Imbiss

Friedrichshainer Falafel

An der Warschauer Straße gibt es eine Alternative zur Currywurst

08.09.2010 – von Katharina Schmidt-HirschfelderKatharina Schmidt-Hirschfelder


An der Warschauer Straße in Richtung East-Side-Gallery sind an diesem Nachmittag fast alle Caféplätze besetzt. Vor einem knalligen Dönerimbiss mit Palmen und Plastikstühlen studieren zwei Passanten die Speisekarte, prüfen auch noch das Angebot vom Currystand zwei Häuser weiter und entscheiden sich dann doch für den kleinen, fast unscheinbaren Laden in der Mitte. »Mamo-Falafel. Vegetarian Delights« steht über dem Eingang, ein schlichtes Logo mit Wiedererkennungspotenzial. Die Speisekarte fokussiert das Angebot aufs Wesentliche – Falafel und Hummus – während die Grafik daneben andeutet, was drinnen im weiß gekalkten Lokal mit dem dezenten Ambiente zelebriert wird – Falafelkultur für Gourmets, bunt, frisch und authentisch, auf die Hand oder außer Haus, und das sogar in biologisch abbaubarer Chinagrasbox.

Die beiden neuen Gäste wählen einen Falafel Classic im Pita für drei Euro und sehen verblüfft dabei zu, wie Inhaber Benny Metzger hinter dem Tresen bunte Bällchen aus Kichererbsenbrei formt. »Falafel in verschiedenen Farben sind der letzte Schrei in Tel Aviv«, erklärt er seinen erstaunten Kunden, während er die frischen Bällchen frittiert. »Die gelben sind klassisch-orientalisch, die roten mit Paprika und die grünen mit Kräutergeschmack.« Als Benny dann auch noch die Salatbar hochklappt und die Gäste ermuntert, sich so viel von den Mixed Pickles, dem süßen Möhrensalat und dem gebratenen Blumenkohl zu nehmen, wie ins Pita passt, staunen sie wie Kinder im Süßwarenladen. Zaghaft probieren sie schließlich von allem etwas, tröpfeln zum Schluss Tahina und Mangosauce über das Kunstwerk und scheinen bereits nach der ersten Kostprobe im siebten Himmel zu schweben.

Image »Wer zum ersten Mal ins ›Mamo‹ kommt, hat meist noch Berührungsängste«, so Metzgers Erfahrung seit der Eröffnung Mitte Juli. »Aber schon beim zweiten Besuch füllen sie zielgerichtet ihren Lieblingssalat in die Pita«, freut sich Benny Metzger. Die israelische Variante – hausgemachte Falafel als Edelsnack mit offener Salatbar – erfreut sich in europäischen Städten wie London oder Amsterdam zunehmender Beliebtheit. In Berlin hingegen sieht der 35-Jährige erheblichen Nachholbedarf beim Falafel-Image. Mit seinem Konzept will er sich von anderen orientalischen Imbissen absetzen und Falafel auch hier als Gourmet-Fast-Food etablieren.

»Hierzulande kennen die meisten Leute Falafel nur als Tiefkühlbeilage mit Joghurtsauce oder unverdauliche Verlegenheits-alternative für Vegetarier. Dass es zwischen Libanon und Ägypten jedoch zahlreiche Varianten gibt, ist für viele Gäste eine kulinarische Entdeckung.« Die hat er schon als Kind gemacht, wenn er in den Sommerferien zu seinen deutsch-jüdischen Großeltern nach Nahariya fuhr. »Schon damals gab es dort an jeder Straßenecke so einen Imbiss«, erinnert sich der Mamo-Chef.

Eigentlich ist Benny Metzger Architekt. Das Interieur im Mamo hat er selbst entworfen und gebaut. Doch seine Leidenschaft gilt gutem Essen. Damit kennt sich Benny Metzger bestens aus. Denn schließlich hat der Sohn des legendären Berliner Gastronomen Danni Metzger die Branche »mit der Muttermilch aufgesogen«, das beliebte ›Oren‹ in der Oranienburger Straße Anfang der 90er-Jahre sogar mit aufgebaut. Damals, mit Anfang zwanzig, kochte, buk und kellnerte er in Berlins ehemals berühmtestem jüdischen Restaurant und schaute Vater Danni aufmerksam beim Management über die Schulter.

Erfahrung »Wer zehn Jahre im ›Oren‹ gearbeitet hat, braucht keinen Falafel-Crash-Kurs mehr in Tel Aviv«, lacht Benny Metzger gut sechs Jahre später. Als er seinen Vater vor neun Monaten mit der Geschäftsidee überraschte, war dieser sofort begeistert. »Er hat mir jede Menge Tipps gegeben«, erzählt der Sohn. »Von so einem kleinen Laden hat mein Vater selbst immer geträumt. Als ich ihm meine Pläne ausbreitete, hat er sogar sein altes Adressbuch hervorgekramt.« Einige Freunde des Vaters von damals beliefern nun auch den Sohn mit frischer Ware, so wie der syrische Pitabäcker und der libanesische Gewürzgroßhändler. »Diese Generation kam, genau wie mein Vater, in den 60er-Jahren nach Deutschland. Damals ging es um wirtschaftliche Ko-Existenz, nicht um den Nahostkonflikt«, meint Benny und stellt klar: »So soll es auch im Mamo sein. Wir machen gutes Essen, keine Politik.«



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