Gespräch

»Antisemitische Musik gibt es nicht«

Der Dirigent Daniel Grossmann über Wagner, Mahler und sein Orchester Jakobsplatz München

08.09.2010 – von Marie SchmidtMarie Schmidt


Herr Grossmann, in Besprechungen von Konzerten Ihres Orchesters Jakobsplatz München liest man oft, Sie machten es sich – und das bedeutet wahrscheinlich auch dem Publikum und den Kritikern – nicht leicht. Was ist damit gemeint?
Wahrscheinlich die Stücke selbst, die ja fast ausschließlich aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stammen. Ein Paradebeispiel für das, was vielleicht als schwierig bezeichnet wird, ist ein sehr anstrengendes Stück, das wir einmal aufgeführt haben, von einem Komponisten namens Matthias Hauer. Das wird mir bis heute vorgeworfen, weil Hauer ein Judenhasser war.

Warum haben Sie ihn dann gespielt?
Hauer war zu einer Zeit, als Juden verfolgt wurden, ein überzeugter Antisemit und hat das auch geäußert. Aber auf der anderen Seite wurde er selbst verfolgt, weil seine Musik als »undeutsch« und »entartet« galt. Auch seine Stücke wurden nicht aufgeführt. Solche Gegensätze faszinieren mich.

Sein Antisemitismus hat Sie nicht gestört?
Ich gehöre nicht zu den Leuten, die glauben, dass es antisemitische oder politische Musik gibt. Ich erkenne auch in den Opern von Wagner nichts Antisemitisches, obwohl Wagner ein glühender Antisemit war und ganze Bibliotheken voll Bücher existieren, die beschreiben, was für antisemitische Regungen es in seiner Musik gibt.

Verträgt sich das mit Ihrem zentralen Anliegen, Werke verfolgter jüdischer Künstler aufzuführen?
Ich führe solche Musik nicht aus Betroffenheit auf. Mir geht es um etwas anderes. Diese Komponisten sind doppelt gestraft: Zuerst wurden sie verfolgt, dann ihre Werke vergessen. Und wenn sie aufgeführt werden, dann unter dem Motto: Schau mal, das sind die Komponisten aus Theresienstadt, das ist ein Stück, das im KZ komponiert wurde. Natürlich erwähne ich das, falls es so ist, weil es zu dem Stück dazugehört. Aber ich führe sie auf, weil sie interessante Komponisten sind. Und ich sage: Hört euch ihre Musik an!

Sie wollen Ihre Zuhörer überraschen.
In jeder Hinsicht. Mich interessiert es, etwas auszuprobieren und den Zuschauern anzubieten. Wenn es euch gefällt, ist es gut. Wenn es euch nicht gefällt, schade. Beziehungsweise nicht mal schade, ich finde es wunderbar, wenn Leuten endlich mal etwas nicht gefällt.

Wie bitte?
Ich finde, dass die Zuhörerschaft sehr unkritisch gemacht wurde. In der Klassikszene werden Stars aufgebaut, zu denen die Menschen hinrennen, um danach zu sagen: Es war traumhaft. Wie gut, wenn sich jemand mal hinstellt und sagt: Spiel diesen Komponisten nie wieder, weil mich die Musik wütend macht. Endlich werden Emotionen freigesetzt.

Welches Stück, das Sie aufgeführt haben, hat zuletzt solche Emotionen ausgelöst?
Beim letzten Konzert haben wir etwas von Arvo Pärt gespielt. Dieser Komponist interessiert mich sehr, weil er eigentlich totaler Mainstream ist. Die Leute lieben seine Musik, obwohl sie unglaublich einfach gestrickt ist, aber sehr emotional. Danach kamen Zuschauer zu mir und meinten, es sei fantastisch gewesen. Dann aber stieß ein Mann dazu, der sagte: »Das war ja grauenvoll, total primitive Musik.« Ich finde es gut, wenn nicht immer Konsens herrscht. Man kann dann diskutieren, was einem daran gefällt oder nicht.

Versuchen Sie, das Publikum mit einzubinden?
Ich will keine Mitmachkonzerte aufführen, das wäre albern. Aber nach den Konzerten gehen wir immer in das Café im jüdischen Zentrum. Dort kommen immer wieder Leute zu mir, die einen Komponisten oder ein Stück gehört haben und fragen, ob ich das nicht einmal aufführen will. So etwas greife ich schon auf.



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