Golda Meir

Wie eine Löwin

Eine neue Biografie zeigt viele bisher unbekannte Facetten von Israels starker Frau

11.01.2018 – von Ralf BalkeRalf Balke

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They Ain’t Making Jews Like Jesus Anymore« lautet der Titel eines Songs von Kinky Friedman, dem berühmt-berüchtigten jüdischen Countrysänger und Schriftsteller aus Texas. »They Ain’t Making Politicians Like Golda Anymore« dagegen könnte der Titel eines Klagelieds lauten, gesungen von den frustrierten Mitgliedern der israelischen Sozialdemokratie.

Denn Politiker, die mit ihrem Charisma, Stil oder programmatischen Neuerungen die Arbeitspartei aus den Wahlniederlagen der vergangenen Jahre herausholen könnten, sind nirgendwo in Sicht. Prominente Figuren, die inhaltlich vielleicht nicht immer ganz konsensfähig sind, dafür aber aufgrund ihrer Persönlichkeit oder Integrität über alle Parteigrenzen hinweg trotzdem ein hohes Ansehen genießen, lassen sich wohl eher in der Vergangenheit finden. Golda Meir war definitiv so eine.

kettenrauchend In diesem Jahr, in dem der jüdische Staat seinen 70. Geburtstag feiert, wäre Golda Meir, geborene Mabowitsch, 120 Jahre alt geworden. Grund genug, einen neuen und frischen Blick auf die Vita von Israels vierter Ministerpräsidentin zu werfen. Denn viel zu lange war unter den jüngeren Historikern das »Golda-Bashing« in Mode. Zum einen wirkte die bärbeißige und kettenrauchende Grande Dame der Arbeitspartei wie ein Wesen aus vergangenen Zeiten, das eher für die puritanische und autoritäre Generation der Gründer stand. Ihre ewig gleichen klobigen Schuhe – auch Golda-Schuhe genannt – stehen geradezu symbolisch für diese Wahrnehmung. Zum anderen galt sie als Mitverantwortliche für das Debakel rund um den für Israel verlustreichen Jom-Kippur-Krieg im Jahr 1973.

Doch Golda Meir auf eine resolute und vielleicht etwas freudlose Frau zu reduzieren, die vor allem als Apparatschik funktionierte und nur aus Imagegründen das Bild der »Jiddischen Mamme« nach außen kultivierte, ist ein Fehler, betont Francine Klagsbrun, Journalistin und erfolgreiche Autorin zahlreicher Bücher zu jüdischen Themen. »Golda war auf jeden Fall eine Person von Weltrang, wie es sie wohl selten in der Geschichte gab«, schreibt sie in ihrer neuen Biografie.

Dabei geht Klagsbrun auf eine erfrischend konventionelle Art vor. Sie skizziert klassisch-chronologisch und in bemerkenswert luzider Sprache den Werdegang der in Kiew geborenen Tochter eines armen Zimmermanns, der mit seiner Familie den Pogromen des zaristischen Russland in die Vereinigten Staaten entflieht, und zeigt, wie Golda als Teenagerin in ihrer neuen Heimat Milwaukee mit sozialistischen und zugleich zionistischen Intellektuellen in Berührung kam, weshalb sie 1921 nach Palästina auswanderte, wo dann auch ihre steile Karriere in der Histadrut und der Arbeitspartei ihren Anfang nahm.

Archivmaterial Der Zugriff auf gerade erst freigegebenes Archivmaterial erlaubt es Klagsbrun zudem, sich Golda Meir auf eine Weise zu nähern, wie es anderen Autoren bis dato kaum möglich war. So fördert sie sowohl Privates als auch Politisches zutage, was sich oftmals miteinander vermischt.

Beispielsweise verdonnerte Meir in ihrer Funktion als Außenministerin einen israelischen Diplomaten in Brasilien allen Ernstes dazu, mit seiner Ehefrau endlich ein Kind zu zeugen, als bekannt wurde, dass dieser eine Liebschaft mit einer Brasilianerin hatte. »Außerdem entsende ich Sie zusammen mit Ihrer Gattin auf einen neuen Posten nach Russland«, verkündete Golda Meir recht drakonisch. Und das, obwohl sie selbst nichts anbrennen ließ. Denn trotz der nie geschiedenen Ehe mit Morris Meyerson hatte sie – angefangen von Histadrut-Chef David Remez über den späteren Staatspräsidenten Zalman Shazar bis hin zu Henry Montor, dem Vorsitzenden zahlreicher zionistischer Organisationen in den Vereinigten Staaten – ebenfalls reichlich Affären.

Bis in die Gegenwart hinein dagegen hallt die Kritik an ihrem Verhalten im Herbst 1973 nach. Und zwar aus dem linken wie auch aus dem rechten politischen Spektrum. Während die einen Golda Meir immer noch dafür schelten, dass sie als Ministerpräsidentin die Friedensfühler von Ägyptens Staatschef Anwar al-Sadat nicht richtig zu deuten wusste und daher unbeantwortet ließ, attestieren ihr die anderen ein eklatantes Versagen bei ihrer Aufgabe, das israelische Volk vor Schaden zu bewahren.

Verantwortung Klagsbrun beleuchtet die Argumente beider Seiten, will aber keiner dieser eindimensionalen Schuldzuweisungen wirklich folgen. Sie macht das Fehlverhalten bei der Einschätzung der Gefahrenlage vielmehr im damaligen Denken des militärischen Sicherheitsapparates aus – schließlich musste sich Golda Meir auf deren Urteile verlassen. Als dann aber die Katastrophe ihren Lauf nahm, kämpfte sie wie eine Löwin und setzte Himmel und Erde in Bewegung, um Israels Überleben zu garantieren. Auch übernahm sie für ihr Handeln stets die volle Verantwortung.

Die Publizistin attestiert ihrer Heldin aber eine Eigenschaft, die es ihr ab einem gewissen Zeitpunkt ihrer politischen Karriere schwer machte, die Realitäten besser zu erfassen, und ihr manchmal auch im Wege stand. »Sie hatte einen ausgeprägten Hang zum Schwarz-Weiß-Denken, der sich in vielerlei Hinsicht bemerkbar machte.« Exemplarisch zitiert sie die Knesset-Abgeordnete Zena Harman: »Wenn Golda jemanden mochte, dann mochte sie ihn wirklich sehr. Wenn sie einen aber nicht mochte, dann gnade Gott!«

Legendär auch ihre Schlagfertigkeit sowie ihre direkte Art im Umgang mit dem amerikanischen Präsidenten oder einfachen Menschen gleichermaßen. Klagsbruns Buch steckt voller Details über Konflikte, Erfolge und Niederlagen, die es dem Leser ermöglichen, Golda Meir neu zu entdecken.

Francine Klagsbrun: »Lioness – Golda Meir and the Nation of Israel«. Schocken Books, New York 2017, 825 S., 40 $

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