Krimi

Walkürenritt und Schweinswürste

Kerstin Ehmer lässt in »Der weiße Affe« einen jüdischen Kommissar im Berlin der 20er-Jahre ermitteln

11.10.2017 – von Ute CohenUte Cohen

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Ein jüdischer Bankier, der sich bei seiner Walküren-Geliebten mit Schweinswürsten überfrisst, der aufgespießte Rotschopf einer polnischen Kostümbildnerin und ein weißer Porzellanaffe – Kerstin Ehmers historischer Krimi Der weiße Affe spielt im Berlin der 20er-Jahre, einem Moloch, der an Maupassants Paris und David-Lynch-Grotesken erinnert.

Der Plot erscheint zunächst simpel: Der Bankier Eduard Fromm wird ermordet im Treppenhaus seiner Geliebten aufgefunden. Der junge, aus der Provinz stammende Kommissar Ariel Spiro geht übereifrig ans Werk und blamiert sich bis auf die Knochen. Vom Liebeskummer geplagt, der Häme missgünstiger Kollegen ausgesetzt, scheint Spiros Großstadt-Exkursion gescheitert. Dann aber ereignet sich ein zweiter Mord, dessen Brutalität den Jagdinstinkt des Kommissars aufpeitscht.

Halluzination Die parallelen Erzählstränge, die Ermittlungen im Fall des ermordeten Bankiers und die Drogenhalluzinationen eines eingesperrten Kindes überkreuzen sich in einem fatalen Ereignis. Spiro irrt durch Berlin, stolpert durch den Modder und macht bei Leydickes süßem Bitter und jüdischer Gans im Scheunenviertel Bekanntschaft mit allerlei Sumpfblüten.

Prostituierte und die aufklärerische Sexualmoral Magnus Hirschfelds treffen auf ausgezehrte, Windeln kochende Proletarierinnen, Zuhälter, Hehler und die Vorboten des Nationalsozialismus. In seinen rauschhaften Streifzügen durch Berliner Biotope verliert sich Spiro in Schein und Sein: Ein jüdischer Bankier wird von seinen Kindern Shylock getauft, nach Shakespeares Kaufmann, dessen Schuldner mit dem eigenen Fleisch büßen müssen. Und wie steht es mit Ariel Spiro selbst: Ist er nach dem Löwen Gottes oder nach Shakespeares versklavtem Luftgeist benannt?

Kommissar Ehmer spielt mit Identitäten und führt den Leser ebenso wie ihren Kommissar auf falsche Fährten. Als Symbol für diese Irrfahrten pflanzt sie gleich zu Beginn den »Weißen Affen« auf. Ob der Porzellanaffe tatsächlich Teil des »Judenporzellans« ist, das Friedrich der Große Moses Mendelssohn zum Kauf gegen das Privileg einer Heirat aufgezwungen hat, ist historisch nicht belegt. Um den Affen ranken sich Geschichten, die so unwahr und so wahr sind wie das Jüdischsein der Hauptfiguren. Der Porzellanaffe steht im Biedermeier-Puppenstübchen der Prostituierten, wird vererbt an die Bankierstochter, die freidenkerische Amazone Nike, und zerschellt schließlich in einem Audi-Erben-Suppen-Aufprall auf der Gitschiner Straße.

Er steht symbolisch für Antisemitismus, verlorene Identitäten und animalische Rohheit. Ariel Spiro verfolgt er bis in seine Träume: »Auf einem hohen, dreibeinigen Tisch hockt er selbst, gemacht aus Porzellan, hält mit kurzfingrigen, haarigen Händen seinen langen haarigen Schwanz, große Zähne grimassieren ein Grinsen im weißen Affengesicht.« Erst nach Auflösung der Mordfälle und einem Gespräch mit der Mutter findet Spiro Erlösung. Der Konflikt zwischen Assimilation und Selbstbehauptung zersplittert wie der Affe, Symbol der Grausamkeit der Obrigkeit gegen jüdische Denker.

Ehmer begleitet die Entlarvung, die Suche ihres Kommissars in einer Sprache, die trotz ihrer bildlichen Strahlkraft weder anbiedernd noch falsch wirkt. Der Metaphernreichtum passt zu Figuren, die sich selbst als erschaffen fühlen »wie ein Golem«, verkleidet und geschmückt oder tönern und leer. Und trotz aller Grausamkeit schenkt Ehmer uns einen Hoffnungsschimmer. Ariel Spiro ist ein Retter: »Im Talmud steht, dass die Welt trotz all ihrer Sünden nicht untergeht, solange auf ihr noch 36 Gerechte leben, die in der Not mittels ihrer selbstlosen Taten uns alle retten.« Berlin ist nicht verloren.

Kerstin Ehmer: »Der weiße Affe«. Pendragon, Bielefeld 2017, 280 S., 22 €

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