Frankfurter Buchmesse

Salonfähig

Das Branchentreffen hat gezeigt: Rechtsextremismus ist in der Mitte des Kulturbetriebs angekommen

19.10.2017 – von Martin KraussMartin Krauss

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Vielleicht ist Literatur, anders als es so gerne behauptet wird, ja gar kein Abbild gesellschaftlicher Zustände. Schließlich ist sie oft auch dafür da, sich bessere Welten zu erträumen oder vor schlechteren gruseln zu lassen. Eine Widerspiegelung der jeweiligen Entwicklungen dieser Welt zeigt sich schon eher im Literaturbetrieb, der sich allherbstlich in Frankfurt trifft.

Das traditionell unglaublich eitle Branchentreffen, das am Sonntag zu Ende ging, erlaubte 2017 einen bemerkenswerten und beängstigenden Blick auf die Lage der Nation: Nazigegröle, körperliche Übergriffe und kaum jemand, der dem entgegentrat.

Während die Buchmessenleitung sich voller Selbstlob in ihrer Bilanz attestierte, die diesjährige Bücherschau sei »politisch wie nie« gewesen, glaubte die »Süddeutsche«, einen »Hauch von 30er-Jahre-Bierkeller« über der Messehalle zu bemerken.

platzierung Mag sein, dass sich der Literaturbetrieb zu wichtig nimmt und andernorts Rechtsextremismus verbreiteter ist als im deutschen Verlagswesen. Aber dass der immer noch und viel zu oft als Phänomen einer ungebildeten Unterschicht umschriebene Rechtspopulismus und -extremismus im Geistesleben angekommen ist, das war auf der diesjährigen Buchmesse nicht zu übersehen und nicht zu überhören.

Er war ja schon früher da, aber die Buchmesse reagierte sonst stets mit dem einfachen Instrument der Platzierung: Die Betreiber der Wochenzeitung »Junge Freiheit« etwa wurden meist am Rande einer Messehalle abgestellt, in der Ecke, am Ausgang. Neben denen wollte ja niemand den ganzen Tag sitzen. Schließlich war keinem Kleinverleger zuzumuten, wenn er einmal aufs Klo geht, ausgerechnet die Standnachbarn von der extremen Rechten zu fragen, ob sie kurz auf seine Bücher aufpassen können.

Das Argument, dass die Rechten durch diese Platzierung am Messekatzentisch einen Opferstatus für sich reklamieren könnten, gab es schon damals. Und wie falsch es war (und ist), merkt man daran, dass diese Verlage nun in der Mitte der Messe angekommen sind – und nun noch lauter klagen, sie seien Opfer.

In der Halle 3.1., wo viele Kleinverlage und etliche der renommierten Großverlage untergebracht waren, fanden sich die rechten Vordenker vom Antaios-Verlag.

Scheitel Zwei Kinder hatte der Antaios-Verlag, der von den Eltern der beiden – Götz Kubitschek und Ellen Kositza – im Rittergut Schnellroda betrieben wird, vor seinen Stand gestellt, um Flugblätter zu verteilen. Ein »Offener Brief an die Amadeu Antonio Stiftung« wurde von den Kleinen im Gewühle jedem Besucher aufgedrängt. Sie, ein blondes Mädchen mit Zopf; er, ein blonder Junge mit exaktem Scheitel und einer Haarmode, die vor etwa 80, 90 Jahren modern war.

»Eine bewusste ästhetische Setzung«, notierte Arno Frank in der »taz«. In dem Offenen Brief, verfasst von Ellen Kositza, wurde die Stiftung, die seit Jahren gegen Rechtsextremismus arbeitet, aufgefordert, sich »endlich« einer Diskussion mit den Rechten zu stellen. Mit Rechten reden! Das war das große Thema der Buchmesse, und es war nicht zuletzt durch das teils übergriffige und in jedem Fall aggressive Auftreten von Verlagen wie Antaios von ebendiesen Rechten gesetzt worden.

