Shoa

Blick ins Innere

Das Thema hat mich gewählt, sagt Yishay Garbasz. So folgte die Fotografin den Spuren ihrer Mutter. Es wurde eine lange Reise – auch zu sich selbst

28.01.2010 – von Björn RosenBjörn Rosen

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Yishay Garbasz ist offenbar angekommen. Die Reise dauerte lange genug. 15 Jahre vielleicht. Und sie führte die Fotografin einmal um die ganze Welt: Von ihrer Heimat Israel in die USA, wo sie mit Mitte 20 darauf hoffte, endlich richtig schreiben und lesen zu lernen. Dann nach Großbritannien, wo sie sich scheiden ließ und auch sonst alles verlor. Später zurück nach Amerika, in ein Zen-Kloster inmitten der Catskill Mountains. Ein paar Jahre darauf quer durch Mitteleuropa, auf den Spuren ihrer Mutter, einer Holocaust-Überlebenden. Schließlich nach Taiwan und Japan, wo sie längst ein gefeierter Star ist. Zwischendurch, in einer thailändischen Klinik, wurde aus Yishay Garbasz, dem ehemaligen israelischen Offizier Yishay Garbasz, die Frau, die an diesem Berliner Januarabend mit sanfter Stimme und in hochhackigen schwarzen Stiefeln Kekse reicht.

»Ich möchte mir hier ein Zuhause schaffen«, sagt die 39-Jährige, während sie in ihrer Altbauwohnung in Berlin-Mitte noch ein wenig Tee nachschenkt. Garbasz’ Apartment besteht im Wesentlichen aus einem großen Raum mit hohen Fenstern, einem Crosstrainer und einer langen Pinnwand, an der Bilder und Entwürfe für die kommende Biennale im südkoreanischen Busan befestigt sind. Die Fotografin ist eine rührende Gastgeberin, die geduldig und ausführlich ihre Geschichte erzählt, ab und zu unterbrochen von einem mädchenhaften Lachen. Dabei kann sie auf eigentümlich charmante Weise Unerhörtes sagen. Zum Beispiel: »Das Berliner Holocaust-Mahnmal sieht aus wie der perfekte Platz, ein Bier zu trinken.« Oder: »In Auschwitz führen sie die Gruppen schnell herum und geben ihnen zu verstehen: Hier musst du traurig sein! Aber Gefühle sind etwas sehr Persönliches. Und sie brauchen Zeit.«

Bauchgefühl Die Erinnerung an die Schoa – in Garbasz’ Augen ist sie verkitscht und zur Routine erstarrt. »Viele Künstler, die versuchen, den Holocaust abzubilden, wollen unbedingt, dass der Betrachter etwas fühlt. Aber so funktioniert das nun mal nicht.« Ihr hochgelobter Bildband In My Mother’s Footsteps, der 2009 bei Hatje Cantz erschien, ist ein Gegenentwurf, auch wenn das so nicht geplant war. Garbasz richtet sich beim Fotografieren strikt nach ihrem Bauchgefühl, das Buch entstand, weil sie sich selbst und ihre Probleme besser verstehen wollte. »Es ist nicht so, dass du ein Thema wählst. Das Thema wählt dich«, sagt sie, springt von ihrem Sofa auf und zeigt die zwei großen Pappkartons, in denen Tausende Bilder lagern, die sie mit ihrer Großformatkamera für In My Mother’s Footsteps aufgenommen hat.

Es ist vergleichsweise wenig Material, dafür, dass sie ein ganzes Jahr unterwegs war. Von August 2004 bis August 2005 konnte Garbasz dank eines Stipendiums in die Kindheit und Jugend ihrer Mutter Salla zurückreisen, die 1929 in Deutschland geboren wurde. Grundlage war Sallas Lebensbericht, den sie auf Wunsch ihres sterbenden Mannes 1996 mit einer Schreibmaschi- ne niedergeschrieben hatte. Er besteht aus Dutzenden DIN-A4-Blättern.

Die erste Station von Yishay Garbasz’ Reise war Berlin, wo die Familie bis zur Machtübernahme der Nazis gelebt hatte. Die Fotografin quartierte sich einige Wochen in einer Studenten-WG in Friedrichshain ein und fuhr immer wieder zur Linienstraße in Mitte, um dort die zwei Wohnun- gen zu fotografieren, in denen die Mutter aufgewachsen war. In einer von ihnen lebt heute eine ältere Dame, die sich mit Puppen und Porzellanfiguren eingerichtet hat. Wer das Foto ihres Wohnzimmers sieht, stellt sich jede Menge Fragen: Wie sah es hier 1933 aus? Was stand in den Schränken der Familie? Was hat sie zurücklassen müssen? Das Grauen der Schoa wird auf Garbasz’ Fotografien durch das sichtbar, was man nicht sehen kann.


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