Studie

Faktenreiche Zeitreise

Studie

Faktenreiche Zeitreise

Der Literaturwissenschaftler Thomas Sparr stellte seine Recherchen zu Anne Franks Tagebuch in München vor

von Nora Niemann  28.04.2024 11:39 Uhr

Im Februar 2021 startete das Projekt »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland«, das deutschlandweit dazu aufrief, sich mit jüdischen Themen aller Art zu befassen. Die Münchner Volkshochschule (MVHS) stieg mit dem Programmschwerpunkt »Erinnerung für die Zukunft« ein.

Eine Reihe, die dabei in Kooperation der MVHS mit dem Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde entstand, erhielt den Titel »Zwiesprachen zwischen gestern und heute« und war Persönlichkeiten gewidmet wie Hannah Arendt, Walter Benjamin und Heinrich Heine, vorgestellt von Micha Brumlik, Wolfram Eilenberger und Wolf Biermann.

Das Besondere: Das Jubiläumsereignis endete im Dezember 2022, die Reihe ging weiter. Inzwischen gab es Zwiesprachen mit Grete Weil, Rembrandt und seinen jüdischen Nachbarn und Siegfried Kracauer. Und jüngst war der Literaturwissenschaftler und Publizist Thomas Sparr, der 2023 anhand der Rezeptionsgeschichte der »Todesfuge« eine Zwiesprache mit Paul Celan hatte, zu Gast in München, und zwar mit seiner Recherche zur »Biographie des Tagebuchs der Anne Frank«.

Verbreitung und Verwertung des Tagebuchs

Den Auftrag dazu hatte Sparr vom Anne Frank Fonds in Basel erhalten, den Otto Frank 1963 gründete, um die Verbreitung und Verwertung des Tagebuchs seiner Tochter, aber auch dessen Schutz zu gewährleisten. Sparrs Vortrag, angelehnt an seine faktengesättigte Studie in zwölf Kapiteln plus Epilog, erwies sich als spannende Zeitreise.

Sein erstes Streiflicht bezog sich auf den Staatsbesuch von Bundespräsident Gustav Heinemann im November 1969 in den Niederlanden. Während das Veto des damaligen Rabbiners Jacob Soetendorp den Besuch des deutschen Staatsoberhaupts im Anne Frank Haus verhinderte, gehört die Besichtigung inzwischen zum Standardprogramm.

Sparr belegte anschaulich die Würdigung des Tagebuchs, von dem es mehrere Versionen gibt.

Sparr belegte anschaulich die Würdigung des Tagebuchs, von dem es mehrere Versionen gibt, zwei allein von Anne Frank, die noch begonnen hatte, ihre Notizen für eine publikationsreife Fassung zu überarbeiten. Anne Frank wollte einmal Schriftstellerin werden. Fantasie, Leichtigkeit, Eleganz in Schreiben, Humor, alles, was ihre Aufzeichnungen widerspiegeln, trug zu dem infamen Gerücht einer Fälschung bei.

So studierte Sparr nicht nur Verlagskorrespondenzen, Theaterkritiken und Filme, sondern auch Gerichtsprotokolle. Ihn faszinierte die Wahrnehmung des wohl weltweit berühmtesten Schoa-Zeugnisses. In Japan steht die Pubertät der Heranwachsenden im Vordergrund. In München sorgte 1956 eine Aufführung an den Münchner Kammerspielen für Widerspruch, weil NS-Marschmusik eingeblendet worden war. Der Tausch einer echten Katze, wie es sie im Versteck gegeben hatte, zunächst gegen eine Schildkröte und dann gegen eine ausgestopfte, war dagegen marginal. Wer den Vortrag verpasste, sollte unbedingt Sparrs Buch lesen.

Thomas Sparr: »›Ich will fortleben, auch nach meinem Tod‹. Die Biographie des Tagebuchs der Anne Frank«. S. Fischer, Frankfurt 2023, 336 S., 25 €

Leipzig

Ausstellung mit Fotografien von NS-Deportationen

Mehrere Hunderttausend Menschen wurden in der NS-Zeit aus dem Deutschen Reich deportiert. Ein Forschungsprojekt sichert seit Jahren fotografische Dokumente. Einige zeigt jetzt das Leipziger Ariowitsch-Haus

 13.08.2026

Jubiläum

25 Jahre Jüdisches Museum Berlin: Risse in der Geschichte

2001 öffnete das Jüdische Museum seine Türen für die Öffentlichkeit. Der Bau des bekannten Architekten Daniel Libeskind stand da schon. Und spricht bis heute eine eigene Sprache

von Nikolas Ender  13.08.2026

NRW

Antisemitismus: Konzert der Rapper Kneecap in Oberhausen geplant, Absage gefordert

Die Veranstalter sagen, Vorwürfe der Terrorverherrlichung gegen die nordirische Band würden ernst genommen und »intensiv geprüft«. Eine Absage komme aber nicht infrage

 13.08.2026

Comics

Asterix’ Vater

Vor 100 Jahren wurde René Goscinny geboren. Der Erfinder des gallischen Dorfes hat mit seinem jüdischen Humor ein Genre neu erfunden

von Alexander Kluy  13.08.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  13.08.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 12.08.2026

Rapper Pashanim während eines Konzertes auf der Bühne

Hiphop

Rapper Pashanim: »Free Palestine« als Verkaufsschlager

Auf seinem neuen Album »Lounge Musik« rappt der Berliner Musiker Pashanim wiederholt über den Israel-Palästina-Konflikt – Kokettieren mit dem palästinensischen Terrorismus inklusive

von Lennart Wilsch  12.08.2026

TV-Kritik

Geschäftsmodell Hass - ARD zeigt Serie über gewaltbereite Hooligans im israelischen Fußball

Die Dramaserie »Hooligans« blickt in den Abgrund rechtsextremer Fußballgewalt. Dass sie es ausgerechnet in Israel tut, macht den Achtteiler zur hochpolitischen Unterhaltung

von Jan Freitag  12.08.2026

Programm

Summer Open Airs in Frankfurt und Hannover, und ein Rendezvous für Hercule Poirot - mit einer Leiche

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 13. August bis zum 20. August

 12.08.2026