Während die Amadeu Antonio Stiftung wusste, welchen Nachbarn sie erwartete, war man bei der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank, die auch in unmittelbarer Nähe platziert war, mehr als nur irritiert. Meron Mendel, der Leiter des Zentrums, sagte: »Als wir unseren Stand gebucht hatten, haben wir nicht damit gerechnet, dass wir in diesem Umfeld untergebracht sind.«

Mendel verweist darüber hinaus auf einen Aspekt, der offensichtlich den Buchmessenmachern nicht aufgefallen ist. »Es kann nicht sein, dass einzelne Akteure wie die Bildungsstätte Anne Frank oder die Amadeu Antonio Stiftung die Stellung für die gesamte Mehrheitsgesellschaft halten müssen.«

ignoranz Als Repräsentant einer solchen Mehrheitsgesellschaft, die ihre Ignoranz als Überparteilichkeit feiert, fungiert die Buchmessenleitung, die in einem Statement behauptet, das alles habe nur »zwischen linken und rechten Gruppierungen« stattgefunden. Was die Messemacher formulierten, können sie auch aus dem Polizeibericht abgeschrieben haben, wo von »vereinzelten Provokationen zwischen ›politisch links‹ und ›politisch rechts‹ gerichteten Besucherinnen und Besuchern und Standbetreibern« die Rede ist.

Die deutsche Rechte steht nicht mehr am Rand, weder im Bundestag noch auf der Buchmesse. Das ist nirgends zu übersehen. Die Mehrheit stellt die Rechte nicht, vielmehr ist sie, wie es in der »taz« hieß, »nur ein winziger Fleck« inmitten der Quadratkilometer großen Ausstellungsfläche. »Ein Fleck allerdings, der – wie beim Hautarzt – mehr besorgte Aufmerksamkeit weckt als die ganze übrige Fläche zusammen.«

Es war die bewusste Entscheidung der Messeleitung, Verlage der extremen Rechten in die Mitte der Repräsentanten des hiesigen Geisteslebens zu stellen. So, als könnte man mit ihnen den gepflegten Diskurs der Talkshows, Podiumsdiskussionen und Autorengespräche pflegen.

Was passierte, als Antaios, »Junge Freiheit« und Co. ihre Veranstaltungen durchführten, waren aber Sprechchöre: »Sieg Heil!«, »Jeder hasst die Antifa!« und gezielte Faustschläge, um die sich im rechten Publikum keiner scherte. Robert Lüdecke von der Amadeu Antonio Stiftung bilanziert: »Es hat sich gezeigt, was passiert, wenn man der Neuen Rechten einen Raum bietet – sie versucht, ihn mit allen Mitteln zu besetzen.«

Gejammer Dass diese Verlage einen Missbrauch der jahrzehntelang gepflegten Liberalität im Bürgertum beabsichtigen, war schon an den Kindern, die im Gedränge Flugblätter verteilten, zu bemerken. Wäre es zu Rempeleien gekommen, hätte man das Gejammer, linke Gewalt vergreife sich gar an Kindern, angestimmt. Das blieb aus, also wird nun darüber gejammert, niemand habe das von den Kindern im Auftrag ihrer Eltern verteilte Dialogangebot ernst genommen.

Solange sie bei früheren Buchmessen am Rande der Messehallen untergebracht waren, jammerten sie, man grenze ihre Positionen aus. Nun, zeitgleich zum Platznehmen der AfD im Bundestag, durften die rechten Verlage ihre Stände in der Messemitte aufbauen und ihre als Diskussionen getarnten Veranstaltungen durchführen. Und schon jammern sie wieder, sie seien Opfer; niemand trete mit ihnen in den Dialog.

Der Historiker Volker Weiß fragt, ob aber nicht diese rechte Forderung, die von manchen Liberalen aufgegriffen wird, man möge sich mit ihnen inhaltlich auseinandersetzen, schon hohl sei. Es gehe der Neuen Rechten doch eindeutig darum, offene Diskurse auszuschalten. »In Publikationen von Antaios wird das Frauenwahlrecht infrage gestellt, ein einkommensabhängiges Klassenwahlrecht gefordert und die Demokratie zur Herrschaft der Minderwertigen erklärt.« Kaum verhüllter Hass auf Juden, mit Häme garniertes Kleinreden der Schoa – es bahnt sich an, dass das zur normalen und legitimen Meinungsäußerung avanciert. Die Frankfurter Buchmesse hat sich in diesem Jahr tatsächlich als Abbild politischer und gesellschaftlicher Zustände erwiesen.

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