Literatur

Endstation Berlin

Lana Lux legt mit »Kukolka« ein gnadenlos realistisches Buch über Ausbeutung, Gewalt und Schikane vor

07.09.2017 – von Lena GorelikLena Gorelik

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Es gibt beim Lesen extrem guter Romane diesen einen Moment, wenn die Geschichte keine Geschichte mehr ist. Wenn man zum Beispiel in der Bahn beim Lesen aufschaut und erstaunt feststellt, dass man die Haltestelle verpasst hat, an der man hätte aussteigen sollen; nicht, weil man die richtige Haltestelle vergessen hätte, sondern das andere: dass man sich überhaupt in der Bahn befindet. Weil sich der Protagonist im Roman – und mit ihm der Leser – gerade an einem ganz anderen Ort befindet. Über solche Romane sagt man dann, der Autor oder die Autorin entführe einen in eine andere Welt.

Die Welt, in die Lana Lux’ Roman Kukolka den Leser entführt, ist eine, der man auf den ersten Seiten bereits wieder entfliehen möchte. Das möchte man dann über beinahe 400 Seiten hinweg, man zittert mit Samira, die das auf diesen Seiten verzweifelt, verbissen, zuweilen auch verwirrt versucht. Man möchte zusammen mit Samira ihrem Schicksal entfliehen oder dem, was das Mädchen als Leben kennenlernen muss.

Flucht Weil Samira aber am Beginn des Romans klein ist – und selbst am Ende ist sie erst 15, auch wenn sie wie 18 aussieht und mehr durchgemacht hat als die meisten von uns bis zum Lebensende –, weil Samira am Anfang nur ein kleines, fünfjähriges Mädchen mit großen braunen Augen ist und man ihr noch nicht zutraut, alleine fliehen zu können, möchte man nichts lieber als das: sie diesem Leben, diesen Seiten entreißen, sie packen und in eine andere Wirklichkeit stecken, in eine, in der die Kinderrechtskonvention der UN etwas zählt. So groß denkt man bei diesem Roman, dabei hat man da bloß die ersten paar Seiten gelesen.

Der Roman setzt da ein, wo Samiras Erinnerung beginnt: als sie fünf ist. Sie wächst in einem ukrainischen Kinderheim auf. Dunkle Augen hat sie, dunkle Haare, dunklere Haut als die anderen Kinder, weshalb sie Zigeunerin genannt wird, aber was das bedeutet, davon hat sie keine Ahnung. Etwas Gutes kann das nicht heißen, das ist mehr Gefühl als Wissen, und mit ihren Eltern wird es wohl zu tun haben, aber wie das sein kann, weiß Samira nicht, die glaubt, niemals Eltern gehabt zu haben.

Das Leben in dem ukrainischen Kinderheim ist so trist wie hoffnungsleer, es wird in Schläge und Strafen anstatt in Stunden eingeteilt. Samira ist ein Kleinkind, und Lana Lux hat diese Gabe: uns die Welt einer Fünfjährigen zu schenken. Man nennt es den Kinderblick, und der Kinderblick ist etwas, woran Romane häufig scheitern: Weil es eben Erwachsene sind, die die Romane schreiben.

Und weil wir Erwachsene uns zwar an einzelne Gefühle aus der Kindheit erinnern, aber nicht mehr wissen, wie es ist, einen Stuhl hinaufzuklettern, einen Lichtschalter zu erreichen, sich die Welt erklären, erobern zu müssen. Deshalb ist dieser Roman so gut: Lana Lux hat den kindlichen Blick nicht verloren. Sie sieht die Welt mit Samiras Augen, die sich diese Welt zurechtdenkt, kindliche Fantasien findet, wo sie keine Erklärungen bekommt, als Wahrheit annimmt, was ihr als solche präsentiert wird.

Träume An jedem letzten Samstag im Monat kommen Paare ins Kinderheim, die an einer Adoption interessiert sind. Die Kinder werden zurechtgemacht, man könnte sagen, sie werden zurechtgestutzt, mit geradem Rücken in Reihen und Kreisen aufgestellt, sie sollen sich von ihrer besten Seite zeigen. Sie wissen noch nicht, dass sie auch ihrer Würde beraubt werden, aber sie wissen, dass diese Paare, wenn sie wieder gehen, die Hoffnung und die Träume mitnehmen. An einem solchen Samstag wird Samiras beste und einzige Freundin auserwählt – und von einem deutschen Ehepaar adoptiert.

»Er roch nach Seife und Minze und Parfum. Er roch reich«, lässt Lana Lux Samira über den Deutschen sagen, und das ist einer dieser Sätze, die den Roman so besonders machen: Sie sind kurz, aber sie sagen alles und mehr. Das Ehepaar nimmt Samiras beste Freundin mit, die ihr einen Schatz und einen Traum hinterlässt; beides wird Samira von nun an durch die Hölle, die sie Leben nennt, begleiten: eine Barbie und das in einem Brief enthaltene Versprechen ihrer besten Freundin, dass ihre neuen Eltern bestimmt auch Samira adoptieren werden. Samiras Traum heißt: Deutschland.

Mit dem Traum im Kopf flieht Samira aus dem Kinderheim und wird auf der Straße von Rocky aufgelesen, der sie mit ebendiesem Traum lockt: Wenn sie für ihn betteln geht, verspricht er ihr, werde er für sie – gegen Kost und Logis – Geld sparen, damit sie genug für eine Fahrkarte nach Deutschland hat. Bei Rocky lernt Samira betteln, klauen und kochen und so vieles andere, was ein Kind nicht kennen sollte: was Abhängigkeit ist, Drogen, eine Abtreibung und auch den Tod.

Zuhälter In knappen und deshalb so grausamen Bildern lässt Lana Lux Samira – die von Rocky schnell in »Kukolka« umbenannt wird, was so viel wie Püppchen bedeutet – erwachsen werden. Nie heischt die Autorin um Mitleid, weshalb einem beim Lesen die Tränen kommen. Das Püppchen ist zwölf, als sie meint, ihre große Liebe zu treffen: einen Zuhälter, der ihr erst die Welt zu Füßen legt und ihr selbst den größten ihrer Träume erfüllt – sie mit nach Deutschland zu nehmen. Wo er sie an Freier verkauft und drogenabhängig macht. Spätestens hier hat man als Leser den Glauben an ein Happy End verloren.

Der Roman ist auch ein Bericht geworden: Er berichtet von einer Welt, vor der wir gerne die Augen verschließen. Alles, was Samira durchmachen muss, ist für manche Mädchen in unseren Städten Realität. Sie verrotten in diesem Leben. Lana Lux gibt Samira am Ende eine Chance, dem Grauen zu entkommen; der Leser ist ihr hierfür ausgesprochen dankbar – und verschließt vielleicht gerne wieder die Augen: Weil es in der Wirklichkeit leider meist anders läuft.

Lana Lux: »Kukolka«. Aufbau, Berlin 2017, 375 S., 22 €

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