenn nicht KISS, diese durchgeknallte Über‐Show, ist Ausdruck davon?

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