Studie

Mein Papa, der Rabbi

Shulamit Kitzis untersucht Rabbinerfamilien und fragt nach dem besonderen Verhältnis der Kinder zu ihrem Vater

07.09.2017 – von Yizhak AhrenYizhak Ahren

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Jede Familie hat ihre Besonderheiten, ihre Geheimnisse. Und doch kann derjenige Gemeinsamkeiten erkennen, der eine größere Anzahl von Familien erforscht, die zu einer bestimmten Gruppe gehören. So hat die israelische Pädagogin Shulamit Kitzis mehr als 30 Rabbinerfamilien untersucht, die dem religiösen Zionismus zuzuordnen sind.

Die Ergebnisse ihrer empirischen Untersuchung hat Kitzis in einem hebräischen Buch zusammengefasst, das solide gearbeitet ist und Einblicke in eine Welt gewährt, die Außenstehende vielleicht unbürgerlich anmuten wird. So zum Beispiel das »offene Rabbiner-Haus«, in dem ständig fremde Leute ein- und ausgehen, die Rat und Hilfe suchen.

doktorarbeit Die Autorin hat ihre Doktorarbeit über seelische Zusammenhänge geschrieben, mit denen sie überaus vertraut ist. Sie ist nämlich eines der sechs Kinder von Rabbiner Shimon Gershon Rosenberg, des Shagar (1949–2007), der als einer der bedeutendsten Vordenker der religiösen Zionisten gilt.

Kitzis hat 33 Frauen und Männer im Alter zwischen 25 und 64 interviewt, deren Väter als Rabbiner Führungspositionen innehatten. Ziel ihrer Befragung war es, herauszufinden, wie die Töchter und Söhne ihren im öffentlichen Raum wirkenden Vater erlebt haben. Leser ihrer Studie erfahren viele Einzelheiten sowohl über das Leben der angesehenen Toralehrer als auch über die eigentümlichen Erfahrungen von Rabbinerkindern.

Um die Privatsphäre der befragten Personen zu schützen, hat die Verfasserin ihre Familiennamen weggelassen und Vornamen ausgewechselt. Porträtiert werden nicht einzelne Familien, sondern vielmehr typische Konstellationen. Die Gesprächsprotokolle hat Kitzis im Hinblick auf Gemeinsamkeiten durchgesehen. Nacheinander bespricht sie folgende Themen: die Erfahrung, als Kind von Rabbiner Soundso aufzuwachsen; der physische Kontakt mit dem Vater; Begrenzungen; Vermittlung von Werten; Praktiken in verschiedenen Lebensbereichen, so unter anderem bei der Partnerwahl der Kinder.

abwesenheit Ein Problem, das vielen Rabbinerkindern sehr zu schaffen macht, ist die häufige Abwesenheit des Vaters. Aufgrund seiner Arbeit in einer Gemeinde oder Talmudakademie sind Rabbiner relativ selten zu Hause und auch dann oft mit Vorbereitungen für Lehrvorträge beschäftigt. Nicht selten klagen Kinder: »Für alle hast du Zeit – nur nicht für mich!«

Einer der Interviewten erzählte, er habe, ohne seinen Namen zu nennen, die Sekretärin seines Vaters angerufen und um einen Termin für ein Beratungsgespräch gebeten. Die häufige Abwesenheit des Rabbiners hat übrigens auch vielen Ehefrauen nicht gefallen. Es ist bemerkenswert, dass die meisten Mütter in der Kindererziehung eine härtere Linie als ihre Ehemänner vertraten.

Aus ihren Erfahrungen im Elternhaus haben viele Rabbinerkinder eine Lehre für sich gezogen: Sie bemühen sich, wesentlich mehr Zeit zu Hause zu sein, als ihre Väter es seinerzeit waren. Und sie geben sich viel Mühe, eine größere Nähe zu ihren Kindern zu entwickeln. Die Nachkommen haben offensichtlich eine Korrekturbewegung eingeleitet.

zeitgeist Kitzis zeigt anhand einiger Beispiele, wie sich der Zeitgeist in religiös-zionistischen Familien geändert hat. Zum Beispiel wird heute offener als früher über sexuelle Fragen gesprochen. Wer in einer Rabbinerfamilie aufwächst, von dem erwarten sowohl die Eltern als auch Gemeindemitglieder ein bestimmtes Verhaltensniveau auf religiösem Gebiet. Einige Heranwachsende haben sich diesen hohen Erwartungen entzogen und sich sogar für ein Leben als säkulare Juden entschieden.

Kitzis stellte jedoch überraschenderweise fest, dass die Abweichler in den von ihr untersuchten Familien nach einer gewissen Zeit zu einer religiösen Lebensweise zurückkehrten. Die Haltung des Vaters und Toralehrers erwies sich am Ende als sehr einflussreich. Alle Rabbinerkinder wollten die Tradition des Vaters im Prinzip fortsetzen, auch wenn ihre Fortsetzung mit nicht unerheblichen Abwandlungen verbunden war.

Der religiöse Zionismus, der etwas mehr als zehn Prozent der jüdischen Bevölkerung in Israel ausmacht, hat eine bestimmte neue Form des Rabbineramtes geprägt. Es ist ein Verdienst der Studie von Shulamit Kitzis, dass sie sowohl auf Problembereiche dieses Amtsverständnisses als auch auf ein sich abzeichnendes alternatives Rabbinerbild hinweist.

Sowohl die Beziehungen zwischen Rabbiner und Gemeinde als auch das Verhältnis zwischen Vater und Kind sind unter bestimmten historischen Bedingungen entstanden und daher nicht unveränderlich; in einem gewissen Maß sind sie modellierbar, und zwar unter Berücksichtigung der Bedürfnisse aller Beteiligten.

Shulamit Kitzis: »Religious Zionist Rabbis in the Eyes of Their Children«. Resling Publishing, Tel Aviv 2017, 327 S., 82 NIS

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